Tatort Indochina

 

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Trauma Vietnam (I)

 

 

Zerbombte katholische Kirche, Dong Hoi

 

Museum in Saigon: US-Touristen vor Fotos von Agent-Orange-Opfern

 

Heute wirkt Vietnam fast wie ein „normales“ Land: die Straßen der Städte vollgestopft von PKWs und jener Armada aus Motorrädern, Mopeds und Rollern, die so typisch ist für den Drang zum individuellen Kraftfahrzeug; Bauern mit ihren Strohhüten bis zu den Knien hinter Wasserbüffeln durch den Morast der  winzig parzellierten Felder watend, ein indochinesisches Idyll, das ein Klischee abbilden könnte, wäre es nicht die Realität der zweitgrößten Reis-Exportnation; Touristen an den Stränden des Südchinesischen Meeres, in weiten Buchten, die zu den schönsten der Welt gezählt werden, in den nördlichen Urwäldern an der laotischen Grenze oder in den riesigen Tropfsteinhöhlen, die sich bis zu 40 Kilometer weit durch das Kalkgestein ziehen.

  

Der Name Vietnam steht aber auch für ein Menschheitstrauma, eine Vorform der Apokalypse (um eine Anleihe bei dem Regisseur Coppola zu nehmen), die vielen Menschen, die nach 1970 geboren wurden, in ihrer grausamen Auswirkung und den historischen Folgen, die sie zeitigte, gar nicht mehr geläufig sind. Durchaus informierte Dreißig- oder Vierzigjährige zucken heute mit den Schultern, wenn Ältere vom Trauma des Vietnamkriegs sprechen und davon, wie dieser maßlose Konflikt einst das Bewusstsein unzähliger Menschen weltweit beeinflusst und die (Sub)Kultur auch und vor allem im Westen verändert hat. Tatsächlich dürfte keine militärische Auseinandersetzung im 20. Jahrhundert, sieht man von den beiden Weltkriegen ab, derart schwere Wunden geschlagen und eine bis in die Gegenwart reichende Bewusstwerdung bewirkt haben wie das Blutbad an der Ostküste Indochinas.

 

 Die Spur der Vernichtung

 

 Noch immer streiten sich die Statistiker, wie viele Menschen in den 17 Jahren des Krieges starben. Mittlerweile darf man aber davon ausgehen, dass es knapp drei Millionen waren, in der Mehrheit Zivilisten, vor allem Bauern, Frauen, Kinder und Alte, die im Bombenhagel der US-Luftwaffe oder bei der Zwangsumsiedlung in „Wehrdörfer“ durch CIA und südvietnamesische Armee umkamen. Die Folgen einer bedenkenlosen Kriegsführung sind in Vietnam auch heute noch sichtbar: Ruinen von Kirchen, die ins Visier der B-52-Bomber gerieten, unzählige durch Splitterbomben verstümmelte Menschen (s. auch „Der Tod in Laos“), Babies, die auch heute noch mit schrecklichen Missbildungen zur Welt kommen, weil einst der Wald durch „Agent Orange“, einem mit Dioxinen versetzten Herbizid, „transparent“ gemacht werden sollte. Obwohl man früh über die toxische Wirkung des Entlaubungsmittels wusste, wurde der Einsatz erst gestoppt, als US-Fronttruppen in den giftigen Regen gerieten. Die Veteranen erhielten später Entschädigungen von der Regierung in Washington, Hunderttausende von vietnamesischen Opfern gingen leer aus. Zu den wichtigsten Herstellern von „Agent Orange“ zählte übrigens der Chemie-Konzern Boehringer in Ingelheim. Der Geschäftsführung gehörte in der fraglichen Zeit (bis 1966) Richard von Weizsäcker an, der später als Bundespräsident zum Grandseigneur der deutschen Politik aufstieg. Eine sehr interessierte Führungskraft kann er bei Boehringer nicht gewesen sein, denn auf die Produktion von „Agent Orange“ angesprochen, erklärte er im Ruhestand, er habe erst Jahre nach seiner Tätigkeit in dem Unternehmen davon erfahren.   

 

 Knapp vier Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges ist Vietnam ein beliebtes Reiseland, aber auch ein Beispiel für historische Amnesie. Die jungen australischen, skandinavischen oder deutschen Strandtouristen, die ein Fahrradrikscha-Rennen durch die Straßen von Nha Trang veranstalten und von ihren Polstern aus die dünnen Fahrer zu Höchstleistungen anfeuern, wissen nichts von den Verheerungen der Vergangenheit – es würde sie wohl auch gar nicht interessieren.

 

 

Das Lügengebäude

 

Am 13. Juni 1971 begannen die „New York Times“ damit, brisante Unterlagen, die ihnen Daniels Ellsberg, hochrangiger Mitarbeiter im Verteidigungsministerium, zugespielt hatte, zu veröffentlichen. Alle US-Präsidenten seit Truman, so war in diesen „Pentagon Papers“ zu lesen, hatten die Öffentlichkeit bezüglich der wahren Absichten in Indochina belogen. Der Höhepunkt der Desinformation war erreicht, als Lyndon B. Johnson hatte 1965 einen von der US-Army provozierten Zwischenfall im Golf von Tonking zum nordvietnamesischen Angriff umdeutete und damit die Entsendung regulärer Truppen rechtfertigte (nachdem vorher bereits „inoffizielle Helfer“ en masse entsandt worden waren).

 

Den „New York Times“ wurde auf Betreiben der Nixon-Regierung die Veröffentlichung der Papiere gerichtlich untersagt, doch fünf Tage später begann die „Washington Post“ damit, Teile der Unterlagen abzudrucken. Die Presse obsiegte schließlich vor dem Obersten Gerichtshof der USA, und die Welt erfuhr, wie sich der wirtschaftlich-militärische Komplex mit Hilfe Washingtons die Lage zurecht gelogen und für den Krieg kompatibel gemacht hatte.

 

Erst jetzt erinnerte man sich wieder daran, dass es nach der Niederlage der Franzosen 1954 eine Geheimdienststudie gegeben hatte, der zufolge bei freien Wahlen in ganz Vietnam Ho Chi Minh eine komfortable Mehrheit erreicht hätte. Angesichts solch unerfreulicher Perspektiven betrieben die USA lieber die Teilung Vietnams und die Aufrüstung eines Marionetten-Regimes in Saigon.

 

Auch der Schlüsselroman „Der stille Amerikaner“, den der englische Schriftsteller (und ehemalige Geheimagent) Graham Greene bereits 1955 veröffentlicht hatte, war plötzlich wieder aktuell: In dem schmutzigen Duell zwischen einem alternden Briten und einem jungen, tatkräftigen Yankee im noch französisch dominierten Saigon geht es nur vordergründig um die Gunst einer Prostituierten. Tatsächlich entwirft Greene das Bild eines Kriegsschauplatzes, auf dem die abgehalfterte Kolonialmacht mittels Geheimdienstaktivitäten und Sabotage vom aufstrebenden US-Imperium verdrängt wird. Heute weiß man, dass die USA zwar den Kampf der Grande Nation gegen die Befreiungsbewegung finanziell und „moralisch“ unterstützten, nach der Weigerung der Europäer, nordamerikanische Truppen zuzulassen, aber ihr eigenes subversives Süppchen kochten und dabei über Leichen (auch die von französischen Verbündeten) gingen. Greene hatte seinen Plot so nahe an der Realität angesiedelt, dass gegen ihn fürderhin ein Einreiseverbot in die USA ausgesprochen wurde.

