Die süße Mafia


Tötet Cola? Oder andersherum gefragt: Kann Verbrechen süß sein? Auf solch scheinbar absurde Fragestellungen kann man kommen, wenn man in den New York Times einen Artikel über die Praktiken der Softdrink-Industrie in Kolumbien und anderswo liest. Dass Coca Cola & Co. die Konsumgewohnheiten von vielen Millionen mittels massiven Werbeeinsatzes steuern und mit geballter Lobbyisten-Macht Regierungen von der Überprüfung späterer Gesundheitsschäden abhalten, gehört inzwischen zum gehobenen Allgemeinwissen. Dass aber Gegner der Sirup-Dealer durch Androhung physischer Gewalt und finanzieller Vernichtung mundtot gemacht werden, charakterisiert eine höhere Ebene krimineller Energie.


Krank machen darf man, kritisieren nicht


Dass auch in Europa und den USA der Einfluss der Limonaden-Giganten enorm ist, können Ärzte und Ernährungswissenschaftler bestätigen, die auf die gesundheitsschädlichen Folgen des Softdrink-Konsums hinweisen und restriktive staatliche Maßnahmen, etwa durch eine „Zucker-Steuer“ fordern, sich aber milliardenschweren Reklame-Kampagnen, die Glück durch den Strohhalm suggerieren, und einer mächtigen Lobby, die es versteht, die Politik zu umgarnen, zu beschwichtigen und zu lenken, gegenübersehen. In der Dritten Welt jedoch, wo der Freihandel so frei ist, ohne skrupulöse Euphemismen über Leichen zu gehen, kann Widerstand gegen die Allgegenwart des fett- und krankmachenden Seims gefährlich werden, wie das Beispiel Kolumbiens zeigt.


Unlängst berichteten die New York Times (NYT) über Anfeindungen und Zensurmaßnahmen, denen sich kolumbianische Verbraucherschützer, die für eine Steuer von 20 Prozent auf die süßen Sodagetränke geworben hatten, ausgesetzt sahen. Die Mitarbeiter von Educar Consumentes (Konsumenten erziehen) erhielten  Drohanrufe von Unbekannten, ihre Computer wurden gehackt, ihre Telefone abgehört und sie selbst beschattet. Dr. Esperanza Cerón, Vorsitzende der Organisation, wurde in ihrem PKW während der Rush Hour in Bogotá von zwei Motorradfahrern gestellt, die gegen die Autofenster schlugen und ihr eine eindeutige Botschaft zuschrien: „Wenn du dein Maul nicht hältst, weißt du, was die Konsequenzen sein werden.“


Diese Warnung würde überall ernstgenommen werden, in Kolumbien aber, einem Land, dessen latenter Bürgerkrieg, schlicht als La Violencia bekannt, allein in den letzten Jahrzehnten an die 300.000 Menschenleben gefordert hat, in dem bezahlte Killer billig, Alkoholiker und Drogensüchtige schwer bewaffnet und die Methoden der Kokain-Kartelle unvergessen sind, klingt sie wie eine sehr realistische Morddrohung.


Natürlich vermutete man die Drahtzieher in den Reihen der Softdrink-Abfüller, dominiert von Coke, Pepsi und dem einheimischen Unternehmen Postobón, natürlich dementierten deren Repräsentanten die Verstrickung in solch rohe Überzeugungsarbeit. Und tatsächlich bleiben den Konzernen elegantere Möglichkeiten, mediale wie juristische Wege einzuschlagen, um Kritiker einzuschüchtern. Der kolumbianische Soda-Produzent Postobón, der übrigens auch Pepsi vertreibt, ist Teil eines riesigen Konglomerats, das u. a. Zuckerrohrplantagen, Zuckermühlen und die RCN Televisión, größte Mediengruppe des Landes, umfasst. So war es leicht, die Initiative des Gesundheitsministers Gaviria Uribe, der eine Steuer von 20 Prozent auf die Limos angeregt hatte, in Funk und Fernsehen zu diskreditieren. Als Dr. Ceróns Gruppe mit TV-Werbung und Blogs, in denen einschlägige Untersuchungsergebnisse der Weltgesundheitsorganisation (WHO) präsentiert wurden, veröffentlichte, schlug das Imperium großflächig zurück.


