German Angst


Obwohl es eigentlich kaum eine Wahl hatte, hat Deutschland gewählt, und jetzt zeigen sich Journalisten, Demoskopen und Politiker erstaunt bis entsetzt über den Erfolg der AfD. Warum eigentlich? Das rechte Potential hierzulande dürfte zwischen 60 und 80 Prozent liegen, doch wird den Pegida-Kumpanen der endgültige Durchbruch kaum gelingen – fünf Parteien, die sich auch aus eben diesem Reservoir bedienen, versperren den nationalistischen Ultras den Weg.


Große Koalition oder Jamaika? Egal!


Schafft Seehofer in Sachen Obergrenze den Schulterschluss mit grünen Rechtsaußen wie Winfried Kretschmann und Boris Palmer? Gelingt es Christian Lindner, den Abbau der Sozialsysteme und die Privatisierung der öffentlichen Infrastruktur signifikant zu beschleunigen? Wird Angela Merkel zur unangefochtenen Mutter deutschen Strebens nach wirtschaftlicher Hegemonie und militärischer Dominanz in Europa? Vier Parteien ringen um einen Koalitionskonsens,  der, wenn er denn zustande kommt, inhaltlich vermutlich auch von der AfD mitgetragen werden könnte.


Und von der SPD. Sollten die Grünen wider Erwarten ein Rückgrat zeigen oder die Liberalen zu hoch pokern, könnten sich die Sozialdemokraten doch noch als Retter des Abendlandes anbieten. Schließlich unterscheidet sich ihre Programmatik von der Merkels nur in Nuancen. In der Presse heißt es deshalb bisweilen, die CDU sei nach links gerückt, was aber nur beweist, dass sich Journalisten generell nicht mehr mit den Zielen, Inhalten und Grundlagen einer politischen Richtung befassen. Denn die fünf bürgerlichen Parteien stehen allesamt im Lager der Privatwirtschaft und sind rechts, sie unterscheiden sich nur noch in Schattierungen. Dazu kommen noch die AfD mit einer völkischen und offen rassistischen Komponente (der sich auch die CSU ab und zu befleißigt) und die Linke, bei der man noch nicht genau weiß, was an ihr links und was bereits staatstragend konformistisch ist.


Eine Geistesgeschichte zum Gruseln


Wie kann es sein, dass ein Land, in dem die extreme Rechte einst derart durchschlagend Tabula rasa nach ihrer Faςon machte, dass ganze Ethnien beinahe verschwunden wären und die halbe Welt mit Krieg überzogen wurde, mehrheitlich reaktionär wählt? Nun, so richtig aufgearbeitet wurde der „Betriebsunfall“ der deutschen Geschichte eigentlich nicht, sonst hätte man den Schoß, aus dem das kroch, benennen müssen und unser geheiligtes Wirtschaftssystem wäre desavouiert worden. Stattdessen nahmen die Politiker in unserer lupenreinen Demokratie lieber das hehre Wort „Menschenrechte“ in den Mund, wenn es nicht gerade um die postkoloniale Ausbeutung der Dritten Welt, geostrategische Überfälle auf die Zivilbevölkerung am Hindukusch und anderswo  oder das Ausbremsen von „Flüchtlingsströmen“ ging.


Und der Normalbürger hat die ewige Vergangenheitsbewältigung ohnehin satt, er sehnt sich im Gegenteil frühere Zeiten zurück, als noch Zucht und Ordnung herrschten, in der U-Bahn Deutsch gesprochen wurde und Bleichgesichter auf den Straßen dominierten. In der Globalisierung haben sich nur die Banker und Manager bequem eingerichtet, die Bevölkerung tendiert in ihrer Majorität eher zur nationalistischen und isolationistischen Haltung, weil sie Angst hat vor dem Verlust von Arbeitsplatz und sozialer Sicherheit (völlig zu Recht) und dem Fremden, das in Form von Menschen in unsere biedere Gesellschaft einsickert (völliger Blödsinn). Und schon wird die Vergangenheit beschworen, in der alles geordneter, korrekter und treudeutscher ablief: ein Phänomen, das es in spezifischer nationaler Ausprägung auch in England oder Frankreich gibt, aber nicht ganz so mythisch überlastet und konsequent in der Rassenhybris.


