Lechts und rinks


Die Journalisten der Leitmedien klagen allerorten über die mangelnde Akzeptanz seitens des Publikums, bisweilen gar über den (unverschuldeten) Verlust ihrer Glaubwürdigkeit in den Augen des gemeinen Konsumenten. Natürlich trifft die pöbelhafte Pauschal-Anchuldigung "Lügenpresse“ etwa so differenziert und zielgenau wie eine Schrotflinte mit abgesägtem Lauf. Den Vorwurf, absichtlich oder aus Unkenntnis mit inhaltsleeren und unangebrachten politischen Begriffen zu arbeiten, kann man etlichen deutschen Edelfedern allerdings nicht ersparen.


Die Legende vom Linksruck


Der österreichische Dichter und Sprachjongleur Ernst Jandl, wohl bekanntester Vertreter der Konkreten Poesie, beschrieb die Schwierigkeiten der Richtungs- und Kursfindung einst so:

              manche meinen
              lechts und rinks
              kann man nicht velwechsern
              werch ein illtum

Liest man heute Leitartikel von SZ bis FAZ oder hört sich Kommentare in der ARD, im ZDF oder im Deutschlandfunk an, könnte man zu dem Schluss gelangen, die oben erwähnten Probleme seien in den Redaktionen derart virulent, dass es eigentlich unverantwortlich wäre, einen dort beschäftigten Ressortleiter oder Chefkolumnisten unbegleitet die Straße überqueren zu lassen.


Da unterstellen als seriös geltende Journalisten der Bundeskanzlerin, sie habe die CDU nach links geführt. Was sie meinen, ist, dass Angela Merkel sich in der Tonart und in einigen Sachthemen den Positionen der Sozialdemokraten angenähert hat. Mit ihrer Wortwahl unterstellen sie ohne triftigen Grund, die SPD in ihrer Gesamtheit sei heute noch ein Hort sozialistischen Gedankengutes und antikapitalistischer Zielsetzungen. Wenn der eine oder andere Genosse heute fordert, die Partei eines Schulz, eines Steinbrück, eines Sarrazin oder eines Schröder müsse wieder linkes Profil zeigen, will er damit nur andeuten, sie möge sich doch bitteschön ein wenig weniger rechts gerieren als in der jüngsten Vergangenheit.


Vollends irrsinnig wird der inflationäre Gebrauch des Attributs „links“, wenn es dem französischen Ex-Banker Emanuel Macron, der gerade dabei ist, Arbeitnehmerrechte zu beschneiden, die Gewerkschaften zu schwächen und ein Groß-Europa der Wirtschaft und des Militärs zu propagieren, zugeordnet wird. Zwar formuliert der Sonnyboy der bürgerlichen Elite weniger chauvinistisch als Marine Le Pen, doch wird deshalb aus einem dezidierten Neoliberalen noch lange kein Vorkämpfer für soziale Gerechtigkeit.

     

Was ist eigentlich „links“?


Zwar kann sich das Etikett „links“ im politischen Diskurs fast jeder anheften, da kein Copyright dafür existiert und subjektive Einschätzungen bekanntlich aufs Extreme divergieren, doch ließe sich ein Minimalkonsens historisch und ideengeschichtlich herleiten, der zumindest einige inhaltliche Positionen und Ausschlusskriterien umrisse. Dazu würde man etwa die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, die Aufhebung der Klassenunterschiede und – damit verbunden – die Angleichung der Chancen auf Bildung sowie einen selbstbestimmten Lebensentwurf, eine solidarische Haltung gegenüber Unterprivilegierten weltweit und dann noch die Ablehnung von Kriegen zwischen Staaten zum Zweck des wirtschaftlichen, politischen und militärischen Machtausbaus zählen. Da  gegenwärtig von der Durchsetzung der ersten beiden Postulate nicht die Rede sein kann, ginge auch schon der bloße Kampf gegen die Grausamkeiten des Systems (sozusagen das ehrliche Bemühen) als links durch.


Natürlich haben immer wieder als links apostrophierte Gruppen, Organisationen oder Regierungen eine oder mehrere dieser Anforderungen nicht erfüllt – von den bürokratischen Autokratien des Warschauer Paktes über ehemalige Befreiungsorganisationen, etwa im südlichen Afrika, bis hin zum chinesischen Parteikapitalismus -, obsolet sind die rudimentären Definitionen dennoch nicht geworden, will man in einem Streitgespräch oder einer weiterführenden Diskussion über das Gleiche (wenn schon nicht das Selbe) reden.


Zieht man solche inhaltlichen Punkte zu Rate, erschließt sich einem sehr schnell, dass eine Bundeskanzlerin nicht nach links tendiert, wenn sie einige Forderungen der SPD adaptiert, also einer Partei, deren Beiträge zum Thema "soziale Gerechtigkeit" in der Abschaffung der Vermögenssteuer und in der Agenda 2010 bestanden, die zusammen mit der Union durch hastige Grundgesetzänderungen der Wirtschaft via Privatisierung das Kommando über Perlen der staatlichen Infrastruktur einräumte und gemeinsam mit den Grünen Deutschland in den Bombenkrieg mit Serbien geführt hat. Die SPD kann zurzeit ebenso wenig links sein wie Konzerndarling Macron, und Angela Merkels kosmetische Korrekturen büßen spätestens, wenn die Autobauer, Energieversorger oder Rüstungsindustriellen Tacheles reden, an progressiver Tünche ein.


