Goldenes Schweigen

Cartoon: Rainer Hachfeld


Von den Bildschirmen in den U-Bahn-Stationen leuchtete es herab, für die Telekom-News war es der skurrile Aufmacher: „Milliardäre fordern höhere Steuern für Superreiche“. Die Ströer-Mediengruppe, führend in der Aufbereitung medialen Fastfoods für die Liebhaber knackiger Infos ohne gedanklichen Tiefgang, schaffte es, den entrückten Moguln der Finanzwelt menschliche Antlitze zu verleihen. Allerdings nur den redseligen aus Nordamerika, ihre deutschen Klassenkameraden verharren derweil in luxuriösem Schweigen.


Spinnen die Amis?


Den US-Reichen per se glaubten wir seit unserer Kindheit zu kennen. Onkel Dagobert war ein geiziger, gieriger und rücksichtsloser Schwimmer in den Fluten seines Geldspeichers. Der Gedanke, dass ein solcher Yankee-Krösus für sich und seine  Clique eine höhere Besteuerung verlangt, wirkt so abwegig, dass man fürchten könnte, die pekuniäre Elite der Welt sei von einem Masochismus-Virus infiziert worden. Doch es stimmt: Zwanzig US-Milliardäre fordern in einem gemeinsamen Aufruf bei offenbar klarem Bewusstsein: „Besteuert uns stärker!“


Wortführer ist – wieder einmal – George Soros, jener einst als übelster Zocker auf den Finanzmärkten gehasste, dann plötzlich als Philanthrop gefeierte Verwandlungskünstler. „Amerika hat eine moralische, ethische und wirtschaftliche Verantwortung, unser Vermögen stärker zu besteuern“, erklärte Soros, eifrig sekundiert u.a. von Facebook-Mitbegründer Chris Hughes und – Dagobert wird im Grab rotieren – den Disney-Erben. Der Moralphilosoph Soros erntete Meriten, als er eine Uni in Budapest gründete, die von seiner privaten Stiftung finanziert wurde, und sich dabei mit dem unappetitlichen Viktor Orbán anlegte. Ewigen Ruhm aber errang er als der Mann, der mit seinen Wetten gegen das britische Pfund und den thailändischen Baht zwei Volkswirtschaften an den Rand des Abgrundes brachte und damit Hunderttausende menschlicher Existenzen gefährdete.


Die zwanzig Gutmenschen wollen alle US-Bürger, die derzeit mehr als 50 Millionen Dollar jährlich an Abgaben zahlen, höher zur Kasse bitten und berufen sich dabei auf den wohl weltweit reichsten Finanzinvestor Warren Buffet, der einst beklagte, dass seine Sekretärin mehr Steuern bezahlen müsse als er selbst. Der besorgte Multimilliardär kauft sich gern in Unternehmungen ein, zwingt Geschäftsführer zur Veräußerung oder Verlagerung ganzer Produktionszweige und auch schon mal zu Massenentlassungen, um den Börsenwert der Firma und damit seiner Anteile zu steigern.


Weiter so, aber mit Zartgefühl


Nein, lupenreine Menschenfreunde sind die superreichen Propagandisten ansatzweiser Steuergerechtigkeit sicherlich nicht. Sie repräsentieren jene Fraktion des Kapitalismus, die zwar die Welt ohne Rücksicht auf Verluste unter sich aufteilen möchte, sich dann aber publikumswirksam um einige der Opfer kümmert. Aus ähnlichem Kalkül stecken Magnaten wie Bill Gates oder Mark Zuckerberg einen Teil ihres Vermögens in soziale Stiftungen. Man tut Gutes, redet viel darüber, behält aber die Kontrolle, bestimmt, was oder wer unterstützt wird und wie dies zu geschehen hat. Neue Steuereinnahmen etwa sollen einer US-Regierung zugutekommen, deren Zusammensetzung man im besten Fall exklusiv bestimmt und auf die anschließend jede Menge Einfluss und Druck ausgeübt werden kann.


Diese „liberalen“ Kapitalisten stehen in einem verzweifelten Abwehrkampf der anderen großen Fraktion aus Monetaristen, Marktfanatikern und Wirtschaftsimperialisten gegenüber, einem zu allem entschlossenen Haufen, der längst die zivilisatorische Maske des „verpflichtenden Eigentums“ fallengelassen und in Trump ihren wirkungsvollen Lautsprecher gefunden hat. Was soll in dessen Augen die diskrete Instrumentalisierung von Politikern, wenn man alles durch Drohung, Verleumdung und Gewalt ganz offen bekommen kann?


Was die unverhohlene Gier und die unverhüllte Skrupellosigkeit angeht, ähnelt der Rambo Donald Trump viel mehr als der raffinierte George Soros dem archetypischen Raffke Dagobert Duck. Von der Disney-Legende her könnte der ja auch sein Onkel sein.  

 

Der "Philanthrop" und die Raffkes








 


Die SPD müsste auf die Straße gehen


Wie reagieren nun die Superreichen in Deutschland auf den Vorstoß ihrer Vettern in Übersee? Vermutlich überhaupt nicht. Soziale Aktivitäten sind Mangelware, wenn man davon absieht, dass SAP-Hopp sich den Retortenverein TSG Hoffenheim leistet oder das Haus Reemtsma, Urheber unzähliger Lungenkrebserkrankungen, via Stiftung gesellschaftspolitisch forschen lässt. Die Quandts, Albrechts oder Ottos begnügen sich allenfalls mit dem Verteilen von Almosen und frönen ansonsten ihrem Hobby, der Abgabenvermeidung. Eine höhere Besteuerung ihrer Milliardenvermögen könnten sie schon deshalb nicht guten Gewissens fordern, weil sie damit einem alten Verbündeten in den Rücken fallen würden.


Die Regierung Schröder schaffte 1997 die Vermögenssteuer ab und half damit Deutschlands Reichen, ihr schweres Bündel ohne Minderung des Inhalts durchs Leben zu tragen. Vor allem die SPD-Genossen vom rechten Seeheimer Kreis müssten eigentlich empört auf die Straße gehen, wenn irgendwelche durchgeschossenen Milliardäre plötzlich wieder höhere Abgaben forderten, die womöglich den freien Kapitalismus in seinem Lauf hemmen würden.


Was von dem Ganzen bleiben wird? Vermutlich nichts als heiße Luft. Hierzulande werden die Superreichen der Regel, wonach Schweigen Gold sei, huldigen. Die Vertreter des patriarchalisch-liberalen Kapitalismus in den USA haben noch einmal einen Moment medialer Aufmerksamkeit verbucht, und am Ende wird Donald Trump wahrscheinlich wiedergewählt.

 

06/2019

 

Dazu auch:

Reiche sind gut!  im Archiv dieser Rubrik (2014)