Lob des Papiers

 

Von der flächendeckenden Substitution des gedruckten Wortes durch den digital generierten Text ist schon lange die Rede. Beim Buch hat es bislang nicht geklappt, Print-Schmöker verkaufen sich weiter, E-Books werden immer teurer, und der Absatz von Lesegeräten wie kindle oder tolino hält sich in bescheidenen Grenzen. Anders sieht es bei den Zeitungen aus: Gerade im ohnehin nicht gerade üppigen linken Spektrum verschwinden peu à peu papierbasierte Ausgaben, und bisweilen erinnert die Art, wie sich die Verantwortlichen gleichzeitig "überzähliger" Mitarbeiter entledigen, an die Methoden profitorientierter Medien des Mainstreams.

 

Haptisches Vergnügen und Konzentration

 

Dass Fußball-Bild, Tageszeitung für Spielsüchtige aus dem Hause Springer, Ende des letzten Jahres als Printausgabe eingestellt wurde, dürfte die kulturelle Vielfalt dieses Landes nur peripher beeinträchtigt haben. Wenn aber die Tageszeitung (taz) ankündigt, in drei Jahren werktags aus dem Markt der gedruckten Blätter in den der Online-Medien zu wechseln und nur für das Wochenende ein opulentes Papierformat anzubieten, ist dies schon ein Hinweis auf eine bevorstehende Veränderung unserer Lesegewohnheiten und Informationsrezeption, eine Veränderung, die viele nicht wollen, die durch ökonomischen Druck auf die Verlage zustande kommt und bei der wir uns fragen: Ist das gut?

 

Natürlich liegt zumindest für die Älteren von uns in dem Ritual, sich zum Frühstück oder nach dem Abendessen mit der Zeitung an den Tisch zu setzen, ein subjektiver Wohlfühlfaktor begründet, der – objektiv gesehen – keinen Supremat  des „analogen Lesens“ gegenüber der Lektüre am PC oder Smartphone rechtfertigt. Allerdings sind einige selektive Tätigkeiten damit verbunden: Es wurde eine bestimmte Zeitung ausgewählt, deren Seiten man durchblättert, ehe man sich je nach ursprünglichem Interesse oder geweckter Neugier auf den einen oder anderen Artikel konzentriert. Vielleicht werden Passagen angestrichen oder ganze Seiten ausgeschnitten und archiviert.

 

Geht alles im Internet auch und noch viel besser, werden viele jüngere News-User sagen. Man klickt einen Artikel an, im Idealfall sogar in einer Online-Ausgabe, für deren Nutzung man bezahlt hat, markiert wichtige Inhalte und speichert sie ab (und wird sie im unendlichen Wust des so bequem Konservierbaren noch seltener ein weiteres Mal aufsuchen als der Analog-Leser seine Scherenschnitte). Vor allem aber kann man im Netz zwischen unzähligen Beiträgen zum gleichen Thema hin- und herspringen (von den Social Media mal ganz zu schweigen). Oberflächlich betrachtet, sind das faktische Vorteile, doch liegt die Tücke in der weltumspannenden Beliebigkeit und in den beschränkten Rezeptionsmöglichkeiten des Menschen verborgen.

 

Zu viel lenkt ab, zu bunt verwirrt die Sinne, zu schrill stört beim ernsthaften Diskurs. Um die digitale Vielfalt, die eher dem Chaos ähnelt, geistig einigermaßen durchdringen, somit Angebotenes nach Wertigkeit und Glaubwürdigkeit einstufen zu können, muss man Recherche betreiben. Das Internet aber erleichtert die Recherche (Verfügbarkeit von Infos) und erschwert sie gleichzeitig (Mangel an Überprüfbarkeit). Der Leser sieht sich hier mehr noch als bei Meinungsartikeln in den Printmedien gezwungen, auf eigene Faust die Validität von Texten zu eruieren (oder schlicht zu glauben). Die Methoden aber, die er dazu anwenden kann, basieren im Wesentlichen wieder auf den Recherchewerkzeugen von Journalisten in den Printmedien.

 

Noch etwas spricht für das analoge Lesen: Schwarzweiß auf flachem Papier, das ist ein zweidimensionales Stillleben, bei dem die Konzentration höchstens vom Anheben der Kaffeetasse gestört wird. Ein Text auf dem Bildschirm ist hingegen ein platter Fremdkörper in räumlicher Kulisse, Unnötiges lenkt ab, die technischen Möglichkeiten verführen zum Scrollen oder beim Handy zum Wischen. Die Aufnahmefähigkeit des Lesers ist reduziert, verlangt nach kürzeren (was nicht immer schlecht sein muss), vor allem aber oft den inhaltlichen Gehalt verkürzenden Artikeln, die später auch schlechter memoriert werden als Gedrucktes. Zudem mahnen auch immer die Ärzte, nicht allzu lange vor dem Screen zu verweilen, während ich noch nie vor mehrstündigem Lesen in Buch oder Zeitung gewarnt wurde.

