Schöne neue Kindheit


Digitalisierung, schnelles Internet, Optimierung der IT-Ausstattung in den Schulen, Medienkompetenz für Minderjährige: Es gibt doch noch Projekte, bei denen alle im Bundestag vertretene Parteien übereinstimmen und sich lediglich gegenseitig mit Forderungen nach höherem Tempo überbieten. Was aber stellt die unreflektierte Virtualisierung der Umwelt mit uns an, was macht sie mit den Kindern, von denen ohnehin schon zu viele fragwürdige Kontakte und inhaltsleere bis verblödende Anregungen mittels Whatsapp oder Facebook wie ihr täglich Brot konsumieren?


Der analoge Schonraum


Wie Pawlowsche Hunde reagieren deutsche Politiker, wenn das Begriffspaar Bildung und digitales Lernen auf der Agenda steht – nur dass ihnen nicht der Speichel im Maul, pardon Mund, zusammenläuft, sondern ihr innerer Kalkulator sogleich die damit zu gewinnende Wählergunst in Prozentpunkte umrechnet. So wurde der Digitalpakt#D, der die Ausstattung der Schulen mit modernster IT- und Breitbandtechnik durch den Bund und die Länder vorsieht, als zukunftsweisender Coup gefeiert. Fünf Milliarden Euro sollen dazu in den nächsten fünf Jahren aufgebracht werden: Klingt nach viel Geld, ist auch viel Geld, aber vermutlich zu wenig für den ehrgeizigen Plan, der einen gewaltigen Haken hat: Niemand hat sich im Vorfeld Gedanken darüber gemacht, ob durch Digitaltechnik geprägte Pädagogik per se sinnvoll ist, ob sie schon bei Kindern das Lernen und Begreifen wirksam unterstützt – oder, ganz im Gegenteil, der kognitiven Aneignung der Umwelt auf frühen Altersstufen eher schadet.


Den Satz, ihre Kindheit sei die glücklichste Zeit ihres Lebens gewesen, äußern manche Erwachsene reichlich unbedacht, erinnern sie sich doch vornehmlich an permanente Weihnachtsvorfreude, während die täglich auftretenden kleinen Niederlagen und Enttäuschungen, die Tränen über unerfüllte Wünsche oder elterliche Strenge in späteren Jahren milde verdrängt werden (vom Aufwachsen in prekären Verhältnissen ganz zu schweigen). Die (kurzzeitigen) Freuden beim Spiel oder nach Belohnung, die scheinbar tödlichen Verwundungen durch schulischen Zwang, restriktive familiäre Umgebung oder Mobbing durch Gleichaltrige, diese ständigen emotionalen Schwankungen der frühen Entwicklungsphase prägen die Erfahrungen, auf deren Basis wir uns unser künftiges Leben zusammenzimmern. Kinder lernen direkt nach dem Try-and-Error-Prinzip von der Welt in ihrer Vielfalt und Unausgeglichenheit. Was aber, wenn die Welt (unser soziales Umfeld, unsere Stadt, Nachbarschaft, Freundesgruppe etc.) außen vor bleibt, weil der Nachwuchs zu viel Zeit seines wachen Daseins in der Scheinrealität von Facebook, PC-Spielen sowie virtuellen Grafiken und Designs verbringt?


Das haptische, hautnahe, örtlich gebundene Erkunden von Umgebung, menschlichen Beziehungen und Entscheidungssituationen weicht digital vermittelten, quasi synthetischen Erfahrungen. In einer analog definierten Umwelt sozialisierte Pädagogen sollen künftig bereits ABC-Schützen in den virtuellen Kosmos  einführen, ohne ihnen Zeit für eigene unmittelbare Lernerlebnisse zu lassen. „Wir erleben derzeit das weltweit größte Experiment am lebenden Objekt“, sagte Ralf Lankau, Professor für Mediengestaltung und Medientheorie an der Hochschule Offenburg, in einem Interview der Tageszeitung junge welt. Dieser Versuch mag mit fünf Milliarden zwar unterfinanziert sein – Studien des Deutschen Industrie- und Handelskammertags und des Städtetags von Baden-Württemberg gehen von der doppelten Summe aus - , von der IT-Wirtschaft und ihren Lobbyisten wurde er trotzdem akribisch vorbereitet. Denn nicht die Politiker, die ihn genehmigten, oder die Lehrer, die ihn durchführen, verfügen über die nötige Medienkompetenz, die Beherrschung der Instrumente obliegt ganz allein den Unternehmen (viele davon im Silicon Valley angesiedelt), die Hard- und Software stellen, Daten sammeln, Algorithmen basteln, um dem im Sinne der Wirtschaft bedarfsgerechten Menschen die Bildung zuteilwerden zu lassen,  die er ihrer Meinung nach zum reibungslosen Funktionieren benötigt.

