Roter Fleck in Afrika


Den deutschen Zeitungen war die Unicef-Nachricht allenfalls ein paar Zeilen wert: In der Zentralafrikanischen Republik, dem Land, dessen Bevölkerung weltweit die kürzeste Lebensspanne aufweist, sind aufgrund militärischer Konflikte derzeit 1,5 Millionen Kinder auf Hilfe angewiesen, viele von ihnen vom Hungertod bedroht. Hintergrundberichte oder Kommentare zu diesem Fakt blieben weitgehend aus, obwohl sich hier eine Analyse der verlogenen EU-Deklarationen, insbesondere auch des BRD-Ministers Gerd Müller, zu Afrika sowie der hegemonialen Strategien ehemaliger Kolonialmächte in ihrer fatalen Konsequenz dringend angeboten hätte.


Menschenfreunde mit böser Absicht


Immer wenn Entwicklungshilfeminister Müller oder Kanzlerin Merkel durch Schwarzafrika touren, haben sie die frohe Kunde von der enormen Entwicklungsfähigkeit und den menschlichen Ressourcen dieser Weltregion auf den Lippen und einen ganzen Pulk deutscher Manager im Tross. Während die Politiker diversen Ländern südlich der Sahara Freihandelsverträge schönreden, die den EU-Staaten freie Hand beim Absatz qualitativ minderwertiger Waren lassen, Einfuhren aus Afrika aber Restriktionen auferlegen, zeigen die mitgereisten Wirtschaftsleute klare Kante: Was sie interessiert, ist nicht das Wohlergehen der Menschen in der Sahelzone oder am oberen Nil, sondern deren (allerdings geringes) Konsumenten-Budget sowie deren Brauchbarkeit und Gefügigkeit als Rohstofflieferanten und Giftmüll-Abnehmer.


Eigentlich ist kein Volk arm genug, um nicht als Profitquelle ausgebeutet werden zu können; um einen failed state schlagen die deutschen „Entwicklungshelfer“ aus Politik und Big Business dennoch einen großen Bogen. Die Zentralafrikanische  Republik (ZAR) steht für die deutschen Industriellen und Wohltäter nicht auf der Agenda, und das obwohl gerade Unicef wieder gewarnt hatte, dass anderthalb Millionen Kinder, die mehr als ein Drittel der Bevölkerung ausmachen, dort humanitärer Hilfe bedürfen. Das UN-Kinderhilfswerk macht den permanenten Bürgerkrieg in dem zwischen dem Tschad im Norden und der Demokratischen Republik Kongo im Süden eingeklemmten Land auch für die desaströse Tatsache verantwortlich, dass sich rund 1,2 Millionen Menschen innerhalb der Grenzen auf der Flucht befinden.


Der Staat mit dem sperrigen Namen hält mehrere traurige Rekorde: Nirgendwo auf der Welt sind die Lebenserwartung so niedrig und die Existenzperspektiven so düster. Die ZAR gilt als ärmstes Land auf dem Globus und konkurriert mit Pakistan um Platz eins bezüglich der Säuglingssterblichkeit. Wenn man also tatsächlich die Menschen in der Dritten Welt unterstützen wollte, gäbe es keinen Ort auf Erden, an dem sofortige und nachhaltige Hilfen nötiger wären. Doch die deutschen Wirtschaftsvertreter und die Humanismus-Rhetoriker aus Berlin sehen dazu – ähnlich wie im Jemen – keinen Anlass, verfügt doch die Region im Herz der Finsternis (Joseph Conrad) mit Ausnahme von ein wenig Edelmetall und teuren Mineralien sowie einem für Militärs und AKW-Betreiber segensreichen, für den Rest der Menschen indes lebensgefährlichen Stoff kaum über nennenswerte  Rohstoffe. Und da ein anderer Global Player aus Europa dort das Sagen hat, lassen sich nicht einmal Waffen made in Germany in gewohntem Umfang in den Busch verkaufen.


Ein Land im Würgegriff Frankreichs


Holz aus dem Urwald, ein paar Diamanten, ein bisschen Gold und das als Handelsware geächtete Elfenbein – mehr hat die ZAR fast nicht zu bieten. Industrie ist kaum vorhanden, von Kleidung über Maschinen bis zu Chemikalien muss alles importiert werden, genügend Lebensmittel waren zudem noch nie in jüngerer Zeit vorhanden. Doch den früheren Kolonialherren Frankreich interessiert neben der strategischen Lage, die zur permanenten Militärpräsenz genutzt wird, ein Rohstoff, mit dem die Einheimischen ohnehin nichts anfangen könnten: Uran.