 

Inzwischen fahren etliche Medienverlage zweigleisig, wobei manche kurz- oder mittelfristig die Chance sehen, die Herstellungs- und Personalkosten zu senken, indem sie nur noch ein Gleis, nämlich das digitale, benutzen. Zwangsläufig wird mit dem Papier so mancher Qualitätsanspruch verschwinden, und leider liebäugeln auch linke und bürgerlich-aufklärerische Blätter mit dem technologischen Fortschritt, der eine kognitive Regression bedeutet. 

 

Was geht verloren?

 

Immer mehr papiergestützte Publikationen werden vom Markt verschwinden. Leider betrifft diese Entwicklung weniger die Regenbogenpresse, die ihre vergreisende Leserschaft weiter mit Glanzdruck bei Laune hält, als vielmehr die zur differenzierten Information wichtigen Blätter. Wer zur gründlichen Lektüre und Analyse in Zukunft auf seine griffige Tageszeitung bauen möchte, könnte bald in die Röhre  gucken (auch das ein überholter Ausdruck) – vor allem wenn er nach Infos und inhaltlichen Positionen außerhalb des halbrechten Mainstreams sucht.

 

Die taz will also in drei Jahren auf Käufer, die sich nicht dem flächigen Minimalismus der Smartphone-Screens unterordnen wollen, verzichten. In den Szene-Cafés und Treffpunkten der Grünen-Schickeria werden dann, von einer behäbigen Wochenendausgabe abgesehen,  keine Zeitungsteile und keine Kommentarfetzen mehr zwischen den Tischen ausgetauscht werden. Ein ähnlicher Weg scheint für das Neue Deutschland (nd) vorgezeichnet. Trotz ihres unglücklichen Namens (die DDR-Patin galt nun wirklich nicht gerade als Paradebeispiel des investigativen, unabhängigen und kritischen Journalismus) ließen sich in der Berliner Tageszeitung des öfteren wider den Strich gebürstete Hintergrundartikel oder Debattenbeiträge als Korrektiv zu den Think-Tank-Verlautbarungen von FAZ, SZ oder SPIEGEL finden.

 

Auch beim nd, dessen Schmusekurs mit der Linkspartei  bisweilen ein wenig penetrant ist, das aber immerhin den glänzenden Kolumnisten Otto Köhler oder den Nonkonformisten und einstigen DDR-Dissidenten Friedrich Schorlemmer zu seinen Autoren zählt, stehen die Zeichen mittelfristig auf Abschied vom Printmedium. Ab Herbst 2018 wurden „die gedruckten Ausgaben von Montag bis Freitag auf 16 Seiten geschrumpft, dafür aber die Wochenendausgaben aufgehübscht. … Zudem "werden sie vom täglichen Nachrichtengerümpel befreit“, spottete die junge Welt (jw) und mutmaßte, dass das nd aufgrund der neuen Beliebigkeit seiner Themen keine dreieinhalb Jahre mehr als händisches Medienprodukt überleben würde. Die jw, die unbedingt an Druck und Papier festhalten will, wäre dann die letzte linke Tageszeitung, die man falten kann, in Deutschland.

 

Die Vorbereitung der Digitalisierung in Planung und Herstellung geht meist mit Personalabbau einher, und hier zeigt sich, dass Zeitungen sozialistischer Couleur sehr wohl von bürgerlichen Blättern lernen können. Die „Gesundschrumpfung“ des Betriebs geht dort nämlich stets mit möglichst wenig Lautstärke vor sich, fast verschämt, ja so leise, dass die Betroffenen erst ganz zum Schluss von ihrem „Schicksal“ erfahren. Dementsprechend bekamen die drei langjährigen Karikaturisten des nd, Rainer Hachfeld, Harald Kretzschmar und Christiane Pfohlmann (die inzwischen aber offenbar wieder mittun darf) erst sehr spät mit, dass ihre Dienste künftig nicht mehr erwünscht seien. Noch 2004 galt das Zeichnerteam in einem Editorial als eine der „vier stabilen Säulen“ des nd.

 

In einem ziemlich peinlichen Brief an Hachfeld, der mittlerweile gegen die Kündigung klagt, begründete der interimistische Chefredakteur Wolfgang Hübner die Kündigung mit einem Potpourri aus zeitgeistigen und geschmäcklerischen „Argumenten“: „Wir müssen uns immer wieder neu erfinden. Im Spätsommer haben wir das linke Online-Lifestylemagazin Supernova gestartet, um Anschluss an eine jüngere Generation linker Menschen mit ganz anderen Gewohnheiten der Kommunikation und Information zu bekommen.“ Also habe man sich die Frage gestellt, „ob wir nicht auch an dieser Stelle etwas Neues versuchen wollen. Das mag ganz unterschiedliche Gründe haben – inhaltliche Kritik an einzelnen Zeichnungen, Geschmacksfragen, der Wunsch nach Veränderung und neuen Ideen“. Nur ganz am Rande werden der Druck, „wirtschaftlich zu arbeiten“,  und die Überlegung, die  wochentäglichen Printausgaben womöglich ganz einzustellen, erwähnt.