Auf Veranlassung der staatlichen Agentur für Verbraucherschutz, die von der süßen Mafia alarmiert worden war, verschwanden die Anti-Softdrink-Infos von den Bildschirmen, und Educar Consumadores wurde bei einer Strafgeldandrohung von 250.000 Dollar verboten, die Gesundheitsrisiken von Zucker öffentlich zu diskutieren. Zugleich bearbeiteten 90 Lobbyisten die Parlamentarier in Bogotá höchst erfolgreich: Am 31. Dezember 2016 stimmte die Mehrheit gegen die Einführung der Limo-Steuer, obwohl sich 70 Prozent der anscheinend wach gewordenen Bevölkerung in Umfragen dafür ausgesprochen hatten.


Letzten Monat errang die unbotmäßigen Zucker-Frondeure einen verspäteten juristischen Sieg, der den Triumph der Softdrink-Konzerne aber nicht mehr gefährden konnte. Der kolumbianische Verfassungsgerichtshof kassierte das Verdikt der staatlichen Verbraucheragentur und wies diese an, „in Zukunft davon Abstand zu nehmen, irgendwelche Werbung, die sich auf die öffentliche Gesundheit bezieht, zu zensieren“.


Die Zuckerseite des Freihandels


Der Konsum von Coke, Sprite oder Red Bull ist überall auf der Welt gesundheitsschädlich. Seitdem sich aber zumindest die Mittelschichten in Europa ein wenig bewusster ernähren und auch in den USA der Absatz der Zuckerwässer kontinuierlich sinkt, werden die wirklich großen Schlachten um Marktanteile und ungehinderten Absatz in der Dritten Welt geschlagen. Inzwischen ist Lateinamerika mit Mexiko an der Spitze der weltweit größte Absatzmarkt für Softdrinks, deren übermäßiger bis maßloser Konsum im Verbund mit Fertiggerichten, Tiefkühlpizza, Hamburger, Taco oder Hotdog fast zwangsläufig zu Fettleibigkeit und Diabetes führt.


All diese „Genussmittel“ sind vergleichsweise billig, entsprechen mit ihren künstlichen Aromen den einfachen Geschmacksvorstellungen von Kindern wie Jugendlichen und verschaffen vor allem den ärmeren Schichten einer Bevölkerung den leicht zu beschaffenden, kurzeitige Glücksgefühle auslösenden Kick, während sich bei sorgfältig und mit Geduld zubereiteten Mahlzeiten und Getränken das Wohlgefühl nicht sogleich, dann aber nachhaltig einstellen würde. Vor allem der flüssige Zucker, der sich als „Erfrischungsdrink“ tarnt, mobilisiert beinahe Suchtpotential und fördert die Anfälligkeit für Volkskrankheiten. In Kolumbien, wo sich in einigermaßen sanierten Slums ein stufenloser Übergang von der Mangelernährung zur Adipositas beobachten lässt, korreliert der exponentiell steigende Konsum von Softdrinks mit der rapiden allgemeinen Gewichtszunahme. Wer glaubt, hierbei handle es sich um einen tropischen Trend, möge sich die Konsumgewohnheiten von Prekariatsfamilien hierzulande näher ansehen.


Es geht um einen Markt, auf dem Hunderte von Milliarden Dollar zu verdienen sind, daher verteidigen die großen Konzerne ihr Privileg, die Massen zu verführen und dabei gesundheitlich zu schädigen, mit Zähnen, Klauen und Schmiergeldern gegen staatliche Versuche, das Übel wenigstens einzudämmen. In postkolonialer Zeit übte die American Fruit Company eigene Gerichtsbarkeit auf ihren Ländereien in Honduras oder Guatemala aus. Das ist für Coke und Pepsi jetzt nicht mehr so einfach möglich, folglich kauft man sich die Legislative und Justiz eines Landes, über die Medien verfügt man sowieso weitgehend. Und vom internationalen Multi Nestlé hat man gelernt, wie Kritiker zum Schweigen zu bringen sind, indem man ihnen als Strafe für lautstarke Opposition gegen die Food-Global-Players des „Freihandels“  die Vernichtung ihrer Existenz in Aussicht stellt.