Auch nachdem Paris seine Kolonie 1960 „in die Unabhängigkeit entlassen“ hatte, blieb stets französisches Militär vor Ort. Zunächst installierten die einstigen Herren und jetzigen Drahtzieher ihren Günstling Dacko als autoritären Präsidenten in der ZAR-Hauptstadt Bangui. Dann unterstützten sie den Putschisten Jean-Bédel-Bokassa, der sich selbst später zum Kaiser ernannte und durch blutige Verfolgung aller Oppositionellen aus dem weißen Fleck auf der Weltkarte endgültig einen blutroten machte.

 

Dass es französischen Politikern nicht immer nur um Geostrategie und die Ausbeutung von Bodenschätzen durch Firmen wie den AKW-Betreiber Areva ging, sondern manchmal auch um persönliche Bereicherung, zeigt das Beispiel Giscard d`Estaings: Als Pariser Finanzminister ließ er sich von dem mörderischen Despoten Bokassa mehrmals zur Jagd einladen und reich beschenken, noch als Staatspräsident nahm er wertvolle Gaben aus Diamanten und Elfenbein entgegen (ebenso übrigens wie Henry Kissinger). Erst als der Diktator in Bangui an die hundert demonstrierende Schüler foltern und ermorden ließ, wurde er für Frankreich untragbar.


Für zwei Jahre kehrte nach der Absetzung Bokassas der frankophile Dacko an die Macht zurück, entsprach aber offenbar nicht mehr den hohen Erwartungen, die eine ehemalige Kolonialmacht an ihre Marionetten stellt, worauf sie einen weiteren Militärputsch inszenierte. Danach wechselten die Regimes, marodierte die Armee, entglitt die Kontrolle den jeweils in Bangui Residierenden. Französische Truppen aber mischten immer mit, schon um den Zugriff des Areva-Konzerns auf das strahlende Gold der ZAR, das Uran, zu sichern. Auch Soldaten und Söldner aus anderen afrikanischen Staaten, etwa aus Libyen oder Angola, tauchten nun im Land auf und trugen zum allgemeinen Chaos bei. Hilflose Befriedungsbemühungen von UN-Blauhelmen und Streitkräften der Afrikanischen Union verkomplizierten die Situation weiter, zumal sich die "neutralen" Besatzer mit den französischen Okkupanten absprachen und sich wie diese vor allem durch Vergewaltigungen und Schmuggel auszeichneten.


Als 2013 die bis dahin besonders geschundene muslimische Minderheit aufbegehrte und die von ihr dominierte Rebellentruppe Séléka die Hauptstadt eroberte, erweiterte sich der diffuse Konflikt um eine religiöse Dimension. Nun kämpften auch noch christliche Milizen mit Unterstützung der Franzosen gegen Mohammedaner, die letzten staatlichen Strukturen gingen verloren, und der jetzige Präsident in Bangui kontrolliert nicht einmal mehr ein Fünftel des Landes. Hunderttausende von Vertriebenen, Hungernden und Kriegswaisen (Alte gibt es kaum) irren zwischen den zahllosen Fronten hin und her. Das einzige Kontinuum in der ZAR blieb die militärische Präsenz der Grande Nation, vor allem zum Nutzen und Frommen von Areva.


Deutsche Komplizenschaft


Der hiesigen Presse war die tragische Geschichte Zentralafrikas kaum eine Notiz wert, obwohl sie doch die durchaus absehbare Entwicklung anderer failed states, etwa Libyens und des Jemens, vorzeichnete. Auch hätte man die – besonders zugespitzte – Genese eines postkolonialen Traumas trefflich analysieren können. Doch schien Deutschland ausnahmsweise mal nicht seine Hände mit im schmutzigen Spiel zu haben - und wenn es sich um Desaster ohne „lokalen“ Bezug handelt, zeigen sich viele Journalisten eher desinteressiert.


Ganz so einfach ist es nicht. Zwar sind in der ZAR für deutsche Konzerne kaum Profite zu machen, und ein Einsatz der Bundeswehr wäre schon aus diesem Grund nicht lohnend, doch leistet Berlin in einem ähnlich gelagerten Fall der französischen Hegemonialmacht Schützenhilfe im wahrsten Sinne des Wortes: Im westafrikanischen Mali sind Soldaten aus der Bundesrepublik stationiert, um als  Teil einer „Friedenstruppe“ vor allem die Interessen des notorischen Atomenergie-Konzerns Areva zu wahren, der auch dort Uran abbaut.