 

Über die Karikaturisten und ihre Arbeit wurde also offenbar ausgiebig gesprochen, mit ihnen hingegen nicht. Dieses Geschäftsgebaren belegt, dass das nd zumindest bezüglich seiner Personalpolitik in der Mitte der bürgerlichen Medienlandschaft angekommen ist. Wenigstens fast, denn den Fauxpas des leitenden Redakteurs, die Zeichner nach dem Rausschmiss zu einem „persönlichen Gespräch“ einzuladen,  hätte sich ein Verantwortlicher von Welt oder FAZ wohl nicht erlaubt. 

 

Eine Protestnote der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union Berlin-Brandenburg zu Händen des nd hätte übrigens auch gleich an Jakob Augsteins Wochenzeitung Der Freitag weitergereicht werden können. Auch dieses linke Blatt, das sich zunehmend digital zu orientieren scheint, entließ im Dezember seine Karikaturisten Klaus Stuntman und Hogli mit der Begründung, die Neugliederung des Layouts ließe keine Cartoons mehr zu… 

 

Sackgasse statt Rettung?

 

Doch von den Folgen der „digitalen Modernisierung“ für die Mitarbeiter zu den Auswirkungen auf die Konsumenten: Vor Jean-Jacques Rousseau wurden Kinder als kleine Erwachsene gesehen, als solche auch behandelt und (etwa zur Arbeit) eingespannt. Erst der Genfer Aufklärer verdeutlichte seinen Zeitgenossen, dass die Jüngsten einen Freiraum für Spiel und Entwicklung bräuchten. Umgekehrt allerdings ist es sicherlich nicht falsch, wenn man viele Erwachsene als große Kinder bezeichnet – man denke nur an ihre naive, öffentlich zelebrierte Logorrhoe am Smartphone, den geisttötenden Dauerklatsch via Social Media oder ihre Spielsucht vor der Game-Konsole.

 

Nun hat die Bielefelder Neurobiologin und Hirnforscherin Prof. Dr. Gertraud Teuchert-Noodt in einem Interview mit der jw eindringlich vor dem Einsatz digitaler Medien im Kleinkindesalter gewarnt. Nach dreißigjähriger Forschung kommt sie zu dem Schluss, dass der verfrühte Kontakt mit Cyber-Techniken auf die Kleinen einerseits in etwa so wirkt, als setze die Mutter der Milch Mohn zu, andererseits aber per Reizüberflutung die Versorgung des Stirnhirns mit dem Botenstoff Dopamin beeinträchtigt. So kann das Kind wechselweise wie nach Opiumgenuss verdämmern oder nach Schädigung seines Arbeitsgedächtnisses aggressiv und lernbehindert werden.

 

Leider hat sich Frau Teuchert-Noodt wissenschaftlich nur mit kindlichen Entwicklungsphasen beschäftigt, sonst wäre sie vielleicht bei Untersuchungen im Erwachsenenumfeld auf ein von einer Volks- und Binsenweisheit abgeleitetes Theorem gestoßen: Was Hänschen schadet, nutzt Hans nimmermehr. Dies wäre dann nicht als Plädoyer gegen das Internet an sich zu verstehen, sondern als Aufforderung, dieses Instrument wenigstens im vorgerückten Alter systematisch nutzen und zu gegebenen Anlässen fürchten zu lernen. Immerhin kann sich die emeritierte Forscherin – im Gegensatz zur Gedanken durch Links ersetzenden Masse – ein weitgehend selbständig erarbeitetes Bewusstsein  noch vorstellen: „Natürlich könnte jeder es schaffen, privat ausschließlich analog unterwegs zu sein. … Ohne Handy und Homebutler der Sorte Alexa wird der Geist für Ideen und Kreativität neu erweckt. Das Leben bekommt dann erst seinen Sinn zurück.“

 

Und nun soll uns ein Mittel, die Welt analog, d.h. anhand von Vergleichbarkeit und nachzuvollziehenden Schritten, zu begreifen, eben das gute alte bedruckte Papier, entzogen werden? Die Herren Verleger scheinen es so zu wollen. Vielleicht liegt es im Wesen der Cyber-Dominanz, dass sie nicht dosierbar zu sein scheint, und so schaffen ihre Vorteile, was Verfügbarkeit von Information und Übermittlungszeit betrifft, meist nicht die Voraussetzungen zu kritischem Wissen (seltene Anregungen wie – hoffentlich - diese Website ausgenommen), sondern erzeugen einen kognitiven Overkill.

 

Es ist schon richtig: Mit dem Internet lässt sich trefflich recherchieren, die Evaluation der Recherche aber muss man in kleiner Runde oder im stillen Kämmerlein vornehmen. Belesen und nachdenklich wird man nicht per tour de force durch eine digitale Unendlichkeit, sondern durch konzentrierte, ruhige Lektüre und Reflexion. Und dazu sollten sie uns das bedruckte Papier lassen.

 

01/2019

 

Dazu auch:

Schöne neue Kindheit im Archiv dieser Rubrik (2017)