Ein Leben gegen die Macht

 

In Buenos Aires starb am Heiligen Abend einer der wichtigsten Zeitzeugen der neueren lateinamerikanischen Geschichte, der Schriftsteller, Journalist und Historiker Osvaldo Bayer. Der „ultra-pazifistische Anarchist“, wie er sich selbst nannte, kämpfte mit publizistischen Mitteln unablässig gegen die Mächtigen in seinem Heimatland Argentinien, wurde inhaftiert, verfolgt und musste 1975 nach Deutschland fliehen. Er war ein freundlicher, sanfter, aber unbeugsamer Mann, den die Generäle hassten und die Unterdrückten, denen er in seinem Werk ihre Identität zurückgab und die er mit praktischen Initiativen unterstützte, schätzten.

 

Auf Abruf im Exil

 

Ich begegnete Osvaldo Bayer zum ersten Mal 1982, wenige Tage vor dem Ausbruch des Krieges um die Malvinas (Falklands), in Berlin. Einige Monate zuvor hatte ich über seinen Übersetzer Willi Zurbrüggen angefragt, ob er zu dem Buch „Hoffnung in der Hölle – Lateinamerikanische Skizzen“, einer Sammlung von Essays und Geschichten, die ich gerade zusammenstellte, etwas beisteuern wolle. Bayer überließ mir zwei „dokumentarische Erzählungen“: „Des Siegers einzige Niederlage“ und „Der Todesengel“ aus seinem berühmtesten Werk „La Patagonia rebelde“ („Aufstand in Patagonien“), das damals noch nicht ins Deutsche übertragen worden war.

 

Am Abend dieses Tages in Berlin lasen wir in einer Buchhandlung aus „Hoffnung in der Hölle“ vor Kameras des ZDF. Geraume Zeit später wurde im Abendprogramm ein Film gesendet, der Bayers Leben in Deutschland und seine Rückkehr nach Argentinien dokumentierte. Letztere war bereits ein Jahr später, nach dem Zusammenbruch der Militärdiktatur 1983, möglich, was für ihn aber nicht überraschend kam. Osvaldo Bayer, ebenso empathischer Mensch wie analytischer Denker, hatte den Krieg zwischen Argentinien und Großbritannien sowie dessen Ausgang vorausgesehen. Obwohl er die Legitimität der britischen Territorialansprüche bezweifelte, rechnete er damit, dass als Folge der Auseinandersetzung die Junta in Buenos Aires hinweggefegt würde – was dann auch geschah und ihm ermöglichte, sein deutsches Exil zu verlassen.     

 

Chronist der patagonischen Rebellion

 

Bayers Großeltern waren aus Tirol nach Südamerika ausgewandert. Von seinem Vater, einem Sozialisten, der 1921 am Aufstand der Landarbeiter in Patagonien, dem kalten Süden Argentiniens, teilgenommen hatte, hörte er erstmals von der Not, dem Streik der Rechtlosen, ihrer Niederlage und ihren 1500 Toten am äußersten südlichen Rand der bewohnten Welt. Die Tragödie in der dünn besiedelten Pampa zwischen dem Atlantik, Anden und Feuerland sah er als Metapher für den ewigen Kampf um soziale Gerechtigkeit auf dem Subkontinent. Dreizehn Jahre lang recherchierte Osvaldo Bayer für das vierbändige Werk „La Patagonia rebelde“, das von 1972 bis 1975 erschien – und prompt von der Staatspräsidentin Isabel Perón verboten wurde.

 

Als Journalist schrieb Bayer über die fortdauernde Ausbeutung der Landarbeiter im Süden, wurde aus der patagonischen Stadt Esquel ausgewiesen, musste auch einmal für zwei Monate ins Gefängnis, deckte die Verbrechen historischer „Volkshelden“ an den Indianern auf und eckte ständig an, wo Menschenrechte mit Füßen getreten wurden, also fast überall. Schon bevor sich 1976 die Militärs an die Macht putschten, erhielt er bitterernste Morddrohungen. Er beschloss gerade noch rechtzeitig, sich mit seiner Familie abzusetzen. Ein aus der Art geschlagener deutscher Diplomat, der Kulturattaché der Botschaft in Buenos Aires, half organisatorisch bei der Flucht und begleitete Bayer zur Sicherheit sogar zum Flughafen. Erwähnenswert ist dieses Verhalten eines Konsularbeamten in einem an sich klassischen Asylfall vor allem deshalb, weil das Auswärtige Amt die Bonner Vertretungen in Südamerika großteils mit Altnazis und jüngeren Sympathisanten der Militärregimes bestückt hatte.

 

Auch im Exil arbeitete Bayer unermüdlich gegen die argentinische Junta. Die Verfilmung von „Aufstand in Patagonien“, zu der er das Drehbuch geschrieben hatte, war bereits 1974 mit dem Silbernen Bären der Berliner Filmfestspiele ausgezeichnet worden. Jetzt musste der Exilierte in der Stadt seines künstlerischen Triumphes leben, während das Werk selbst in seiner Heimat verboten war. Der tollkühner Plan Bayers, ein Flugzeug zu chartern und zusammen mit Großschriftstellern, u. a. Gabriel García Márquez, Juan Rulfo, Julio Cortázar und Günter Grass, in Buenos Aires zu landen, um vor Ort gegen die Verbrechen der Generäle zu protestieren und so die Weltöffentlichkeit aufzuwecken, scheiterte 1981, schon weil Cortázar „nicht in den Kopf geschossen“ werden wollte.  