 

 

Der regionale Weltkrieg

 

Nachdem sich die Franzosen in Folge der Niederlage von Dien Bien Phu aus Vietnam zurückgezogen hatten, bewirkten die USA erst die widernatürliche Grenzziehung zwischen „kommunistischem Norden und demokratischem Süden“ und entsandten dann Zehntausende von Geheimagenten und Militärberatern, um das südvietnamesische Regime zu unterstützen. Dabei sprangen sie erneut nicht zimperlich mit ihren Verbündeten um. Als bekannt wurde, dass ihr Statthalter in Saigon, Präsident Diem, mit der FNL (Vietcongs) zu verhandeln beabsichtigte, gaben sie ihn – im wahrsten Sinne des Wortes – zum Abschuss durch die eigenen Militärs frei. Eine Reihe von korrupten Sadisten und Operettenherrschern nahm in den nächsten Jahren jeweils kurzzeitig auf dem Regierungssitz von Washingtons Gnaden Platz, das Land indes entglitt den Neo-Kolonialisten immer schneller. Im März 1965 war die Maske ab, und die US-Administration unter Johnson entsandte reguläre Kampftruppen (auf dem Höhepunkt waren es 500.000 Mann) und befahl die Bombardierung Nordvietnams.

 

Es ist viel über die Kriegsführung der USA geschrieben worden, daher sollen hier nur kurz die einige der bösartigsten Methoden erwähnt werden: Kugel- oder Splitterbomben wurden abgeworfen, die in der Luft explodierten und kleine Sprengsätze so dicht über Äcker oder Plätzen vor Kirchen und Tempeln verstreuten, dass Hunderttausende von Menschen verkrüppelt wurden (und immer noch werden). Mit Napalm wurden Menschen in Brand geschossen, die, wenn sie sich in Flüsse oder Teiche warfen, dort elend starben, da diese Substanz mit Wasser nicht zu löschen ist. Agent Orange sorgte nicht nur für entlaubte Wälder, sondern auch für Missernten und behinderte Kinder. Im Rahmen der Umsiedlung in Wehrdörfer wurden unzählige Bauernfamilien wie in My Lai (s. auch „Zwei Karrieren“) massakriert. In Spezialgefängnissen folterte man damals schon Gefangene und Unbeteiligte – oder ließ sie von Verbündeten foltern.

 

Zugleich sorgten die USA in einem Maße für die Internationalisierung der Kampfeinsätze, dass man fast von einem regionalen Kriegsschauplatz mit globaler Besetzung sprechen könnte. Jeweils 50.000 Soldaten aus Südkorea und Australien, dazu thailändische und neuseeländische Truppen kämpften und starben an der Seite der GIs. Die Luftwaffe und die Geheimdienste trugen den Krieg nach Laos und Kambodscha. Doch trotz des ungeheuren Aufwands an Menschen und Material begannen die Pentagon-Strategen langsam am Endsieg zu zweifeln. Ab 1969 wurden die Kampftruppen nach und nach abgezogen; vier Jahre später verließ der letzte reguläre US-Soldat ein verwüstetes und ausgeblutetes Land. Nach zwei weiteren Jahren brach das Marionetten-Regime in Saigon trotz immer noch immenser Aufrüstung durch das Pentagon und waffentechnischer Überlegenheit zusammen.

 

Die „Dolchstoßlegende“, die nach dem Ersten Weltkrieg von deutschen Militärs in Welt gesetzt worden war, um die Niederlage den „Verrätern“ an der Heimatfront in die Schuhe zu schieben, wurde nun in den USA aufgewärmt. Die Presse habe das Debakel publizistisch vorbereitet, linke und liberale Aktivisten, dekadente Musiker (etwa John Lennon), Schwule, Drogensüchtige und unpatriotische Weicheier seien die eigentlichen Schuldigen an diesem peinlichen Ausrutscher einer Weltmacht gewesen.

 

In der Tat war nie zuvor in der Geschichte das militärische Engagement und die Kriegsführung gewählter Regierungen im eigenen Land so kontrovers diskutiert worden, hatte sich eine Massenbewegung, die ihre Anhänger aus allen Teilen der Gesellschaft und allen Sparten der Kultur rekrutierte, so vehement gegen eine menschenverachtende Politik gestemmt. Und auch junge Menschen in anderen Ländern des Westens wurden von der Anti-Kriegswelle mitgerissen. Die „Heere aus der Nacht“ (Norman Mailer) umzingelten das Pentagon.

 

  

 

 

Trauma Vietnam II

 

 

Sommer 1969: Vor Hunderttausenden von Besuchern des Rock-Festivals in Woodstock verhöhnt Country Joe McDonald in einem Song, der um die Welt gehen sollte, die US-Administration und fordert die Studenten ironisch auf: „Legt Eure Bücher beiseite und greift zum Gewehr, wir werden eine Menge Spaß haben.“ Die Generäle und die Wall Street sollten ihre Chance nutzen, denn „der einzige gute Commie ist einer, der tot ist“. Den Eltern rät er, die ersten in ihrer Straße zu sein, die ihren Sohn in einem Sarg aus Vietnam zurück bekommen. Pete Seeger, der große alte Mann des politischen Folk, sagte später über diesen „Fixing-to-Die-Rag“, es sei der größte Hit in den USA der späten 60er und frühen 70er Jahre gewesen – ohne dass eine kommerzielle Rundfunkstation ihn je gespielt hätte.

 

Die Sommer der Politik

 

Dem unpolitischen summer of love der Hippies in San Francisco folgten die Jahre des Aufbegehrens, des Protestes gegen den Krieg und der großen Demonstrationen in den USA. Die Rock-Musik, damals noch nicht von den Kommerz-Strategen der Plattenkonzerne glattgebügelt, wurde in erstaunlichem Ausmaß zum lautstarken Organ der Friedensbewegung. In der Neujahrsnacht 1970 widmete Jimi Hendrix, selbst einst GI in Indochina, sein aufwühlendes „Machine Gun“, in dem seine Gitarre die Stakkato-Salven der MGs, das Heulen der Granaten und die Klagen der Opfer paraphrasiert, den US-Soldaten in Vietnam: „Wir wollen keine Geschosse mehr hören, keine Gewehre, keine Bomben. Lasst uns alle leben, statt zu töten.“  

 

Protestkundgebungen, wie sie die USA weder hinsichtlich der Teilnehmerzahl noch der Breite des politischen Spektrums jemals wieder erleben sollten, fanden 1968 statt: In „Die Heere aus der Nacht“ beschreibt der Schriftsteller Norman Mailer, wie Dichter der Beat-Generation, Bürgerrechtsaktivisten, Black Panther, Yippies (Mitglieder der Youth International Party, die sich als Widerpart zu den eher unpolitischen Hippies verstanden) und Pazifisten am Marsch auf das Pentagon teilnahmen, um gegen den Vietnamkrieg zu demonstrieren. Die „Fugs“ versuchten vor dem Verteidigungsministerium (vergeblich), die militanten Geister mit ihrer Hymne „Out Demons Out!“ zu bannen. Hunderte von Kriegsgegnern, darunter auch Norman Mailer („Die Nackten und die Toten“) selbst, wurden verhaftet. Repressiver ging es noch bei der Massendemonstration gegen die Nominierung des Kriegsbefürworters Hubert Humphrey zum Präsidentschaftskandidaten auf dem Parteikonvent der Demokraten in Chicago zu. Dem Kandidaten hatten die „Fugs“ bereits die Bühnenshow „Mein Humph“ gewidmet. Die aus Detroit angereisten Punk-Vorläufer „Motor City 5“ ließen Gitarrengewitter auf die Menge niederprasseln, Bürgermeister Richard Daley hingegen ließ die Hickoryholz-Knüppel der Polizeikräfte auf die Köpfe der Demonstranten niedergehen. Acht Aktivisten, die „Chicago Eight“, darunter die Studentenführer Abbie Hoffman und Jerry Rubin, wurden wegen Anstiftung zum Aufruhr angeklagt (und in Berufungsverhandlungen freigesprochen). Das Verfahren gegen den Black Panther Bobby Seale hatte die Justiz abgetrennt. Als Seale sich lautstark verteidigte, wurde er vor Gericht geknebelt und an seinen Stuhl gefesselt. Als er zum Zeichen des Protests mit den Handschellen rasselte, erhielt er vier Jahre Ordnungsstrafe. Dies ist der Hintergrund des heute kryptisch klingenden Liedes „Chicago“ von Graham Nash: „Wenn dein Bruder gefesselt und geknebelt ist, wenn sie ihn an einen Stuhl gekettet haben, kommt bitte in Chicago vorbei...oder schlagt euch auf die andere Seite!“ 

