Tierischer Todernst

 

Wenn der Elferrat des Aachener Karnevalsvereins, ein Riege dauerlustiger (meist) älterer Herren den Orden Wider den tierischen Ernst verleiht, ist ihm mediale Aufmerksamkeit quer durch die Republik sicher. Es gibt in diesen Zeiten ja nicht allzu viel zu lachen, und die geistige Nähe von Politikern zu Narren gibt einiges für routinierte Glossen in den Medien her. In diesem Jahr aber entging den Humorfunktionären ebenso wie den Gesellschaftskolumnisten die eigentliche Pointe: Zur Ritterin (Rittersfrau?) wurde nämlich die CDU-Bundesministerin Julia Klöckner geschlagen, die sich um den tierischen Todernst im Schweinestall kümmern soll, sich aber vorzugsweise mit der industriellen Quälerei dort arrangiert.

 

In vino vanitas

 

Sie ist blond, wirkt fotogen und hält ihr strahlend weißes Gebiss in jede TV-Kamera. Julia Klöckner hat es zur deutschen Landwirtschaftsministerin und, in Nachfolge einer zunehmend an Glamour verlierenden Ursula von der Leyen, zum Covergirl der CDU gebracht. Aufgrund ihrer beredten Unverbindlichkeit und ihres Sendungsbewusstseins in eigener Sache war die rheinland-pfälzische Unionsvorsitzende sogar schon als mögliche Merkel-Nachfolgerin gehandelt worden, ehe sie 2016 als Spitzenkandidatin gegen die SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer krachend unterlag und ihrer Partei mit knapp 32 Prozent der Wählerstimmen eine historische Flaute bescherte.

 

Wenn man viel in Mikrofone spricht und dabei wenig Inhaltliches zu sagen hat, dies aber mit Verve und Charme tut, wird man schnell zum Liebling des deutschen Polit-Infotainments. Und in diesem Sinne zitierte der Kölner Stadt-Anzeiger auch den Aachener Oberkarnevalisten Werner Pfeil. Julia Klöckner sei „eine gradlinige und meinungsstarke Politikerin, die ihre Amtsführung mit Humor und Menschlichkeit verbindet”. Nun ist der Pfälzerin eine gewisse Stringenz in der Gestaltung ihrer Karriere nicht abzusprechen, ihre Meinungen indes sind mit Vorsicht zu genießen, da nicht sonderlich stark fundiert.

 

Früh schon zeichnete sich ab, dass Klöckners Vorliebe der Landwirtschaft gehört, und dort wiederum dem Beackern sonniger Hänge über den malerischen Flüssen ihrer Heimat, dem Weinbau also. Neun Jahre lang diente sie der Önologie als Redakteurin und Chefin der Fachzeitschriften Weinwelt und Sommelier-Magazin, schon vorher wurde die Winzertochter 1995 zur Deutschen Weinkönigin gewählt. Sie scheint schon bald mit einer bedeutenden Sammlung belangloser Titel begonnen zu haben.

 

Da die Liebe zum Rebensaft allein noch nicht den Aufstieg in die politische Hierarchie garantiert, absolvierte Klöckner das Young Leader Program, ein Gemeinschaftsprojekt der Think Tanks Atlantik-Brücke und American Council on Germany, also von Elite-Schulen, in denen hoffnungsvolle Polit-Parvenüs das stromlinienförmige Denken in den Kategorien des multilateralen Neoliberalismus erlernen und gleichzeitig die unerlässlichen Beziehungen zur wirtschaftlich-militärischen Elite knüpfen.

 

Es bot sich angesichts ihrer Zielstrebigkeit und dem ererbten Hang zur Scholle geradezu an, Julia Klöckner mit der Leitung des Ministeriums für Ernährungssicherheit und Landwirtschaft zu betrauen. Schon ihre Vorgänger im Amt fielen durch großes Verständnis für die Agrarindustrie auf und wirkten bisweilen eher wie staatlich anerkannte Lobbyisten in der ersten Reihe. Klöckner wurde denn auch sogleich aktiv und machte deutlich, dass sie Nutztierschutz und Bio-Anbau energisch ins Ungefähre voranzutreiben gewillt sei.    

 

Tierwohl nach Belieben

 

So lehnte die Blondine, die auch ein Herz für Glyphosat hat, gegenüber der FAZ Markierungen auf Nahrungsmittelverpackungen, die den Gehalt von Salz, Zucker und Fett in Rot, Gelb und Grün und damit den Grad der Gesundheitsgefährdung signalisieren sollen, mit einer kryptischen Begründung ab: „Die vereinfachte Ampelkennzeichnung bringt Verwirrung“. Zwar hat diese Maßnahme in anderen Ländern das Kaufverhalten positiv (also gesundheitsfördernd für die Verbraucher) beeinflusst, doch für die deutschen Landsleute glaubt die Ministerin, die natürlich auch die Interessen von Nestlé, Südzucker oder REWE schützen möchte, kompliziertere, dafür aber zwanglose Methoden implizieren zu müssen, wie die nicht nur die geplante „Tierwohl“-Etikettierung nahelegt.