Jahrzehntelang hatte Frankreich in Mali instabile Regimes je nach Gusto geduldet oder ausgetauscht, wohl wissend, dass eine starke nationale Regierung den fremden Zugriff auf Bodenschätze erschweren würde. Als dann Tuaregs und Islamisten sich verbündeten und die Hauptstadt Bamako bedrohten, wurde Paris die Situation zu prekär und es holte Alliierte mit ins Boot, welche den Nachschub für die französischen Meiler sichern sollten.

So gerne sich die Bundesregierung bei ihren Erpressungen ostafrikanischer Staaten per Freihandelsdiktat den Rücken von EU-Partnern freihalten lässt, so bereitwillig unterstützt sie den französischen Explorationsimperialismus in Mali und schickt dazu sogar Soldaten in ein Land, in dem sie wirklich nichts zu suchen haben. In Afrika gilt für europäische Verbündete bis auf Weiteres die folgende Umkehrung einer bekannten Redewendung: Eine Hand beschmutzt die andere.


Weit weg wird Sterben uninteressant


In Goethes Faust sinniert ein satter Bürger in seiner sicheren Stube über den Krieg, der, wenn er weit weg von deutschen Landen stattfindet, der angenehmen Unterhaltung dienen kann:


Nichts bessres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen 
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, 
wenn hinten, weit in der Türkei, 
die Völker aufeinander schlagen.
 


So zynisch uns diese Voyeurshaltung erscheinen mag – sie wird trotz wachsender Sensationslust der Bevölkerung fremdem Scheitern  gegenüber bei unseren Zeitgenossen eher selten anzutreffen sein. Man liest und hört nämlich nicht mehr sehr oft und vor allem nicht viel Erhellendes von grausigen Auseinandersetzungen oder bedrohlichen Hungersnöten, aber auch nicht von positiven Entwicklungen in Ländern der Dritten Welt. Dafür sind vor allem zwei Umstände dingfest zu machen, die auf ein Medienproblem und auf den herrschenden politischen Willen zurückzuführen sind.


Man könnte meinen, die medialen Möglichkeiten hätten sich in den letzten Jahren nur potenziert, um sogleich von der quantitativen Klimax auf einen intellektuellen Tiefststand reduziert werden zu können. Das Internet macht es leicht, Informationen weltweit zu verbreiten und zu empfangen, doch nutzen wenige User die Chance zu Recherche und Reflexion, weil die globalen Digital-Dienstleister, allen voran die „sozialen Netzwerke“, das kritische Bewusstsein der Mehrheit mittels Propagierung drittrangiger Bedürfnisse, raffinierter Werbung und Fake News systematisch „entschärft“ haben.


Gleichzeitig dünnen selbst Printmedien, die sich selbst seriös nennen, ihre Korrespondentennetze aus und entsenden die Redakteure lieber in Think Tanks, wo sie sich die rechte Sichtweise von den Lobbyisten und Teilhabern der Macht diktieren lassen. Um Goethes Bild aufzugreifen: Wenn weit hinten in der Türkei oder im afrikanischen Busch Völker aufeinander einschlagen, erfährt unser Bürger das gar nicht mehr. Das Elend von Staaten wie Uganda oder der ZAR wird nur dann für kurze Zeit publik, wenn exotische Despoten vom Schlage Idi Amins oder Bokassas für grelle Schlagzeilen sorgen.


Und das kommt der Realpolitik sehr zupass. Die EU hat kein Interesse daran, ihr prominentes Mitglied Frankreich nach der Legitimation militärischer Interventionen in einer früheren Kolonie zu fragen, und die Bundesregierung möchte in der Öffentlichkeit nicht wegen der staatlich unterstützten Ausbeutung afrikanischer Länder durch die deutsche Wirtschaft  oder der Anheizung von Genoziden durch Waffenexporte gerügt werden. Man schaut lieber dezent weg, wenn weiße Flecken sich voll Blut saugen.

 

12/2018

 

Dazu auch:

                             

Vorsicht: Hilfe! (2014) und Die Erpressung (2015) im Archiv der Rubrik Politik und Abgrund