 

Auf der Seite der Verdammten

 

Dreißig Jahre nach unserer ersten Begegnung traf ich Osvaldo Bayer noch einmal. Zusammen mit seiner Frau Marlies Joos war er nach Nürnberg gekommen, um über die aktuelle Situation Argentiniens in der Kirchner-Ära zu sprechen. Der über Achtzigjährige wirkte agil, scharfsinnig und dabei warmherzig wie früher, als habe sein rückhaltloses Engagement die geistigen Versteinerungen des Alters ausgesperrt.

 

Nach seiner Rückkehr aus dem Exil war Bayer sofort wieder als Anwalt der Verdammten dieser Erde (Frantz Fanon) aufgetreten und hatte sich Feinde im aus Rechtsperonisten und neoliberalen Unternehmern gebildeten Establishment Argentiniens gemacht. Er unterstützte inhaltlich und organisatorisch die Madres de Plaza del Mayo, jene Mütter (und Großmütter), die bis heute seit 41 Jahren jeden Donnerstag im Zentrum von Buenos Aires demonstrieren, um Aufklärung über das Schicksal ihrer vom Militär verschleppten Kinder und damit von mindestens 30.000 während der Diktatur „Verschwundenen“, mutmaßlichen Mordopfern, zu fordern. Zudem kämpfte er dafür, dass die Generäle für ihre Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht gestellt würden. Erst in der Regierungszeit von Nestor Kirchner, ein Vierteljahrhundert nach den Folterungen, Massakern und Entführungen der Kinder von Oppositionellen, wanderten einige der führenden Putschisten, darunter ihr erster Chef, General Videla, für den Rest ihres Lebens ins Gefängnis.

 

Osvaldo Bayer engagierte sich auch mit aller Kraft für die ewig Betrogenen Lateinamerikas, die indigenen Völker. Der in einem Film unterbreitete Vorschlag von ihm, die argentinischen und chilenischen Teile Patagoniens zu einer Wirtschaftsgemeinschaft zusammenzufügen, um die künstliche Teilung des Gebietes der Mapuche-Indianer aufzuheben, wurde vom Parlament in Buenos Aires als „unpatriotisch“ denunziert. Wie er bei seinem Besuch in Nürnberg erzählte, arbeitete er auch mit Aktivisten der indigenen Bewegung im Chaco, dem riesigen Trockenurwald im dürren, heißen Norden Argentiniens, zusammen.

 

Was in den letzten Jahren in seiner Heimat geschah, kann Bayer nicht gefallen haben. Der Neoliberale Macri gewann 2015 die Präsidentschaftswahl, die zaghaften Sozialreformen der Kirchner-Ära wurden liquidiert, Argentinien öffnete sich wieder den Hedgefonds, den Währungsspekulanten und den Austeritätspredigern des IWF, der Bevölkerung geht es mittlerweile so schlecht wie seit etlichen Jahren nicht mehr. Und wie überall, wo in Lateinamerika die Ultrarechten an die Macht zurückkehren, geht es den indigenen Völkern an den Kragen. Bei Bariloche, der größten patagonischen Stadt, erschoss im November 2017 die Polizei einen Mapuche-Aktivisten, der mit Genossen traditionelles Indianerterritorium, das wegen seiner Bodenschätze staatlich requiriert worden, besetzt hatte. Der uniformierte Täter blieb auf freiem Fuß. Vor wenigen Wochen, also ziemlich genau ein Jahr nach der Bluttat in Argentinien, erschossen chilenische Sicherheitskräfte auf der anderen Seite der Grenze aus ähnlichen Gründen erneut einen Angehörigen des Mapuche-Volkes. Indianische Aktivisten werden auf beiden Seiten der Grenze zu oft langjährigen Haftstrafen verurteilt.

 

In seiner auf Fakten beruhenden Erzählung „Des Siegers einzige Niederlage“ schildert Bayer, wie sich 1921 Soldaten, die an den Massenhinrichtungen streikender Landarbeiter und anarchistischer Sympathisanten teilgenommen haben, von ihrer schweren, blutigen Arbeit im Bordell La Catalana in San Julián erholen wollen. Die fünf Huren dort aber „streiken“ und vertreiben die siegreichen Krieger schließlich mit Besenstielen und Latten. „Mit Mördern gehen wir nicht ins Bett“, schreien die „ehrlosen“ Frauen. In mühsamen Recherchen eruierte Bayer die Namen der Huren (drei Argentinierinnen, eine Spanierin, eine Engländerin) und überlieferte sie der Nachwelt als die „einzige Huldigung an all die getöteten Arbeiter“.

 

Kein Widerstand gegen die Brutalität der Mächtigen, wirke er noch so unbedeutend und bliebe er am Ende auch erfolglos, darf jemals vergessen werden. Dies war bis zuletzt eine Maxime im Leben und Arbeiten Osvaldo Bayers. Er wurde 91 Jahre alt.

 

12/2018

 

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Lateinamerika-Dossier in der Rubrik Politik und Abgrund