Easy way out…


Einer der großen deutschen Kabarettisten tritt von der Bühne ab, und nicht alle sind traurig: Die verantwortlichen Redakteure der öffentlich-rechtlichen Sender müssen keine Ausflüchte mehr ersinnen, um ihn von der Mattscheibe und seine scharfe Zunge vom Mikrofon fernzuhalten, und anständige Bürger mit rechter Gesinnung müssen sich nicht mehr ärgern, weil sie sich in eines seiner Programme verirrt haben. Andere werden den geordneten Rückzug des 75-jährigen Berliners Martin Buchholz bedauern, vor allem solche, die nicht (nur) auf den schnellen Gag und das (geistig) folgenlose Amüsement aus waren, sondern die satirische und oft genug bittere Reflexion politischer Zusammenhänge sowie völkischer Befindlichkeiten, Unempfindlichkeiten und Holzwege suchten.


Der Provo, der aus der Presse kam


Im Januar 1979 startete in Westberlin fast zeitgleich mit der TAZ ein linkes Zeitungsprojekt, über dem früh der Pleitegeier kreiste, der es nur drei Jahre später verschlingen sollte: Die Neue. In einem kleinen Büro nahe dem Kudamm residierten vier Redakteure, darunter Martin Buchholz und ich, die vom Bonner Korrespondenten Rudolf Schwinn sowie einigen freien Mitarbeitern und Volontären, etwa dem Konkret-Autor Horst Tomayer, später dem mittlerweile zum raunenden Scholl-Latour-Imitat avancierten Andreas Zumach, unterstützt wurden. Bald zogen wir in die städtebauliche Ödnis von Wittenau mit Sicht auf das Märkische Viertel um, arbeiteten auf einer einstigen Fabriketage, die von Sperrholzwänden in mit Schreibtischen bestückte Schweinekoben (Redaktionsjargon) unterteilt war.


Die Neue sollte professioneller sein als die TAZ, dazu noch autark, weshalb eine Druckerei, die aus Kostengründen technisch nicht unbedingt auf dem neuesten Stand war, auf dem Stockwerk unter der Redaktion arbeitete. Da die Maschinen etwas langsam liefen und die Zeitungen per Post in die BRD ausgeliefert wurden, musste das Blatt bis 14.00 Uhr vollgeschrieben sein. Trotz solcher Defizite errang Die Neue kurzzeitig einiges Ansehen in der Fachwelt, aber wenig Verbreitung im radikalen bis linksliberalen Publikum, das mehrheitlich die flippige Unverbindlichkeit (aber auch die originellere Gestaltung) der TAZ vorzog.


In dieser Zeit irrwitziger Arbeitsüberlastung (fünfmal in der Woche vier Redakteure für acht großformatige Seiten ohne jede Werbung und mit dürftiger Versorgung an Nachrichtenagenturen) fanden wir uns am Nachmittag reichlich erschöpft in einer der typisch verschriemelten Berliner Bierstuben gegenüber dem Zeitungsgebäude ein. Bei einem Pils mit doppeltem Russen oder Polen (Wodkas unterschiedlicher Provenienz) erörterten wir die Lage des Blattes (kurz) und die Weltlage insgesamt (ausufernd), wobei Buchholz und ich gegenüber einigen mit dem allzu nahen und grauen Realsozialismus bürokratischer Prägung sympathisierenden Kollegen den antiautoritären Part einnahmen.


Um es vorwegzunehmen: Die umfassende Veränderung der Gesellschaft gelang uns nicht, und noch weniger die Rettung der NEUEN, doch schon damals wurde sicht- und hörbar, über welches komödiantische, rhetorische und rabulistische Potenzial der diesbezüglich nicht ganz uneitle (Beachten Sie bitte den überaus eleganten Euphemismus!) Herr Feuilletonchef Buchholz verfügte, zugegebenermaßen ohne – und so kannte man es auch aus seinen Artikeln – die inhaltliche Fundierung zu vernachlässigen. Früh übte er sich da in der Art pointierten intellektuellen Vortrags, wie er sich wenige Jahre später mit allen Sottisen und Analysen über die Säle der BRD und dann des ganzen wieder zusammengeklebten Deutschlands ausgießen sollte.


Eine Art Wegbereiter


Während die NEUE den Gang alles Mittellosen ging, heuerte Buchholz bei dem von Frankfurt nach Hamburg umgezogenen Satiremagazin Pardon an. Als sich auch dessen Ende abzeichnete, setzte er ganz auf seine kabarettistische Ader, schrieb rastlos Programme, deren Schärfe ihn bald zur persona non grata in den öffentlichen TV-Anstalten machte, und trat fürderhin als Solist auf.


