Reif für den Krieg

 

Kinder und Heranwachsende werden seit Menschengedenken in Kriegen eingesetzt, als Handlanger zumeist, manchmal aber auch als Killer. Das Schicksal der „Kindersoldaten“ in Afrika etwa empört die deutsche Gesellschaft und sorgt für routiniert mahnende Politiker-Statements. Dass hierzulande aber junge Menschen, die noch nicht voll geschäfts- oder straffähig sind und nicht wählen dürfen, mittels raffinierter Werbung zur Bundeswehr, also zu einer auf tödlichen Waffengebrauch spezialisierten Truppe, gelockt werden, scheint die wenigsten Bürger zu stören. Widerspruch erntet da eher die Berliner SPD, die militaristische Reklame an Schulen untersagen möchte.

 

Schön ist das Soldatenleben

 

Produktwerbung ist der methodische Versuch, bei einer Personengruppe „unechte“, da bislang noch nicht vorhandene, Bedürfnisse zu wecken, die Gedanken potentieller Kunden zu steuern und eine verkaufsfördernde Atmosphäre oder Identifikation zu suggerieren. Es handelt sich in jedem Fall um Manipulation, oft auch mit Kollateralschäden für Körper und Geist, wenn etwa in der Zigarettenreklame ein Suchtmittel als unverzichtbares Utensil für Abenteuer und Freiheitsgefühl angepriesen wird oder raffinierte Verpackung, perfide Platzierung und verführerische Slogans die Anfütterung ahnungsloser Kinder zu adipösen Kleinmonstern in die Wege leiten.

 

Werbung kann auch der Bundeswehr helfen, im Blick auf umstrittene Auslandseinsätze ihre Kontingente zu füllen. Und die Strategen einer Armee, die den Großmachtträumen rechtsbürgerlicher Regierungen die militärische Note verleihen soll, wenden sich dabei bevorzugt an Menschen, denen der Staat noch nicht allzu viel zutraut, weil er sie für noch nicht mündig, freie Entscheidungen in allen Lebensbereichen zu treffen, hält: Kinder und Jugendliche. Rund 340 Jugendoffiziere waren zuletzt in der Republik unterwegs, um fast 120.000 Schüler in den Klassenzimmern, vornehmlich an Gymnasien,  zu „informieren“ und für den „abwechslungsreichen“ Dienst mit der Waffe zu ködern. Auf Projekttagen und Jobmessen erreichte die Bundeswehr weitere 370.000 Minderjährige, denen das Wählen der für die Rekrutierung verantwortlichen Verteidigungspolitiker verwehrt wird, die aber bereits in zartem Alter einen Berufsweg einschlagen dürfen, der die Gefahr des frühen Ablebens und der Indoktrinierung durch nationalistische Offizierskorps beinhaltet.

 

Und jetzt will also die Berliner SPD diese Aktivitäten, bei denen sinnentleerte Werbung und rigorose Propaganda eine innige Verbindung eingehen, an den Schulen der Hauptstadt untersagen. Sofort tobt die Allianz der AufRechten: Dies sei ein "Schlag ins Gesicht aller Soldatinnen und Soldaten", schrie die betongeföhnte Kriegsministerin Ursula von der Leyen leidvoll auf und lobte, ganz Mutter der Kompanien, ihre Schutzbefohlenen in höchsten Tönen: "Sie halten bei jedem Einsatz den Kopf dafür hin, dass in Deutschland Frieden und Freiheit herrschen." Man könnte natürlich auch abweichend konstatieren, dass die potentiell Kopflosen ihr Leben in Mali für französische Uran-Interessen und in Afghanistan für eine gescheiterte Interventionspolitik riskieren. Doch schon sprang Thomas Oppermann, der versierte Umfaller der SPD-Fraktion im Bundestag (Snowden, NSA etc.), dessen Sturz durch den Stuhl des Vize-Parlamentspräsidenten abgefangen wurde, der Koalitionskollegin bei und zeigte sich „entsetzt“ über den Beschluss der Berliner Genossen. Sie trauten den Schülern „zu wenig zu“. Heißt das nun, die Pennäler könnten die Rattenfängerei problemlos selbst entlarven, oder wird damit auf den Heldenmut angespielt, mit dem sich junge Deutsche bisweilen freiwillig in sinnlose Kriege stürzten?