 

Ende April 1970 – Richard M. Nixon war inzwischen zum Präsidenten gewählt worden – marschierten US-Truppen in Kambodscha ein. Auf dem Gelände der Kent State University von Ohio sollten am 4. Mai tausend Nationalgardisten eine Protestversammlung auflösen. Als es ihnen nicht gelang, feuerten sie (ohne selbst in Gefahr zu sein, wie später das FBI feststellte) in die Menge. Vier Studenten starben. In dem Song „Ohio“ von Crosby, Stills, Nash & Young, der damals weltweit vielleicht einflussreichsten und populärsten Rock-Band, hieß es: „Tin soldiers and Nixon coming / We`re finally on our own / This summer I hear the drumming / Four Dead in Ohio!“ Schwer vorstellbar, dass heutzutage Marktführer des Music Business gegen die eigene Regierung ansingen würden.

 

Der Schock des Erwachens

 

Vietnam fand plötzlich nicht nur in der Rock-Musik statt. Gewerkschaften (beileibe nicht alle) mobilisierten gegen den Krieg, Farmer stellten ihre Wiesen für Peace-Happenings zur Verfügung, Filmstar Jane Fonda flog nach Hanoi, ebenso Folk-Sängerin Joan Baez. Zu verdanken war der Schock der Bewusstwerdung vor allem investigativen Printmedien wie den Tageszeitungen „Washington Post“ und „New York Times“ oder Magazinen wie „Life“ und „Rolling Stone“. Sie veröffentlichten Fotos von brennenden Napalm-Opfern und der Ermordung gefangener Vietcongs, sie schrieben als Erste über Massaker wie das von My Lai, deckten geheime Pentagon-Studien auf und entlarvten Nixon als Abhör-Fetischisten und Lügner.

 

Natürlich existierte auch weiterhin das „andere Amerika“ der Rednecks und militanten WASPS (White Anglo-Saxon Protestants). So schwadronierte Literatur-Nobelpreisträger John Steinbeck, der offenbar die Aussage seiner frühen Sozialepen „Früchte des Zorns“ und „Stürmische Ernte“ vergessen hatte, davon, dass es schade um die Bomben sei, die auf solches Gesindel abgeworfen würden. Und in den Hitparaden hielt sich die musikalische Durchhalteparole „Ballad of the Green Berets“. Doch angesichts der sich langsam dem letztendlichen Höchststand von 58.000 nähernden Anzahl gefallener GIs schien die übliche „schweigende Mehrheit“ landesweit in die Minorität geraten zu sein.

  

Als besonders fatal für Kriegspropaganda und Patriotismus-Appelle aber sollte die Wehrdienstverweigerung eines schwarzen Box-Champions erweisen.

 

„Abschaum“ an die Front

 

Muhammad Ali, Box-Weltmeister aller Klassen, sollte das prominenteste Opfer der wegen des Vietnamkriegs eingeführten allgemeinen Wehrpflicht werden. Man muss sicherlich kein Verschwörungstheoretiker sein, um zu dem Schluss zu gelangen, dass bestimmte Kreise den unbotmäßigen Champ, der, als Cassius Clay geboren und unter neuem Namen zum Islam konvertiert, gegen die Diskriminierung der Afro-Amerikaner aufbegehrte, aus dem Weg haben wollten. Als er sich 1967 nach seiner Einberufung weigerte, zum Militär zu gehen und ihm der Weltmeistertitel aberkannt wurde, war dies sicherlich ein harter Schlag für die Freunde des Profi-Boxsports, für die ethnischen Minderheiten in den USA aber war es das Signal, sich mit der eigenen Rolle in einem Krieg, in dem sie nichts zu suchen hatten, auseinanderzusetzen.

  

Während eines USA-Aufenthalts in den 80er Jahren hörte ich unisono von Afroamerikanern, Chicanos (von méxicanos) und Indianern, ihre Bevölkerungsgruppe sei an der Front im Dschungel und in den Reisfeldern überrepräsentiert gewesen, in den Einheiten also, die bei weitem die schwersten Verluste hatten, während rund 90 Prozent der GIs sich in der Etappe, d. h. in den Bordellvierteln von Saigon oder Da Nang, amüsiert hätten. Das Pentagon veröffentlichte zwar reichlich spät eigene Statistiken, denen zufolge keine signifikanten Unterschiede bei den Opferzahlen hinsichtlich der ethnischen Zugehörigkeit existiert hätten, doch schon ein Blick auf die Praxis der Rekrutierung belegt Diskriminierung: Es waren vornehmlich die weißen Söhne der Mittelschicht und Upper Middle Class, die sich mit medizinischen und psychiatrischen Attesten vor dem Wehrdienst drückten oder – wie der junge George W. Bush – zum „Heimatschutz“ in der Nationalgarde eingezogen wurden. Die Jungs aus der Bronx oder den barrios von Los Angeles hatten solche Optionen normalerweise nicht.

  

Nicht mehr nur Black Muslims oder Black Panthers erklärten, Vietnam sei nicht ihr Problem. Überall im Land gründeten traumatisierte Veteranen Verbände, die nichts mehr mit dem Heldengedröhne der American Legion zu tun haben wollten, und ein Ende des schmutzigen Krieges forderten. Und in den Südweststaaten schlossen sich ungewöhnlich viele Hispanics den Vietnam-Vets an.

  

Proteste in Westeuropa 

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg schien das Interesse an kolonialen oder post-kolonialen Kriegen hierzulande, in Südeuropa oder Großbritannien relativ gering. Deutschland hatte schon lange keine Kolonien mehr, Italien seine afrikanischen gerade verloren, und London entledigte sich schrittweise seiner überseeischen „Besitzungen“. Blieb Frankreich, das soeben aus Indochina hinausgeworfen worden war und sich nun in einem blutigen Krieg um seine Kolonie Algerien wiederfand. Während große Teile der Linken in Paris  sich dem Kampf der Befreiungsfront FLN gegenüber bestenfalls ambivalent verhielten, unterstützte der Philosoph Jean-Paul Sartre die Unabhängigkeitsbewegung rückhaltlos. Ständiger Korrespondenzpartner war ihm in dieser Zeit der in Martinique geborene Psychiater Frantz Fanon. Der Mann, der zum wichtigsten Revolutionstheoretiker der Dritten Welt werden sollte, quittierte 1956 seinen Dienst als Oberarzt im algerischen Blida und schloss sich der FLN an. Mit „Die Verdammten dieser Erde“ veröffentlichte er, kurz bevor er 1961 starb, sein Hauptwerk, in dem er u. a. die Auswirkungen des Kolonialismus auf die Psyche der Unterdrückten, die besonderen (originären) Bedingungen des afrikanischen Befreiungskampfes und die rigiden Strategien zur Sicherung der erlangten Unabhängigkeit charakterisierte.

  

Fanons Buch richtete sich in erster Linie an die Kolonisierten, nicht an die Europäer. Von orthodoxen Marxisten wurde es heftig kritisiert, da die „positive Rolle“ der westlichen Arbeiterklasse fehle und sich die Vorgehensweise zu wenig am klassischen Schema Lenins orientiere. Für viele Linke auch in Deutschland aber wurde es zum Anstoß, sich überhaupt mit den Geschehnissen in der Dritten Welt zu befassen.

