Göttlicher Gottfried

Cartoon: Rainer Hachfeld


Trotz millionenfacher Fake-Präsenz bei Facebook und eines Herzens auf dem rechten Fleck, das für Diesel statt Asyl schlägt, dümpelt die AfD derzeit höchst medioker im Pool der Umfragewerte herum. Auch eine viel ältere und noch viel größere Institution hierzulande, die Katholische Kirche nämlich, schwächelt deutlich, nachdem vielen Geistlichen die Nächstenliebe zu den Ministranten vergällt wurde und nun auch noch fromme Frauen in den Barmherzigkeitsstreik getreten sind. Doch ein Bericht der WELT aus unserem Nachbarland könnte den deutschen Rechtsextremen wie den Hütern einzig seligmachender Wahrheit einen göttlichen Fingerzeig geben. Die Rettung naht aus Austria.


Wie einst auf dem Berge Sinai


Im Jahre des (seinerzeitigen) Herren 2019 begab sich aber die Apotheose des niederösterreichischen Landesrates Gottfried Waldhäusl. Wie weiland Moses auf dem Berg Sinai den ein kurz zuvor aus ägyptischer Gefangenschaft Geflohenen die von Gott HIMSELF in Stein gemeißelten Zehn Gebote aushändigte, kündigt nun der Ressortleiter seines Gaus für Tierschutz, Gemeindeärzte, Asyl und Mindestsicherung (tatsächlich in dieser Reihenfolge) an, den Flüchtlingen unserer Tage zehn neue Gebote aus höchster (= seiner) Hand mit äußerstem Nachdruck ans Herz zu legen bzw. via „Integrationskurs“ ins Hirn hämmern zu lassen.


Die „Zehn Gebote der Zuwanderung“ (Waldhäusl) beinhalten Allgemeinplätze wie die Pflicht, Deutsch zu lernen und die Gesetze des „Gastlandes“ zu befolgen. Schwieriger wird es schon bei dem Dekret, das eigene Verhalten und die Kindererziehung an „österreichischen Werten“  zu orientieren. Gehören zu den vaterlandsspezifischen Werten nun die skrupellose Bauernschläue, mit der FPÖ-Urgestein Jörg Haider den tumben Bayern die Pleitebank Hypo Alpe Adria angedreht hat oder die emsige Geschäftstüchtigkeit, die der FPÖ-Vorsitzende Heinz Christian Strache neulich an den Tag legte, als er einer vorgeblichen russischen Oligarchin öffentliche Aufträge gegen Wahlkampfhilfe anbot – oder doch eher der gut verborgene Antifaschismus, den das Volk (spät) erklärter Hitler-Gegner plötzlich an sich entdeckte, als es gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von den Alliierten aus deutscher Hand befreit wurde (der aber leider– siehe FPÖ – nicht lange anhielt)?


Da Waldhäusl auch für den Schutz der stummen Kreatur zuständig ist, gebietet er weiter, „Tiere vor unnötigem Leid zu bewahren“. Im Auge hat der gestrenge Herr dabei vor allem das von Moslems (und Juden) praktizierte Schächten der für den Spieß vorgesehenen Lämmer und Kälber, denn dies entspricht nicht der Tradition Niederösterreichs. Keine Sorgen müssen sich indes einheimische Schlachthöfe oder Vieh-Speditionen machen, die sedierte Schweine quälend lange auf das Abmurksen warten lassen oder ganze Rinderherden auf engstem Raum einpferchen und durch halb Europa zum Keulen kutschieren.


Die Quintessenz der himmlischen Flüchtlingsdressur aber legte der gottgleiche Gottfried im Zehnten Gebot nieder: „Du sollst Österreich gegenüber Dankbarkeit leben.“ Vermutlich für die freundliche Aufnahme, die exzellente Unterbringung und raue, aber von Herzen kommende Sympathie, die den Asylbewerbern von der Volksmehrheit  Austrias, vor allem aus den bekannt toleranten Reihen der Regierungskoalition aus FPÖ und ÖVP entgegenschlugen. 

 

 

Anders als JEHOVA, der Mose und den Israeliten einst die Zehn Gebote in Stein gemeißelt übergab, präsentiert WALDHÄUSL heute den Flüchtlingen das eherne Gesetz in zeitgemäßer Form.