Schon die deutschen Romantiker des 19. Jahrhunderts sehnten sich angesichts turbulenter Zeitläufte zurück ins Mittelalter, als die Burgfräulein noch keusch und schön, die Ritter noch tapfer und die Vasallen noch demütig und fromm waren. Während in Frankreich eine Revolution ein neues Zeitalter ankündigte, propagierten die Teutonen, deren rebellische Kraft durch nationalistische Burschenschaften repräsentiert wurde, eine klare Festschreibung des Oben und des Unten, soweit sich Einfluss und Reichtum nicht in den Händen des jüdischen Bürgertums befanden. Kein Wagner und keine Fichte haben die geistige Verfassung der (sich damals noch entwickelnden) Nation so zutreffend pervers abbilden können wie das Nibelungenlied: Für viele Leser dieses urdeutschen Epos war Hagen von Tronje, der in seinem Kadavergehorsam zum Mörder wird, der eigentliche Held. Und folgerichtig schwor die Mehrheit der Deutschen später einem Adolf Hitler die Nibelungentreue.


Als der Kapitalismus die ökonomischen und herrschaftlichen Strukturen von Mittelalter und Absolutismus hinwegfegte, ersetzte kein neues tragfähiges Gedankengebäude die Ruinen teutscher Leitkultur, denn die kultische Verehrung des Marktes blieb auf eine dünne Oberschicht sowie deren journalistische und politische Herolde beschränkt. So waberten in vielen Hirnen archaische Relikte weiter, geprägt von der Ausgrenzung Andersdenkender und der emotionalen Ablehnung von Fremdem und Neuem. Jenes diffuse Bedrohungsgefühl, im Ausland als German Angst bekannt, ist einer epochalen Desinformation durch Eltern, Lehrer, Medien und bürgerliche Politik geschuldet. Obwohl die neoliberale Doktrin nur als Gebrauchsanleitung zur Ausbeutung und nicht als sinnstiftende Gesellschaftstheorie taugt, entwickelt man keine progressiven Ideen, sondern entsinnt sich lieber ferner Idole vom Format des Bauernschlächters Luther. Wo auch noch Großmannssucht brauner Provenienz dazukommt, erntet die AfD, aber nicht nur die: Auch Merkel und Gabriel lassen keine Gelegenheit aus, militärische Potenz in allen möglichen Weltgegenden zu demonstrieren. Während die Wirtschaft immer neue Dominanzmodelle auflegt, marschiert das politische Bewusstsein in die andere Richtung: rückwärts.

 

Vom Lamm zum Löwen?


Auch von den Sozialdemokraten, sollten sie denn in die Opposition gehen, ist keine Revision ihres rechten Kurses, sondern allenfalls eine Änderung der Attitüde zu erwarten. Sie hatten den Sozialabbau, die reale Rentenkürzung und die Reichenbegünstigung eingeleitet, als sie den Kanzler stellten, und sie trugen als Juniorpartner unter Merkel brav allerlei Ungerechtes und Törichtes, von der Erhöhung der Mehrwertsteuer bis zur Maut für Ausländer, mit. Und gemeinsam mit der Union beschlossen die Genossen der Bosse die Grundgesetzänderungen, die es möglich machten, infrastrukturelles Tafelsilber an Öffentlich-Private-Partnerschaften, jene Wohlfühloasen und Gelddruckmaschinen für Investoren, zu verschleudern.

Jetzt soll also aus dem Koalitionslamm ein Oppositionslöwe werden, ohne dass die rechtsbürgerlichen Inhalte auf den Prüfstand gestellt werden. Doch es reicht nicht mehr, mit Gebrüll über den Mangel an linken Positionen und progressiven Ideen hinwegzutäuschen. So eingeschränkt das Kurzzeitgedächtnis der Wähler auch sein mag – derartig kurz ist es denn doch nicht.


So wird die SPD letztendlich den Weg einschlagen, den die Ministerpräsidenten der Union Tillich, Haseloff und Seehofer mit der scheinheiligen Begründung, man müsse die Menschen (braune Ignoranten) in ihren Besorgnissen („ethnische Durchmischung“) ernstnehmen, schon vorgezeichnet haben: im Galopp in die rechte Ecke. Die AfD muss sich nicht mehr in die „politische Mitte“ bewegen, um eine Akzeptanz ihrer kruden Parolen im Volk zu erlangen – die anderen Parteien und die ominöse Mitte kommen ihr schon entgegen.

 

10/2017

 

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Der letzte Strohhalm ebda.