  

Ein weiteres Momentum, das die Mobilisierung der Außerparlamentarischen Opposition (APO) bzw. der „68er Generation“ in Gang bringen sollte und ihren Blick auf die Situation von Drittwelt-Staaten im Würgegriff der USA schärfen sollte, war die gezielte Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg durch den Polizisten Karl-Heinz Kurras im Anschluss an eine Anti-Schah-Demonstration in Westberlin 1967. 

 

Dann aber schwappten in ähnlicher Intensität wie zuvor Rock`n`Roll oder Hollywood-Filme die Bilder vom Krieg in Vietnam aus den USA nach Deutschland. Für fast ein Jahrzehnt sollte fast kein Tag vergehen ohne Tagesschau-Bericht über den US-Aufmarsch, über angebliche Erfolge, neue Strategien, später auch über Massaker. Keine Tageszeitung mit seriösem Anspruch konnte es sich leisten, mehrere Ausgaben hintereinander ohne Feature, Durchhalte-Kommentar auf der rechten, skeptische Anmerkungen auf der liberalen Seite des Spektrums zu veröffentlichen. „Experten“, gerne auch frühere Wehrmachtsoffiziere, gaben ihren Senf zu jeder Truppenbewegung.

  

Für die APO aber, die sich bislang eher mit der braunen Spur des Nationalsozialismus und dem Versagen der Väter-Generation sowie wie dem „Muff aus 1000 Jahren unter den Talaren“ an den Universitäten beschäftigt hatte, wurde Vietnam das Fenster zur Welt. Und selbst eher unpolitische Rock-Fans bekamen eine Ahnung von der geo-politischen Schieflage, wenn sie Hendrix die Nationalhymne düster verfremden hörten oder Texte von Neil Young übersetzten.

  

Vietnam geächtet und boykottiert

  

Jahre nach ihrer Niederlage nutzten die USA die Chance, sich am nun vereinigten Vietnam zu rächen. Nach Grenzübergriffen und kurzzeitigen Besetzungen von Städten im Mekong-Delta durch die Roten Khmer (übrigens vom damaligen „Spiegel“-Korrespondenten Terziani dokumentiert) sowie Pol Pots Drohung, die starke vietnamesische Minderheit in Kambodscha zu eliminieren, marschierten vietnamesische Truppen an der Seite der Khmer-Rebellen von Hun Sen (heute gewählter Regierungschef in Pnom Penh) in das Nachbarland ein. Sie nahmen Pnom Penh ein und vertrieben die Roten Khmer, die sich im Dschungel an der thailändischen Grenze neu formierten.  

 

In den Jahren zuvor hatten westliche Beobachter berichtet, in Kambodscha finde ein Genozid statt, was leider auch von vielen Linken in Europa nicht ernst genommen wurde, da sie die Nachricht für pure Propaganda der US-Regierung hielten, die sie besonders lautstark verbreitete. Als nun die Vietnamesen die Massengräber entdeckten und das Ausmaß der Vernichtungskampagne (zwischen einer und zwei Millionen Opfer) öffentlich machten, änderte Washington plötzlich seine Meinung. Hanoi wurde der Lüge sowie eines Angriffskriegs beschuldigt und mit einem Wirtschaftsboykott belegt, der ökonomisch ähnliche Auswirkungen wie die Maßnahmen  gegen Kuba zeitigte. Zusammen mit der VR China sorgten die USA (und ihre Verbündeten, darunter auch die BRD) dafür, dass die Roten Khmer in der UNO-Vollversammlung ihren Sitz behielten. Eine von Pol Pots Truppen dominierte Dreier-Koalition wurde massiv aufgerüstet.

  

Als die Vietnam sich aus Kambodscha zurückzog, war das Land als Aggressor geächtet und weitgehend isoliert. Doch es blieb nicht so: Hun Sen konnte sich militärisch behaupten und gewann die Wahlen der letzten Jahre ziemlich souverän. Die VR China milderte ihre militante Haltung und ließ Pol Pot fallen. Vietnam unterhält zu Peking wie zu Washington inzwischen „normale“ Beziehungen.

  

Was bleibt?

  

Vietnam hat sich wirtschaftlich erholt. Es scheint, dass Ruhe eingekehrt ist in einem Land, das von einer Supermacht angegriffen und schwer zerstört wurde. Überall werden die Straßen ausgebaut, neue Hotels eröffnet, Fabriken hochgezogen. Die Befürchtung, dass der chinesische Weg beschritten wird, der strukturellen Fortschritt notfalls ohne Teilhabe der Bevölkerung vorsieht, mag vielleicht übertrieben sein, doch fällt der Run auf das schnelle Geld in den Städten auf (der auch von den abgehängten Bauern beklagt wird).  Der Besitz des eigenen KFZ wird zum Ziel aller Wünsche, während der öffentliche Nahverkehr zumindest in den Metropolen des Südens zu wünschen übrig lässt. Aber ein Fremder aus dem vergleichsweise wohlhabenden Europa kann wohl kaum beurteilen, wie viel Nachholbedarf in Sachen bescheidenen Komforts einem einst von mächtigen Feinden bettelarm gehaltenen Volk unter Berücksichtigung von Umweltverträglichkeit und nachhaltiger Entwicklung zugestanden werden muss.

  

Vielleicht möchten die Vietnamesen das Trauma des Krieges selbst gern vergessen. Als ich der sehr intelligenten und gut Englisch sprechenden Geschäftsführerin eines kleinen Hotels in Hué erzählte, ich wolle weiter nach Quang Ngai, um von dort aus My Lai zu besuchen, Schauplatz des weltweit bekanntesten US-Kriegsverbrechens, erklärte die junge Frau verwundert, sie habe noch nie von diesem Ort gehört.

  

Natürlich trifft man sie auch wieder in Saigon/Ho Chi Minh Stadt, die nordamerikanischen Buddies, die sich lauthals beklagen, dass die Regierung die Prostitution verboten habe und sie deshalb nach Kambodscha fahren müssten, um eine vietnamesische Nutte zu bekommen. Aber es gibt auch junge Menschen aus den USA, die im War Remnant Museum mit Trauer auf die Fotos von Kindern reagieren, die von Agent Orange für ihr Leben gezeichnet wurden.

  

Wir werden wohl nie mehr über einen militärischen Konflikt so viel erfahren wie über den Vietnamkrieg. Die USA (und wohl auch andere Großmächte) haben gelernt. Jetzt und in der Zukunft werden „embedded“ Journalisten sehen, was sie sehen sollen und vorhersehbar darüber berichten. Was uns bleibt, ist die Erinnerung an eine knappe Dekade, in der wenigstens einmal große Teile der Gesellschaft gegen die anonyme Macht aufbegehrten – und dass die Sache nicht ganz schlecht ausging.

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 03/2013  

 


 

Vietnam: Zwei Karrieren  

                    

  


Im War Remnant Museum von Saigon/Ho-Chi-Minh-Stadt stieß ich (zum Glück in verschiedenen Abteilungen) auf zwei Bildtafeln. Die obere zeigt Fotos des Hubschrauberpiloten Thompson (links) und seines Bordschützen Colburn, auf der anderen sind Leutnant Calley (links) und Captain Medina zu sehen. Mit diesen Männern verbindet sich auf höchst unterschiedliche Weise der Schreckensname My Lai.