Warum verbreiten aber dann die Medien erkenntnisresistent das Gerücht vom vermeintlichen Linksruck, durch den rechts ein Plätzchen für die AFD freigemacht worden sei (als wäre hierzulande eine separate Einladung für Nationalismus und Rassismus überhaupt notwendig!)? Wissen es die zuständigen Journalisten nicht besser, sind sie einem mit Valium kombinierten Fake aufgesessen? Oder wollen sie es nicht besser wissen?


Medienprimat: Form vor Inhalt


Es mag Schreiber, auch der höchsten Gehaltsklasse, geben, denen nie in den Sinn gekommen ist, das idealisierte Bild einer bürgerlichen Demokratie mit ordentlicher Gewaltenteilung und angeblich nur ihrem Gewissen verpflichteten Abgeordneten sowie dem Primat der Politik vor der Wirtschaft in Frage zu stellen bzw. mit der Realität zu konfrontieren. Aber das sind nicht allzu viele. Die meisten sich in Debattierrunden, Talkshows und Kolumnen äußernden Publizisten sehen sehr wohl die abgrundtiefen Brüche und Widersprüche des Systems, aber sie haben sich frühzeitig für die Seite entschieden, die ihnen die beste Perspektive eröffnet – und das ist nach Stand der Dinge und des Kontos nun mal die derzeit dominierende.


Unbestritten ist, dass immer noch einige gut recherchierte Beiträge im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, die eine immense Diskrepanz zwischen den Lippenbekenntnissen und der Fremdsteuerung gewählter Politiker aufzeigen, gesendet werden, dass die Presse zumindest ab und zu die Hintergründe und Ursachen scheinbar nebensächlicher, tatsächlich aber irreversibler Entscheidungen der Regierung ins unerwünschte Licht der Öffentlichkeit rückt. Insgesamt aber handelt es sich dabei um Wahrheitstropfen auf einem Wüstenfels oder um ein paar Steinchen, die das gesamte Mosaik in seiner ganzen Konstruktion nicht kenntlich machen können.


Es scheint so, als hätten sich Moderatoren und Kommentatoren in einem Koordinatensystem eingerichtet, dessen eine Achse eine Skala aus Image, Oberflächenwirkung und wohlfeiler Eloquenz der politisch Handelnden bildet, während auf der anderen die Ignoranz, Desinformation und Verführbarkeit der Rezipienten die Messpunkte markieren. In diese zweidimensionale Anordnung muss alles passen, folglich auch das Merkmal „links“. Darstellungen der tatsächlichen Machtverhältnisse, der Manipulationskraft der Marktbeherrscher (die weit über ein paar offensichtliche Fakes, die brav entlarvt werden, hinausgeht) und der antagonistischen Verhältnisse sind aufgrund der strikten Abbildungsvorgaben nicht mehr möglich. Statt durch Nachdenklichkeit, Sinnsuche und grundlegende Kritik sind die medialen Diskussionen durch die schnelle Pointe, die fotogene Attitüde und die publikumswirksame Anmaßung gekennzeichnet. Nicht das Was oder das Warum unserer verfahrenen globalen Realität zählen, sondern das Wie in Bezug auf ein kurzzeitiges und möglichst populäres Verwalten und Weichzeichnen der Misere.


In Frage darf unser Gesellschafts- und Wertekonstrukt auf keinen Fall gestellt werden. Es ist alternativlos. Glaubten unsere Vorfahren noch, die Zustände, in denen sie lebten, seien gottgegeben, so halten wir den Status quo mittlerweile für marktgegeben. Normalerweise würden viele Journalisten der „Leitmedien“ eine solche Einschätzung, selbst wenn sie sie teilten, nie öffentlich äußern (zumal nicht wenige in Think Tanks  daran mitarbeiten, die Macht- und Einflusszentren weiter abzuschotten), eine publizistische Sparte aber stellt in seltener Offenheit das wirklich Wichtige  ohne verlogene Empathie oder müßige Skrupel über jene Begleitumstände, die Milliarden Menschen betreffen: In den Wirtschaftsnachrichten mit ihren Börsenbarometern werden Naturkatastrophen durch Klimawandel, Kriege wegen imperialer Hybris und erschütternde Wahlergebnisse als bloße Impulsen für das Steigen oder Fallen von Aktienkursen, für Spekulation und Übervorteilung also, interpretiert. Krass ausgedrückt: Zahlen und Algorithmen sind nur noch als Wett-Indikatoren mit tatsächlichen Werten oder der wahrnehmbaren Umwelt überhaupt verbunden; wer verbindlich erfährt, dass die Erde in Folge eines militärischen Konflikts in drei Tagen untergehen wird, sollte sich gemäß dieser autistischen Logik schleunigst mit Rüstungsaktien eindecken.


Wer die Welt ehrlich und ohne schlechtes Gewissen auf dieses globale Spiel reduziert, braucht sich über den sinnvollen oder falschen Gebrauch des Begriffs „links“ keine Gedanken mehr zu machen.

 

11/2017

 

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