 

Action gegen Nachdenken

 

Ein Hauch von Heldentum durchweht tatsächlich das Prunkstück der Rekrutierungskampagne, die dreißigteilige Video-Staffel Mali auf YouTube. Schon im Vorspann sieht man ein martialisches Triumvirat, das dem Kinoplakat eines Avengers-, Batman- oder Bond-Films entsprungen sein könnte. Dann folgen Szenen, in denen sympathische und verantwortungsbewusste junge Männer (plus eine Quoten-Soldatin), angeleitet von väterlichen Offizieren, das Lagerleben wie eben in einer Doku-Soap vorexerzieren, mutig auf Patrouille durch die westafrikanische Landschaft pirschen und von süßen Eingeborenenkindern gefeiert werden.

 

Was Martina Schmerr von der GEW im Januar vor der Kinderkommission des Bundestages äußerte, trifft auf die „Jugendarbeit“ per YouTube nur bedingt zu: "Die Bundeswehr zeigt sich an Schulen als normaler Arbeitgeber, wie jeder andere. Das ist sie aber nicht - die Gefahren oder beispielsweise posttraumatische Störungen der Soldatinnen und Soldaten werden nicht erwähnt." Immerhin warnt ein Offizier im Video eindringlich vor den Skorpionen im Lager,  und die beiden Soldaten, die 2017 beim Absturz eines Helikopters ums Leben kamen, werden ausgiebig betrauert. Natürlich wird nicht thematisiert, wer dafür verantwortlich war, dass die Männer mit schrottreifem Gerät in die Wüste geschickt  wurden. Selbstredend zeigt man keine Veteranen, die, etwa aus Afghanistan, fürs Leben gezeichnet ins zivile Dasein zurückkehrten. Gefahr und Tod sind in der Serie so vorsichtig dosiert, dass sie nicht abschrecken, sondern von abenteuerlustigen Geistesträgen als Belege dafür, dass es sich nicht um Kinderspiel, sondern um echte Action handelt, rezipiert werden können.

 

Die militärische Führung gilt in der Selbstdarstellung gemeinhin nicht als besonders geschickt und überzeugend, die von ihr beauftragten Werbe-Profis, die im vergangenen Jahr 31 Millionen Euro kassierten, verstehen hingegen ihr Handwerk: Seit die Bundeswehr 2016 ihre Aktivitäten an Schulen und sogar in Kindergärten, wie der SPIEGEL berichtete, intensivierte, steigt die Zahl der minderjährigen Rekruten. Als Erweckungserlebnis realitätsferner aber effektiver PR kann eine 2014 geschaltete Anzeige im Teenie-Magazin Bravo, die mit Fotos von Meer, Strand und Sonne für ein Adventure Camp der Luftwaffe auf Sardinien warb, gelten.

 

Wie aggressiv darf Verteidigung sein?

 

Nun erwischt es also die letzten Pazifisten in der SPD, der Rest der Genossen drischt ordentlich auf sie ein. Neben Andrea Nahles und den üblichen Verdächtigen an der Spitze einer Partei, die ja immerhin veritable Schlächter wie Gustav Noske in ihrer Ahnengalerie hegt, tut sich Generalsekretär Lars Klingbeil hervor. Der erfahrene Rabulist möchte es den Drückern der Bundeswehr auch weiterhin gestatten, „sicherheitspolitische Diskussionen an den Schulen“ führen zu können, denn „Jugendoffiziere machen keine Werbung“. Mit solch euphemistischer Chuzpe lässt sich militaristische Propaganda, die nur ein Ziel hat, blendend umschreiben und leugnen. Eine sicherheitspolitische Diskussion mit Open End ist nämlich nicht vorgesehen, die Konsequenz muss lauten: You`re in the army now.

 

Die Berliner SPD hatte argumentiert, Minderjährige müssten ihre zentralen Lebens- und Wertvorstellungen erst noch entwickeln. Sie seien daher „anfällig für militärische Propaganda und Verharmlosung realer Gefahren eines militärischen Einsatzes“.

 

Nix Propaganda, kontert da ein Sprecher des Verteidigungsministeriums, die Bundeswehr habe einen in der Verfassung verankerten Auftrag. Hat sie, und der lautet im Artikel 87 des Grundgesetzes so: Der Bund stellt Streitkräfte zur Verteidigung auf…(1) und Außer zur Verteidigung dürfen die Streitkräfte nur eingesetzt werden, soweit dieses Grundgesetz es ausdrücklich zuläßt (2)

 

Ob dieser Auftrag die Vorwärtsverteidgung der „Handelswege“ (Ex-Bundespräsident Köhler) am Hindukusch, das Wüstenabenteuer in Mali oder den Einsatz im Kosovo infolge der von Berlin angestifteten Zerstückelung Jugoslawien zulässt? Oder die Verführung naiver Minderjähriger?

 

04/2019

 

Dazu auch:

 

Lustige Kriegsspiele im Archiv dieser Rubrik (2017)