 

Am 16. März 1968 marschierten GIs der Task Force Baker mit dem Auftrag, nach Vietcongs zu suchen, in den südvietnamesischen Weiler My Lai, Verwaltungsbezirk Quang Ngai, ein. Guerillas der Nationalen Befreiungsfront fanden sie nicht, aber sie ermordeten 503 Zivilisten, darunter 182 Frauen und 172 Kinder. Was Babies, Mädchen oder Greisen vor ihrem Tod zu erleiden hatten, soll hier nicht weiter ausgeführt werden. Die Einstimmung der Soldaten auf den blutigen Einsatz hatte Captain Ernest Medina mit flapsigen Bemerkungen übernommen. Während des Massakers fiel er durch die Gewissenhaftigkeit auf, mit der er verletzte Bauern erschoss. Erst 18 Monate später gelang es dem investigativen Journalisten Seymour Hersh, das Kriegsverbrechen ins Bewusstsein einer widerwilligen US-Öffentlichkeit zu rücken. Befehligt und angetrieben waren die Männer durch den Leutnant William Calley worden, der als einziger Beteiligter verurteilt wurde, und zwar zu lebenslänglich wegen 22-fachen Mordes. Er verteidigte sich später mit den Worten: „Wir waren nicht da, um menschliche Wesen zu töten, wir waren da, um eine Ideologie zu töten, um den Kommunismus zu zerstören.“ Präsident Nixon sah dies wohl ähnlich und begnadigte Calley 1974. 

  

Über dem Schauplatz des Massakers kreiste der Militärhubschrauber von Hugh Thompson. Der Helikopter-Pilot sah, was sich am Boden ereignete, versuchte Hilfe für die Verletzten anzufordern, nur um mitzubekommen, dass seine Vorgesetzten sich gerade selbst blutige Hände holten, landete schließlich und befahl seinen Bordschützen Glenn Andreotti und Lawrence Colburn, die Waffen auf die eigenen Truppen zu richten. So gelang es ihm, mindestens elf Dorfbewohner auszufliegen und vor dem sicheren Tod zu retten. Thompson war kein Pazifist oder Rebell. Er flog noch viele Einsätze in Vietnam, wurde fünfmal abgeschossen, dabei schwer an der Wirbelsäule verletzt. Er war nur der Meinung, dass man nicht zusehen dürfe, wenn grundlos Menschen gequält und getötet werden. Nach My Lai vergingen 30 Jahre, bis ihm die US-Armee (ich nehme an, widerwillig) die Tapferkeitsmedaille verlieh. Jahre zuvor hatten dankbare Einwohner von My Lai ihn und den Schützen Colburn nach Vietnam eingeladen. Der „Spiegel“ berichtete aus diesem Anlass über ihn als alkoholabhängigen Mann. Thompson starb 2006 an Krebs. 

 

William Calley und Hugh Thompson, Angehörige derselben Armee, aber gegensätzlich Handelnde mit höchst unterschiedlichen Vorstellungen von Pflicht wie Verantwortung und - daraus resultierend - Karrieren. Wer die Art und Weise, wie die USA in der Dritten Welt Kriege führen und wie die Methoden in den einflussreichen Kreisen goutiert werden, beobachtet hat, wird die folgende Frage ohne längeres Nachdenken beantworten können: Welcher der beiden Soldaten wurde kurz nach My Lai drangsaliert und als „Nestbeschmutzer“ abgestempelt, und wer machte seinen Weg als hoch dotierter Veranstaltungsredner und gefeierter Ehrengast auf Veranstaltungen der politischen Rechten?


04/2013

  

    

 

 

 

Laos


Die Verminung der Zukunft

oder 

Der Krieg, den es nicht gab

 

 

Ebene der Tonkrüge

  

 

"Bombis" in Phonsavanh

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hmong-Dorf: Bomben zu Zwiebelbeeten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vor etwa zweieinhalbtausend Jahren stellte ein Volk, von dessen Herkunft und Geschichte wir heute nichts mehr wissen, Unmengen von voluminösen, bis zu drei Meter hohen Steinbehältern auf eine steppenartige Hochebene im Nordosten des ansonsten dicht bewaldeten Laos. Wozu sie dienten, kann man heute nur vermuten: Begräbnisurnen? Wasserbehälter? Festpokale? Die großflächige Denkmalstätte wurde von der UNESCO als Weltkulturerbe deklariert, sie dürfte das global gefährlichste Menschheitsmonument sein. Denn die „Ebene der Tonkrüge“ („Plain of Jars“) war in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts das militärisch-strategische Herz Indochinas und wurde von der Supermacht USA zerbombt und vermint wie kein anderer Ort dieser Erde.

 

Nur drei Bereiche des kargen, morgens oft nebligen Terrains dürfen die Besucher aus aller Welt betreten, und dann müssen sie sich auf klar begrenzten Wegen und Geländeabschnitten aufhalten, denn abseits davon drohen noch fast dreißig Jahre nach dem Ende eines Krieges, den es offiziell nie gab, Tod oder Verstümmelung. Zwischen 1964 und 1973 warf die US-Luftwaffe über zwei Millionen Tonnen Sprengsätze auf Laos ab – mehr als im gesamten Zweiten Weltkrieg auf alle Feindstaaten zusammen. Neun Jahre lang leerte Tag und Nacht alle acht Minuten ein Bombenflugzeug seine Schächte über einem kleinen Land, dem Washington nicht einmal den Krieg erklärt hatte, keine Gegend der Welt wurde jemals so lückenlos vermint wie die Ebene der Tonkrüge mit den umliegenden Feldern und Weiden.

 

Wenn in Deutschland bei Bauarbeiten heutzutage noch eine Fliegerbombe gefunden und entschärft wird, ist das zumindest der regionalen Presse eine Schlagzeile wert; in Laos ist das Entdecken oder das verhängnisvolle Auslösen von UXO (Unexploded Ordnance), wie die internationale Abkürzung für Blindgänger lautet, bitterer Alltag. Und die Bomben, von denen noch 500 000 Tonnen in der Erde liegen sollen, sind weitaus tückischer als ihre Pendants im Zweiten Weltkrieg: Es handelt sich nämlich um Cluster-Bomben, Behälter, die in der Luft explodierten und jeweils 670 tennisballgroße Sprengsätze (verniedlichend „Bombis“ genannt), die wiederum bei einer Detonationbis zu 200 000 Metallsplitter über mehrere Hektar verstreuen, auf das Land regnen ließen. Das Kalkül hinter dem vernichtenden Schrapnelleinsatz: Die Opfer sollten nicht unbedingt sofort sterben, Leichen verschwinden in Kriegszeiten schnell unter der Erde und aus dem öffentlichen Bewusstsein, schwer verletzte und verkrüppelte Menschen aber müssen versorgt werden und können die Bevölkerung allein durch ihren Anblick demoralisieren.

  

Es hatte 1954 mit der fatalen Domino-Theorie der Eisenhower-Administration begonnen, der zufolge in Südostasien und anderswo in der Dritten Welt jeder Staat einem Spielstein ähnelt, der, wenn er kippt (sich dem Sozialismus zuwendet), alle anderen Steine mit umwirft. Die alte Kolonialmacht Frankreich, soeben in Vietnam geschlagen, verabschiedete sich aus Indochina, und die USA traten auf den Plan, um sich einen weiteren Hinterhof (neben Lateinamerika) zu sichern. Unglücklicherweise hielten sie das bettelarme und dünn besiedelte Laos in typischer Spielermentalität für einen gewichtigen Dominostein.

 

Als 1958 die Partei der sozialistischen Pathet-Lao-Befreiungsbewegung die Wahlen gewann und 13 von 21 Posten in einer Koalitionsregierung mit Royalisten und „Neutralisten“ beanspruchten, drängten die US-Militärberater die rechten Kräfte zum Putsch. Linke Angeordnete wurden getötet oder verhaftet, die Pathet Lao gingen in den Untergrund und zogen ihre Kämpfer auf der Ebene der Tonkrüge zusammen. Die USA dementierten jede direkte militärische Intervention, starteten aber die größte Unternehmung in der Geschichte des Geheimdienstes CIA, der sein Hauptquartier in Long Cheng aufschlug. Binnen kurzem stellten die Agenten ein Heer von 30 000 Milizionären auf, das sich aus regulären GIs, die vorübergehend ihre Uniformen auszogen, thailändischen Söldnern, Leibeigenen feudaler Kriegsherren und Truppen des Hmong-Generals Vang Pao rekrutierte. Letzterer presste alle männlichen Angehörigen des Hmong-Bergvolkes, der zahlenmäßig stärksten ethnischen Minderheit im multi-kulturellen Laos, im Alter von zehn bis sechzig Jahren, deren er habhaft werden konnte, in seinen Dienst, sodass man ohne Übertreibung feststellen kann, dass die USA auch Kindersoldaten zur Durchsetzung ihrer geostrategischen Ziele einsetzten.