  

Billionen dank Pseudo-Pädagogik


Kinderärzte, Suchtforscher, Pädagogen und Kognitivwissenschaftler halten ein Alter von zehn bis zwölf Jahren für den Einstieg in die Digitaltechnik für angemessen. Vorher benötigen die Kinder ihre zweckungebundenen Freiräume und die Zeit, sich auf natürliche Weise Kenntnisse, Fertigkeiten und Kritikfähigkeit anzueignen. Schließlich sollen sie dann (eigentlich) die Grundlagen der IT-Medien verstehen und diese nicht (wie die meisten Erwachsenen, auch ihre Lehrer) unreflektiert anwenden.


Doch selbst bei einer umsichtigen Einführung in die virtuellen Möglichkeiten, bleiben deren pädagogische Effekte ziemlich zweifelhaft: Die Metaanalyse „Visible Learning“ des neuseeländischen Pädagogen John Hattie stellte keinerlei Vorteile durch den Einsatz von Rechnern und Software in den Schulen fest. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam eine PISA-Sonderauswertung der OECD-Studie „Students, Computers and Learning“. Investitionen in die IT-Ausstattung von Klassenräumen haben demnach in den letzten zehn Jahren keine signifikanten Verbesserungen der Leistungen in Lesekompetenz, Mathematik oder Naturwissenschaften erbracht. Der OECD-Direktor für Bildung, Andreas Schleicher formulierte es besonders drastisch: „Wir müssen es als Realität betrachten, dass Technologie in unseren Schulen mehr schadet als nützt.“


Es scheint so, als seien immer noch das Einfühlungsvermögen von Pädagogen und die Möglichkeit zur konzentrierten Arbeit in analoger Umgebung entscheidender für den Lernerfolg als der Einsatz wirtschaftsaffiner Software. Dennoch hatte sich Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (nur als Galionsfigur) an die Spitze der Bewegung gesetzt und den Digitalpakt#D bereits 2016 zum 10. Nationalen IT-Gipfel in Saarbrücken angekündigt. An dem Symposion nahmen Repräsentanten aller wichtigen IT-Firmen, aus deren Reihen auch die maßgeblichen Autoren des Pakt-Papiers stammen, teil. Microsoft, Bitkom, SAP oder Telekom wollten natürlich dabei sein, wenn es um die Verteilung der ersten Milliarden ging.


Doch die Cracks der Digital-Branche denken viel weiter als die Politiker und wollen sich auch nicht mit den Anfangsprofiten begnügen. Es geht darum, die Daten gegenwärtiger und späterer User, Konsumenten, Bewerber und Schuldner aus dem kaum geschützten Raum „Schule“ abzugreifen, zudem die jungen Menschen so an das digitale Diktat zu gewöhnen, dass es später „alternativlos“ für sie bleibt. Und in den IT-Hochburgen des Silicon Valley, wo charismatische Manipulatoren mit pseudo-religiösem Pathos vorgeben, das Los der Menschheit verbessern zu wollen, wird längst daran gearbeitet, den individuellen und damit fehlerbelasteten oder unbequemen Output des Lehrers schrittweise durch frisierte Unterrichtsalgorithmen zu ersetzen. Ralf Lankau weist darauf hin, dass diese Software-Pioniere und Startup-Gründer ihre eigenen Kinder allerdings in Montessori-Kindergärten und Waldorfschulen ohne Computer schicken und nicht in High-Tech-Pennen, wo die Durchschnittszöglinge „nach Bedürfnissen und Bedarf der Industrie in Lernfabriken zugerichtet werden“.