Mit Stacheldraht und Hunden


Schon bevor Gottfried Waldhäusl sich daran machte, die unangepassten Neuankömmlinge mittels steinerner Tafeln Mores zu lehren, war er für seinen pragmatischen, wenn auch manchmal ein wenig inhumanen Umgang mit den Ungeliebten bekannt. Ende 2018 erregte er einiges Aufsehen, als er anwies, „auffällig gewordene minderjährige Flüchtlinge“ in Drasenhofen nahe der tschechischen Grenze in einem Lager zu internieren. Als er die Kinder und Jugendlichen auch noch mit Stacheldraht einzäunen und von Hunden bewachen lassen wollte, ging seiner ÖVP-Regierungschefin, der niederösterreichischen Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner, dieser „Schutz der Öffentlichkeit“ (Waldhäusl) – möglicherweise in Erinnerung an gewisse andere Lager, die der Konzentration Auffälliger gedient hatten – doch etwas zu weit und sie ließ das Quartier schließen.


Aufschlussreich auch, dass der heutige Landesrat für Asyl eben dieses Sujet bei einer Pressekonferenz im Herbst 2014 als vernachlässigbaren Kurzzeit-Zustand einordnete. Integration von Asylbewerbern sei „idiotisch“, führte er damals aus, wenn man wisse, dass sie bald wieder weg sein würden. Schon damals schimmerte ein göttlicher Absolutheitsanspruch durch, der eine Anerkennung oder Duldung Verfolgter nicht vorsah. 

Andererseits erklärte Waldhäusl, Asylbewerber bräuchten eine „Sonderbehandlung“, und bediente sich damit rein zufällig des Begriffs, mit dem die Nazis einst die Ermordung von Menschen umschrieben.


Es gab kein Pressebeben in Austria. Zwar berichteten Blätter wie der Standard mit kritischem Unterton über Waldhäusls Selbstermächtigung, ansonsten aber scheinen die Medien im Nachbarland Ähnliches längst gewohnt zu sein. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die zynische Antwort des österreichischen FPÖ-Innenministers Herbert Kickl auf die UN-Kritik an der Flüchtlingsunterbringung in seinem Land: Es sei klar, „dass wir keinen Vier- oder Fünf-Sterne-Standard anbieten“. 

 

Aus frommer Quelle schöpfen


Die Katholische Kirche könnte Waldhäusls Selbsternennung als Blasphemie geißeln und darauf hinweisen, dass sie selbst erste Wahl sei, wenn es gälte, den Schöpferposten neu zu besetzen. Doch der Vatikan ist zögerlich und dröge; viel rascher könnten die fixen Rechten der Idee nacheifern und die Welt mithilfe jener paradiesischen Rabulistik, die amerikanische Evangelikale „Intelligent Design“ nennen, erklären und maßregeln.


Es ist ja nicht so, dass die AfD generell gegen Ausländer wäre, manche mag sie sogar ganz arg. Sie nimmt beispielsweise gern erhebliche Summen und mediale Hilfe von rechtsradikalen Freunden aus der Schweiz an und lässt sich auch von Kampagnen der FPÖ, die als Partei eine Art Vorbildfunktion für deutsche Nationalisten innehat, inspirieren, ob es nun um den Kampf gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder für eine chauvinistische Front in der EU geht. Warum sollte man sich hierzulande nicht die von Waldhäusl so genial ins Spiel gebrachte Instrumentalisierung des Alten Testaments in neuer Auslegung zu eigen machen?


Käme nicht etwas Pfeffer in die Wahlkämpfe dieses Jahres, wenn die AfD ihre Hasstiraden gegen die privaten Seenotretter im Mittelmeer mit Verweisen auf die Bibel unterfüttern würde? Schließlich hatte Noah auf Gottes Befehl seine Arche mit allem möglichen Viehzeug gefüllt, seine Nachbarn und andere vor der Flut flüchtende Menschen aber ersaufen lassen. Berechtigt die archaische Fabel nicht zu der an rechten Stammtischen ausgesprochen beliebten Feststellung: Das Boot ist voll? Mit Geboten täten sich Gauland und Konsorten allerdings ein wenig schwer: Zum einen fehlt der AfD eine göttliche Erscheinung wie Gottfried Waldhäusl, und dann hat auf diesem Gebiet die CSU, die bereits vor Jahren den Asylbewerbern in Bayern einen strengen Verhaltenskodex apodiktisch um die Ohren schlug, das Copyright inne.


Nachdem die AfD der CSU die Oberhoheit zumindest über die bayerischen Stammtische  überlassen musste und sie statt dessen das Meinungsmonopol bei Facebook übernommen hat, müsste es doch möglich sein, nicht nur simple Xenophobie, sondern auch religiöse Hysterie anzustacheln. Im Mittelalter wurde mit sehr viel primitiverer Hype-Technik der Veitstanz-Wahn entfesselt. Danach kamen die Juden dran…

 

Dazu auch:

Schaut auf Österreich im Archiv dieser Rubrik (2018)