 

Der Bürgerkrieg zwischen den Pathet Lao, nun ihrerseits von Vietcongs und nordvietnamesischer Armee unterstützt, und den royalistischen Truppen wurde mit geringer Intensität geführt (die Laoten gelten als sanft und wenig aggressiv). Dies missfiel den US-Strategen, und bereits unter Kennedy waren sie um blutige Forcierung des Konflikts bemüht. Sie unterstützten immer militantere (und korruptere) Kräfte in Vientiane, was zu Spaltungen, Meutereien und Putschen innerhalb der Rechten führte. Das Inferno aber wurde erst unter Nixon durch seinen Sicherheitsberater und späteren Außenminister Henry Kissinger (s. „Kissinger goes to Fuerth“ unter dieser Rubrik) entfesselt, der die Airforce ohne jede Hemmung auf ein Land losließ, das im Gegensatz zu Nordvietnam kaum über Luftabwehr verfügte und somit hilflos war. Was Kissinger vergeblich versucht hatte, nämlich Vietnam „in die Steinzeit zurück zu bomben“, schien er nun in Laos verwirklichen zu wollen. Als Begründung diente der Hinweis, der Ho-Chi-Minh-Pfad, über den Nordvietnam den Nachschub für die Vietcongs im Süden  laufen ließ, führe zum Teil über die Ebene der Tonkrüge (was aber nicht erklärt, dass fast alle laotischen Provinzen aus der Luft angegriffen wurden). Tag und Nacht stiegen Bomber von thailändischen Flughäfen oder von geheimen Stützpunkten im Land selbst auf, um ein knapp 240 000 Quadratkilometer großes Land in ein einziges Minenfeld zu verwandeln. B-52- Maschinen, jene legendären „fliegenden Festungen“, warfen auf ihrem Rückflug von Hanoi, wo ihnen der ununterbrochene Flak-Beschuss Probleme bereitete, ihre Bombenladungen einfach über Laos ab. Absurd bis zum Irrsinn klang zu diesem Zeitpunkt die Erklärung der US-Regierung, man sei in keinerlei kriegerische Auseinandersetzungen in Laos verstrickt, man führe nur „bewaffnete Aufklärungsflüge“ durch.

 

Um den Schein zu wahren, erhielten US-Militärpiloten in Laos eine neue Identität, arbeiteten offiziell als Angestellte der „Agency for International Development“ (und berichteten direkt dem Luftfahrt-Attaché in der amerikanischen Botschaft). Die Elitetruppe Ravens setzte sich aus jungen Männern in Jeans und T-Shirts zusammen, die Joints rauchten, sich die Haare wachsen ließen, „Who“ oder „Rolling Stones“ hörten und in Cessna-Kleinflugzeugen Bombenziele für die Luftwaffe erkundeten. Einer dieser Hard-Rock-Söldner, ein gewisser Anthony Posepny, führte jahrelang eine Art Privatkrieg, ließ sich von den Angehörigen eines Bergvolkes wie ein König verehren und zahlte ihnen einen Dollar für jedes „Kommunisten-Ohr“ das sie ablieferten. Neben der Romanfigur Joseph Conrads in „Herz der Finsternis“ war es diese düstere Figur, die Coppola bei der Charakterisierung des wahnsinnigen Colonel Kurtz (gespielt von Marlon Brando) in „Apocalypse Now“ im Sinn hatte. Andere Ravens tauchten später als Waffenschieber, etwa an die Contras in Nicaragua, oder Söldner in weiteren schmutzigen Kriegen wieder auf. Zudem versuchten US-Berater, die Hmong zu überzeugen, den Opium-Anbau zu intensivieren. Die Heroin-Produktion übernahmen die Yankees gleich selbst, in die Distribution teilten sich die CIA-eigene Fluggesellschaft Air America und die Königliche Laotische Luftwaffe in schwesterlicher Kooperation. Nebenbei wurde noch die verschlafene Hauptstadt Vientiane zum zweitgrößten Drogen- und Bordellzentrum Indochinas nach Saigon aufgewertet.   

 

Die Bauern in den besonders häufig heimgesuchten Gebieten des Nordostens waren dazu übergegangen, die Feldarbeit nachts zu erledigen und sich tagsüber in Höhlen zu verbergen. Dorfbewohnern nahe der Ebene der Tonkrüge wurde eben dies zum Verhängnis; offenbar hatten die Ravens ihr Versteck entdeckt. Am 8. März 1968 bombardierten zwei T-28-Kampfflugzeuge die Höhle Tham Phiu. Aus der Felsdecke lösten sich riesige Gesteinsbrocken, alle 374 Bauern, die dort Zuflucht gesucht hatten, wurden erschlagen oder verschüttet. Eine alte Frau, die in einer benachbarten Höhle mit Wasserzugang gerade das Essen zubereitete, überlebte als einzige. Die Mehrzahl der Opfer waren Hmong, also Angehörige jenes Volkes, das die US-Strategen gegen die Pathet Lao aufwiegeln wollten. Kein Wunder, dass die meisten Hmong heute keinerlei Sympathien hegen für die letzten früheren US-Kollaborateure der eigenen Ethnie, die innerhalb des Landes auf der Flucht sind, weil sie von der verbündeten Großmacht nach deren Niederlage im Stich gelassen wurden.

 

Auf bizarr anmutende Weise profitieren die Hmong mittlerweile vom amerikanischen Bombenterror: In den Dörfern schützen sie ihre Gärtchen mit Staketenzäunen aus den Stahlmänteln von 500-Pfündern vor marodierenden Rindern. Die Metallschalen geben auch stabile Pfeiler für die Hütten ab, und aus Aluminiumhüllen wird Besteck gefertigt. In den ersten Jahren nach dem Krieg verkauften die Laoten den Kriegsschrott nach Vietnam, wo die Wirtschaft Bedarf an allen möglichen Metallen hatte. Inzwischen nutzen sie das, was zuvor Tod und Zerstörung brachte, selber. So befüllen etwa die Hmong  die Hälften großer Fliegerbomben mit Gartenerde und züchten Gemüse darin: Waffen zu Zwiebelbeeten.       

   

Als die US-Streitkräfte, wie vor ihnen schon die französischen Militärs, als Geschlagene Vietnam verlassen mussten, endete auch der US-Vernichtungskrieg gegen Laos, ein Krieg der Washingtons Lesart nie stattgefunden hatte. Bis heute haben die USA keine Reparationen gezahlt, ja nicht einmal Daten und Einsatzpläne, die das Räumen der Blindgänger erleichtern würden, preisgegeben. Als die laotische Regierung in Zusammenarbeit mit der UNO und einigen Helferstaaten (auch westlichen) ein Programm für die Bevölkerung zum Umgang mit den „bombis“ auflegte, verweigerte Washington jede Beteiligung. Dagegen wurden die USA aktiv, als Laos auf einer internationalen Konferenz die weltweite Ächtung von Cluster-Bomben forderte; eine Weltmacht lässt sich nicht vorschreiben, wie und womit sie Kriegsverbrechen begeht. Erst 2012 „spendete“ die Obama-Administration Laos neun Millionen Dollar für die Minenbeseitigung, aus karitativen Gründen, denn eine Schuld sieht die amerikanische Regierung auch heute noch nicht...