Hier sind auf lange Sicht Billionen zu verdienen und opportune Gesellschaftsstrukturen zu zementieren – mit Billigung kurzsichtiger oder sympathisierender Bildungspolitiker. Wer dies für übertriebene Schwarzmalerei hält, sollte sich nur den von Facebook bereits in der Gegenwart erreichten Einfluss auf das Verhalten, die Selbst- und Fremdeinschätzung sowie das soziale Denken von Jugendlichen und Erwachsenen vor Augen halten.


Ein Täter warnt


Sean Parker war Co-Gründer von Facebook und brachte es zu einigem Reichtum (2,6 Milliarden Dollar laut Forbes). Heute kritisiert er sein einstiges Unternehmen scharf und verweigert sich kategorisch den Social Media - immerhin einer, der weiß, wie man Menschen in die Internet-Falle lockt, weil er diese selbst mit aufgestellt hat. Parker ist auch jetzt nicht gerade ein scharfer Analytiker, aber er schildert sehr ehrlich, wie es die Weltverbesserer in Kalifornien angestellt haben, die Träume und Wünsche von Usern zu infiltrieren, auf dass ein neues Bewusstsein an die Leine des Kommerzes und der süßen Indoktrination gelegt werden konnte:


„Wir müssen den Menschen ab und zu einen kleinen Dopamin-Schub geben, das passiert, wenn jemand Sachen von dir liked oder ein Foto kommentiert. Es ist ein Feedback Loop, der auf dem Drang der Menschen nach sozialer Bestätigung basiert. … Wir haben eine Schwachstelle in der Psychologie der Menschen ausgenutzt. Die Erfinder, also ich und Mark und Kevin Systrom, wussten das. Und wir haben es trotzdem gemacht.“


Ein Täter bereut, andere wie Kompagnon Mark Zuckerberg, die Nachfolger des Status-Schamanen Steve Jobbs bei Apple oder der Google-Mentor Larry Page machen weiter. Und sie wollen sich nicht mehr damit begnügen, unbedarften Usern unechte Glücksgefühle zu vermitteln, sie wollen die Emotionen und Entscheidungen ihres Publikums dirigieren und – da erreichen sie eine andere Dimension als die Rattenfänger der analogen Werbung – alle künftigen Optionen und Daseinsmanifestationen der Kunden und Untertanen prognostizieren, zum eigenen Vorteil modifizieren und letztendlich kapitalisieren.


Natürlich ist der IT-Boom nicht das Böse an sich, so wie die Industrielle Revolution und die Elektrifizierung eigentlich das Schaffen aller sofort begrüßenswert erleichtert hätten, wären sie nicht als Machtinstrumente in den Händen weniger eingeführt worden. Man kann das Internet, die Kalkulation und die Textverarbeitung sinnvoll nutzen, man könnte an Information und Wissen ohne zeitaufwendige Archiv-Recherche gelangen, wenn man denn wüsste, wonach zu fragen und zu suchen ist. Doch genau diese Kompetenz zu stärken, liegt nicht im Sinn der großen Digital-Oligarchen.


Es müsste alle Verantwortlichen aufschrecken, dass diese Big Brothers des 21. Jahrhunderts nun auch über ihre Lobbyisten und etliche willfährige Politiker (Lindner-Wahlslogan: First digital – second Bedenken) den Unterricht in Schulen und demnächst auch die Vorschulpädagogik in Kinderkrippen steuern können. Vielleicht  aber sind die staats- und wirtschaftstragenden Kräfte in unserer Republik gar nicht so naiv, möglicherweise präferieren sie das blasse Individuum, das sich Empathie aus dem Netz borgen muss und der garstigen Wirklichkeit das farbenprächtige Universum der Digital-Schöpfer vorzieht, das einen Freund oder Bekannten nur noch per Skype oder Smartphone, nicht aber in Fleisch und Blut ertragen kann und intellektuelle Kritik für archaische Zeitverschwendung hält, als Prototyp des idealen Untertans in der schönen neuen Welt, die sich mit unkommerziellen oder gar widersätzlichen Gedanken nicht weiter abgibt.

 

11/2017

 

Dazu auch:

Lindner vor dem Tore in der Rubrik Helden unserer Zeit