So ist es fast ein Wunder, dass sich etliche Staaten, gerade in der Dritten Welt, dennoch dazu durchgerungen haben, die mittel- bis langfristig für die Volksgesundheit gefährlichen Limonaden zu besteuern. Dass es nicht noch mehr waren, ist der aufopferungsvollen Lobbyarbeit, den schier unerschöpflichen finanziellen Ressourcen und der Praxis der Limo-Magnaten, wissenschaftliche Expertisen mit positiven Werbebotschaften zuzukleistern sowie Ländern mit dem Verlust von Arbeitsplätzen zu drohen, geschuldet.


Wo bleiben die EU-Gesundheitspolitiker?


Die Brisanz und die Reichweite der Auseinandersetzung beschreiben die NYT-Journalisten Andrew Jacobs und Matt Ritchel so: „Die Schlacht um die Besteuerung zuckergesüßter Getränke ist einer der grimmigsten politischen Kämpfe weltweit – ein Zusammenprall von Wissenschaft, Politik und Geld in Dutzenden von Ländern und Städten.“ Und die Softdrink-Industrie führt diesen Wirtschaftskrieg mit allen Mitteln. Allein in den USA hat sie seit 2009 über hundert Millionen Dollar ausgegeben, um auf staatlicher und lokaler Ebene die Einführung von Steuern und Warnhinweisen auf den Flaschen zu verhindern. Ein Daten-Leak bei Coca Cola machte publik, mit welch perfiden Strategien das Unternehmen Minister und andere Verantwortliche in Bosnien-Herzegowina, Portugal, Ecuador sowie Regionen Spaniens vom Vorteil der abgabenfreien Vergiftung des Geschmacksinnes und der Menschenmästung durch Soda-Drinks „überzeugte“.


Immerhin erheben aber große Länder (und damit Absatzmärkte) wie Indien, Südafrika oder Thailand inzwischen Steuern auf die liquid candies. In der Europäischen Union, die sich mehr und mehr eine globale Vorreiterrolle anmaßt, aber meist einen Schmusekurs gegenüber den Handelsgiganten fährt, ist man da eher zögerlich. Immerhin besteuert Frankreich seit 2012 die süßen Dickmacher, und ausgerechnet Großbritannien, das die EU verlässt, ging 2016 ebenfalls mit gutem Beispiel voran.


Die Bundesrepublik hingegen ignoriert die Forderung der WHO, zuckerhaltige Getränke mit höheren Steuern zu belegen. Dies ist kein Wunder, verstehen sich doch deutsche Regierungen seit jeher als Leibwächter, Befehlsempfänger und Erfüllungsgehilfen mächtiger Wirtschaftsbranchen, wie die devote Haltung gegenüber der Automobilindustrie in Sachen Abgaswert-Manipulation und Emissionsreduzierung sowie der Eifer, mit dem verschiedene Ministerien Konzernen beim Waffenexport behilflich sind, sattsam belegen. Mit beträchtlichem Stolz wird ein Wachstum beschworen, das nicht unwesentlich durch die Befriedigung „unechter“, per Massensuggestion und Statusschimären künstlich erzeugter, Bedürfnisse generiert wird.


Am sozialen Ist-Zustand soll sich ja nichts Entscheidendes ändern: Die Kinder des Mittelstandes sind oft von dicklicher Statur, weil sie in SUV-Dreckschleudern bis vor die Schultüre gekarrt werden, wo sie die durch Coke und Hamburger fett gewordenen Sprösslinge der Unterschicht nie treffen werden, da die ganz andere Pennen besuchen müssen. Das ist die marktgegebene Ordnung der Dinge.

 

12/2017

 

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