 

In Phonsavanh, der kleinen Provinzhauptstadt nahe der Ebene der Tonkrüge, hat die Mines Assesory Group (MAG) ihr Quartier in einem Haus an der Hauptstraße aufgeschlagen. Weltweit engagiert sich die britische Organisation, die auch schon in der engeren Auswahl für den Friedensnobelpreis war, für die Räumung von Minen und die medizinische wie berufliche Rehabilitation der UXO-Opfer. Die MAG ist auch im Norden des benachbarten Vietnams tätig, aber Schwerpunkt ihrer südostasiatischen Aktivitäten ist das verseuchte Erdreich in Laos. Allein auf der Ebene der Tonkrüge räumen ihre Experten und einheimische Mitarbeiter seit neun Jahren. Es gelang, einige Abschnitte des Geländes und die gekennzeichneten Pfade bombenfrei zu machen. Links und rechts davon konnte nur die Oberfläche gesäubert werden, im Untergrund werden Tausende weiterer UXO vermutet, Wie lange wird es noch gefährlich sein, in diesem Land zwei Schritte abseits des Weges zu tun? Beim jetzigen Tempo der Räumungsarbeiten vielleicht 200 Jahre, schätzt ein MAG-Mitarbeiter vorsichtig. In überschaubarer Zukunft werden also auf dem Land  Kinder nicht risikofrei spielen, Bauern gefahrlos neue Felder erschließen oder Arbeiter angstfrei die so dringend benötigten Straßen bauen können. Eine Papierbahn hängt im kleinen MAG-Museum: Im Jahre 2012 (knapp drei Jahrzehnte nach dem Ende der Bombardierung) wurden allein in der Umgebung von Phonsavanh 16 Menschen von UXO verstümmelt.

 

02/2013 

 

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Mekong in Gefahr

 

 

Nordwest-Laos: Warten auf die Fähre

  

 

Südliches Vietnam: Mekong-Delta

 

Von Schicksalsstrom oder gar von Lebensader ist die Rede, wenn ein Fluss eine überragende geschichtliche und wirtschaftliche Bedeutung für ein Land oder eine ganze Weltregion besitzt. So diente der Rhein schon den Nibelungen als Geheimtresor und trennte später die „Erbfeinde“ Frankreich und Deutschland voneinander, der Nil schüttet das fruchtbare Schwemmland für die ägyptischen Bauern auf, und der Mississippi bildete jahrhundertelang die Grenze zwischen dem besiedelten Osten und den menschenleeren Prärien. Nur wenige Wasserwege auf der Erde bilden indes eine derart unverzichtbare Lebensgrundlage für viele Millionen von Menschen wie der Mekong in Indochina. Noch! Denn nun soll die wirtschaftliche Nutzung des Stroms durch technische Eingriffe für einige Anrainer profitabler werden, für viele andere degeneriert er möglicherweise genau dadurch zur Kloake.

 

 

 

Vom Urwald in die Reiskammer 

 

Der Mekong entspringt im tibetischen Hochland, durchfließt die chinesische Provinz Yunnan, bildete früher die Grenze zwischen einer englischen und einer  französischen  Kolonie und heute die zwischen Myanmar und Laos, weiter flussabwärts dann scheidet er streckenweise Thailand von Laos. Nachdem er Kambodscha passiert hat, verästelt er sich zum Mekong-Delta im Süden Vietnams und mündet schließlich nach rund 4500 Kilometern ins Südchinesische Meer. An seinen Ufern liegen zahllose Städte, darunter die Metropolen Vientiane und Pnom Penh, er bewässert die wichtigsten Agrargebiete Südostasiens, vor allem Reisfelder, aber auch Mais-, Obst- oder Zuckerrohrplantagen, und die sieben Hauptarme seines Deltas durchfließen ein trotz seiner ländlichen Strukturen erstaunlich dichtbesiedeltes Gebiet, die Kornkammer Indochinas. 

 

Mit 1200 Fischarten (darunter der Riesen- oder Haiwels, dessen Aquakultur-Klon als Pangasius bei uns auf den Tisch kommt) und  zahllosen Reptilien- sowie Wasservogelgattungen gilt der Mekong als einer der fünf artenreichsten Flüsse der Welt. Die Bedeutung als etappenweise wichtigster Transportweg und als Verbindungsroute der Kulturen Südostasiens sei nur am Rande erwähnt. 

 

Fährt man mit dem Schiff zwei Tage lang von Houai Xhai an der thailändischen Grenze durch den laotischen Nordosten nach Luang Prabang, der vielleicht attraktivsten Stadt am Mekong, kann man kaum glauben, dass der Strom bereits hier teilweise gebändigt und geschädigt ist. Kreisrunde Strudel, Stromschnellen und Felsentore, deren Enge die Durchfahrt zu einem Präzisionstest machen, suggerieren gemeinsam mit den scheinbar unberührten Wäldern an beiden Ufern einen Wildwasserlauf im Urzustand. Doch obwohl sich der Fluss noch immer so unberechenbar gebärdet, dass die Boote nachts anlegen müssen, ist seine Fließkraft bereits eingedämmt: Am Oberlauf in Yunnan haben die Chinesen vier Talsperren errichtet, drei weitere sollen folgen. Eine akute Gefahr aber für die Menschen weiter südlich, die vom Mekong abhängig sind, droht hier, im Norden von Laos.

 

Profit gegen Umwelt

 

Hier  ist der erste Spatenstich zum Bau der Xayaburi-Talsperre bereits erfolgt. Ein 800 Meter langer Damm soll den Mekong zu einem 50 km 2  großen See aufstauen. Das angeschlossene Wasserkraftwerk wird 1260 Megawatt Strom liefern, 95 Prozent davon für den thailändischen Bedarf, mit unabsehbaren Folgen für Landwirtschaft und Fischerei, somit für die Existenzgrundlagen von ca. 65 Millionen Laoten, Thais, Kambodschaner und Vietnamesen, die weiter stromabwärts leben.

 

Dabei gibt es den klaren Beschluss der vier betroffenen Länder, die in eine Mekong-Kommission ins Leben gerufen haben, dass vor einem möglichen Baubeginn die Ergebnisse einer Umweltverträglichkeitsstudie, die noch nicht vorliegen, abgewartet werden müssen. Aber Thailand hat einen ungeheuren Bedarf an preiswerter Energie, und ein siamesisches Firmenkonsortium ist auch der Bauträger. Das bettelarme Laos wiederum braucht Geld und rechnet mit Einnahmen von jährlich drei Milliarden Dollar (ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts!) aus dem Stromverkauf. Kambodscha und Vietnam wiederum fürchten, dass der Mekong nicht mehr durch ihre Anbaugebiete strömt, sondern nur noch tröpfelt, und die Felder verdorren. Zudem warnen Umweltorganisationen davor, dass die Wanderungen der Fischschwärme unterbrochen und wichtige Laichgebiete im Gebiet der Talsperre zerstört würden. Aus den Regionen am Unterlauf des Mekongs, deren Fruchtbarkeit die Selbstversorgung gesichert und die beiden Staaten sogar zu Lebensmittelexporteuren gemacht hatte, könnten Hungergebiete werden, zumal Fisch aus dem Mekong zu den wichtigsten Grundnahrungsmitteln gehört. 

 

Seit dem Ende der Indochina-Kriege, der Kurzzeit-Invasion Chinas in Vietnam vor zwei Jahrzehnten und der langwierigen Befriedung Kambodschas hat es in dieser Weltregion keine nennenswerten militärischen Konflikte mehr gegeben. Es bleibt zu hoffen, dass nicht gerade hier eine der seit langem prognostizierten internationalen Auseinandersetzungen um Wasser ausbricht. Was eine Lösung des Problems erschwert, sind die höchst unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen der vier beteiligten Staaten. 