 

Vorletztes Jahr sprach sie sich als kommende Agrarministerin in einem Presseinterview dafür aus, im ökologischen Landbau in bestimmten Situationen Pestizide zuzulassen. Seitdem rätseln die Experten, ob die das hemmungslose Spritzen und Sprühen von Kind auf gewohnte Weinbauerntochter die Bio-Farmer vor Insektengewusel schützen oder sie eher im Auftrag von Chemie- und Landwirtschaftsindustrie unglaubwürdig machen wollte.

 

Überhaupt scheint sich das die Fauna betreffende Wissen der zwischen Rieslingtrauben agrikulturell sozialisierten Pfälzerin auf die Reblaus zu beschränken, anders lässt sich ihre weltfremd unterfütterte Ankündigung, größeren Tieren in menschlicher Obhut ein besseres Dasein besorgen zu wollen, nicht interpretieren.

 

Man muss kein fanatischer Vegetarier oder Veganer sein, um die Einkerkerung unserer Fleisch-, Milch- und Eierlieferanten in engsten Käfigen und kahlen Zellen krank zu finden. Selbst Julia Klöckner, von Amts wegen Schutzpatronin des bundesdeutschen Nutzviehs, sieht sich nun durch die öffentliche Meinung zum Handeln gedrängt, und sie wird auf homöopathischer Basis aktiv. Statt einfach die diversen Spielarten der Tierquälerei zu verbieten, die Schweine mit verkrüppelten und abgefressenen Schwänzen, geschredderte Küken und rachitische Rinder und mit Antibiotika vollgestopftes Geflügel hervorbringt, setzt sie auf die „Selbstheilungskräfte“ des Marktes und die jähe Einsicht bislang völlig verroht anmutender Züchter und Händler.

 

Ab 2020 wird es ein staatliches Tierwohl-Label geben, zunächst im Bereich der Schweinezucht. Von artgerechter Haltung ist dabei nicht die Rede, sondern von drei Stufen, die das erbärmliche Schlachttier-Dasein um Nuancen weniger grausam machen sollen, was Aufzucht, Mast, Transport und Schlachtung angeht. Für diese Minimalkorrekturen soll der Verbraucher zahlen, der seine Skrupel schlafenlegt, indem er mehr Geld für eine Lebendware hinlegt, die auf ein paar Quadratzentimeter mehr Beton- oder Gitterboden, mit drei Strohhalmen gepolstert, auf den Abtransport wartet. Die Tierzucht-Industrie und der Discount-Handel dürfen zufrieden sein, können sie sich doch für winzige Verbesserungen staatlich gesiegelten Ablass sichern und die dabei entstehenden Kosten auf die Käufer umlegen. Das Beste für die Profiteure aber ist: Wenn sie dennoch nicht wollen, müssen sie nicht! Die Teilnahme am Gutfleisch-Wettbewerb ist nämlich nicht verpflichtend.

 

Ein Tusch auf die Freiwilligkeit

 

Selbstverpflichtungen der Textilindustrie bezüglich sklavenähnlicher Produktionsbedingungen in der Dritten Welt, freiwillige Reduzierung des Schadstoffausstoßes, versprochen von den Autobauern – die Mär der verantwortungsvollen Selbstregulierung des „freien“ Marktes ist eine endlose Kette von Täuschungs-, Betrugs- und Manipulationsmanövern. Das weiß natürlich auch Frau Klöckner, aber sie möchte Massentierzüchtern, Großschlachtern und Handelsriesen zu verstehen geben, dass sie ihnen durch laxe Empfehlungen ein Eselsbrücklein bauen will, um sie so vor folgenschwereren Forderungen von Seiten der Tierschützer und Ökologen zu schützen. Zugleich verschafft sie dem Käufer und Endverbraucher ein ruhiges Gewissen: Wo Tierwohl draufsteht, muss schließlich Fleisch von glücklichen Schweinen drin sein, hofft er.

 

Für die Herren des Marktes schafft die von Aachener Narren Geadelte mit dem Tierwohl-Siegel in der Tat eine bequeme Situation: Wenn man es will, nimmt man in Ställen und Schlachthöfen ein paar kosmetische Veränderungen vor, die man sich vom Verbraucher honorieren lässt. Strenge Prüfungen, Verbote und Sanktionen hat man beim Verramschen der animalischen Produkte bis auf Weiteres nicht zu befürchten.

 

Wir neigen ja dazu, Tiere zu „vermenschlichen“ (wenn wir sie nicht gerade essen), sie also in der Phantasie mit unseren Eigenschaften und Verhaltensweisen auszustatten. Zwar ist dies, wissenschaftlich gesehen, blanker Unsinn, aber die Klamauk-Auszeichnung der Ministerin, deren Empathie sich in den Grenzen der Blitzlichtgewitter hält, verführt dazu, dem Schlachtvieh, so es denn Kenntnis vom Flachsinn des deutschen Karnevals hätte, in seiner tödlichen Bedrängnis eine anthropomorphe Gefühlsäußerung anzudichten: Es würde in seiner tödlichen Bedrängnis weinen angesichts des Paradoxons, dass Julia Klöckner ausgerechnet ein Orden „wider den tierischen Ernst“ angeheftet wurde.

 

02/2019