 

Die Interessen der Thais

 

„Marktführer“ ist Thailand, eine Demokratie nach westlichem Vorbild mit konstitutioneller Monarchie. Dies bedeutet in der siamesischen Spielart unter anderem, dass im Januar ein Verleger, dessen Magazin einen Artikel mit Kritik am Königshaus (ohne Namensnennung) veröffentlicht hatte, zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt wurde und dass sich die zwei großen Parteien (eigentlich Interessengruppen) gegenseitig an Nationalismus überbieten und auch mal mit dem Säbel rasseln, wenn es um den Tempelkomplex von Preah Vihear geht, dessen Gelände die Thais beanspruchen, der aber vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag eindeutig Kambodscha zugesprochen wurde. Zwar hat die Regierung in Bangkok Den Haag erneut angerufen, doch erklärte die Armee bereits prophylaktisch, dass eine erneute (zu erwartende) juristische Niederlage im Herbst 2013 nicht akzeptiert würde.  

 

Überhaupt geriert sich das Land außen- und wirtschaftspolitisch  recht aggressiv, obwohl eigentlich angesichts einer dubiosen Vergangenheit, in der die USA von siamesischem Boden aus viele der fatalen Bombereinsätze gegen Laos und Vietnam starteten und zusammen mit der einheimischen Armee die Khmer Rouge mit Waffen unterstützten, als dies politisch opportun erschien, Demut angesagt wäre. Die offizielle Haltung Thailands in der Frage des Mekong-Staudamms ist klar: Das Land braucht billigen Strom, und seine Unternehmen wollen an dem Projekt möglichst schnell und viel verdienen. Mit dem Baubeginn vor Abschluss der Verhandlungen sollen vollendete Tatsachen geschaffen werden. Allerdings regen sich auch in Thailand kritische Stimmen: Umweltschützer brachen sogar zu einer Protest-Regatta auf, die von der Grenze beider Staaten auf dem Mekong bis in die laotische Hauptstadt Vientiane führte. 

 

Noch ziemlich gute Freunde

 

Die beiden, bislang eng verbündeten Volksrepubliken Laos und Vietnam mussten nach dem Zerstörungskrieg der USA quasi bei Null mit dem Aufbau einer ökonomischen und kulturellen Infrastruktur anfangen. Die Erfolge sind sichtbar: In Laos, einem Land ohne nennenswerte Bodenschätze und ausreichende Transportwege, werden allerorten Straßen und Brücken gebaut, die Alphabetisierung macht rasche Fortschritte, überall entstehen neue Schulzentren. Die Beseitigung von Blindgängern, die das das größte Hindernis für die landwirtschaftliche Entwicklung darstellen (siehe auch Der Tod in Laos auf dieser Website), wird in großem Maßstab vorangetrieben.  

 

Vietnam wiederum wird aufgrund der Entfaltung seiner Produktivkräfte und der Mehrung des technologischen Know-how bereits zu den „Tigerstaaten“, deren Wirtschaftswachstum legendär ist, gezählt. Noch gehört das Land mit weniger Fläche und größerer Bevölkerung als Deutschland nominell zu den armen Staaten der Dritten Welt, doch wirken die Dörfer und Städte weitaus besser ausgestattet als ihre Pendants in vielen Staaten Asiens, Afrikas oder Lateinamerikas. Die Lebensmittelversorgung ist gesichert, und nirgendwo in Südostasien haben Frauen eine ähnliche gesellschaftliche Position erreicht. Doch das quantitative Wachstum bleibt nicht ohne negative Folgen: Die Korruption (auch und vor allem der Staatsbediensteten) in den Großstädten, die rücksichtslose Profitgier des privaten Sektors, das Aufbegehren der Bauern gegen die urbane Mittelschicht oder der entfesselte, enorme Umweltprobleme verursachende Individualverkehr gehören zu den Schattenseiten eines stetigen (ökonomistischen) Aufschwungs.

 

Rätsel Kambodscha 

 

Von den vier Staaten der Mekong-Kommission bietet Kambodscha vielleicht das verwirrendste Bild: An der Spitze der Staates steht der abtrünnige Rote Khmer Hun Sen, der einst mit Hilfe der vietnamesischen Armee Pol Pots Truppen aus Pnom Penh vertrieb. Seine Volkspartei koalierte nach mehreren Wahlsiegen immer mal wieder mit der Partei des Königshauses, obwohl man früher auf den Tod verfeindet war. Der kürzlich verstorbene Gegenspieler Hun Sens, Norodom Sihanouk, der 2004 aus gesundheitlichen Gründen als König abdankte, war eine der schillerndsten Persönlichkeiten Südostasien. Als Prinz Sihanouk verbündete er sich mit den Khmer Rouge, zerstritt sich mit ihnen, paktierte dann wieder mit ihnen gegen Hun Sen, attackierte die US-Politik, ließ sich später von Washington unterstützen, zog sich lange Zeit als Gottkönig im Exil und später im Ruhestand nach Peking zurück. Immerhin gelang es ihm, seinen Sohn Sihamoni als Nachfolger zu installieren und so die Monarchie zu retten.   

 

Die undurchsichtige Gemengelage in Kambodscha setzt sich aus divergierenden Ingredienzen zusammen, als da wären: sozialistischer Anspruch, feudale Besitzverhältnisse, allumfassende Korruption und Wildwest- oder Goldgräberstimmung. So werden Hotels, Grundstücke und Ländereien zurzeit an chinesische und australische Investoren verschachert. Während Vietnam und Laos zu den Staaten mit der weltweit niedrigsten Kriminalitätsrate gehören, sitzen im Land der Khmer die en masse vorhandenen Handfeuerwaffen locker. Im Augenblick protestiert die Regierung in Pnom Penh vehement gegen den Xayaburi-Staudamm. Sollte Laos ihn aber bauen und weitere Talsperren im Süden folgen lassen, würde nach Meinung von Beobachtern auch Kambodscha ins Geschäft einsteigen und seinerseits den Rest-Mekong aufstauen. Das Nachsehen, das in diesem Fall die Verödung einer Kulturlandschaft und die Vernichtung immenser Lebensmittel-Ressourcen bedeuten würde, hätte dann Vietnam am Ende der Schicksalskette. 

 

Alternative für Laos? 

 

Zurück zu dem Staat, der letztendlich das Sagen hat. Laos verfügt derzeit nur über zwei Optionen, durch Exporte an dringend benötigte Devisen zu kommen: die ungehemmte Ausfuhr von Edelhölzern, eine Variante, deren verheerende Folgen mittlerweile selbst die Regierung in Vientiane zur Ausweisung großer Naturparks und strengeren Gesetzen zum Schutz von Regen- und Monsunwäldern animierte, und die Nutzung der im Mekong schlummernden Energie – ein Teufelskreis. 

 

Vielleicht würde sich ein Blick nach Südamerika empfehlen, auf ein Land mit ähnlichen Problemen: Als in Ecuador 2007 reiche Erdölvorkommen ausgerechnet im Yasuni-Nationalpark, der die größte Artenvielfalt der westlichen Hemisphäre aufweist, entdeckt wurden, bot der sozialistische Präsident Rafael Correa der internationalen Gemeinschaft an, auf die Ausbeutung, die das Ende des global einzigartigen Mega-Ökotops bedeutet hätte, zu verzichten und stattdessen ein von den indigenen Bewohnern der Region überwachtes Schutzprogramm aufzulegen, wenn andere Staaten die Hälfte der aus den Ölprofiten zu erwartenden Summe als Finanzierungsbeitrag aufbrächten. Prominente von Beinahe-Präsident Al Gore bis Schauspieler Di Caprio unterstützten die Initiative, Staaten wie Chile, Österreich oder die Türkei (Deutschland erst nach einigem Zögern) erkannten den Wert der Region für eine einzigartige Fauna und Flora sowie das Weltklima. Sie stellten Mittel zur Verfügung und ermöglichten so einen ökologischen Versuch von globaler Relevanz. Heute funktioniert dieses ambitionierteste aller Naturschutzprojekte und gewinnt an Umfang. Ein Weg für Laos?

 

 

02/2013