Ein solches Stakkato an Wortwitz, verschwurbelten Sätzen, bis zur Kenntlichkeit entkleideten Phrasen deutscher Politiker und an derart humoristisch auf die Spitze getriebener Gesellschaftskritik, dass man in Tränen ausgebrochen wäre, hätte man nicht gerade lachen müssen, hatte man bis dato von deutschen Kleinkunstbühnen nicht gehört. Doch es ging Buchholz trotz aller Liebe zum verbalen Slapstick und der anarchischen Verdrehung um weit mehr als den schnellen Gag und die wohlfeile Pointe. Er spürte der Bedeutung einzelner Wörter und Begriffe nach, stellte zur tagesaktuellen Information die inhaltlichen und historischen Zusammenhänge her, die in der Tagesschau unter den Tisch fallen und von Nationalisten gerne negiert bis verfälscht werden.


Und er bezog klar Stellung, etwa gegen die rechte Allianz von SPD bis Union, gegen jede Art von Chauvinismus, gegen Neoliberalismus und „alternativlose“ Wirtschaftsdiktate. Seine Solidarität galt den Opfern postkolonialer Kriege, den Flüchtlingen und den Unterprivilegierten. Manchmal gingen Leute, die kurz vorher noch hemmungslos gelacht hatten, nach seinem Auftritt schweigend und bedrückt noch Hause, um dort (hoffentlich) weiter über das eben Gehörte nachzudenken. Von Zeit zu Zeit, wenn der Kabarettist mal wieder am falschen Ort war, flogen auch Sitzkissen auf die Bühne, und ein nationalistisches Publikum schäumte ob solchen Vaterlandsverrats. Für etliche Kollegen aber läutete Buchholz die Ära eines neuen investigativen, schonungslos aufklärerischen politischen Kabaretts ein. Uthoff, von Wagner, Schramm und der immer politischer werdende Barwasser haben sicherlich von seiner Vorarbeit profitiert.

   

Aus dem einstigen Angestellten einiger Pleitefirmen war also – nicht zuletzt mit Unterstützung seiner Beraterin, schärfsten Kritikerin und Ehefrau Harriet – eine erfolgreiche linke Ich-AG geworden. Jahrzehnte nach diesen Anfängen rekapitulierten Buchholz und ich bei (mindestens) einem Glas Wein, dass fast alle Unternehmen und Projekte, an denen wir intensiver journalistisch mitgearbeitet hatten, früher oder später bankrott gegangen waren: das Berliner Blatt Der Abend, Die Neue und Pardon bei Martin, das Nürnberger Stadtmagazin Plärrer, ebenfalls Die NEUE und die Nordbayern-Ausgabe der Abendzeitung bei mir - Scheitern als Weg! Welch ein Jammer, dass wie nie bei BILD landeten…


Die ersten Erfolge als Kabarettist feierte Buchholz in Hamburg, doch blieb er mit bissiger Schnauze und ganzem Herzen Berliner (Nun ja, nobody is perfect!) und zog folgerichtig bald wieder in die damals noch umzingelten Westsektoren an der Spree um. Dort bespielte er die altehrwürdigen Wühlmäuse, wenn er nicht gerade durch die Republik und deutschsprachige Nachbarländer tourte. Er sezierte unermüdlich braunen Schwachsinn bei lebendigem Volksleib, und obwohl er den Bürgern kompromisslos die in ihrer unsterblichen Seele vergrabenen  verdrucksten Peinlichkeiten vorhielt, füllte er überall die Theater, erhielt sogar den Deutschen und den Schweizer Kabarett-Preis. Dazu veröffentlichte er noch etliche Bücher mit hintersinnigen bis lach-lyrischen Texten. Angesichts des partiellen Medienboykotts wegen Unbotmäßigkeit kann man ihm durchaus den Titel eines Hidden Champion zugestehen.


Ein wohltemperierter Abschied


Bei aller Lust an derb-entlarvendem Spott und durchaus auch an Kalauern (unheilbar Berliner!!!) unterschied er sich im Sprachniveau, in der politischen sowie kulturellen Verankerung und im Hang zu nachdenklichen Passagen gravierend von den billige Lacher erheischenden Stars der aufkommenden Comedy-Szene. O-Ton Buchholz: „Comedians machen es wegen dem Geld, Kabarettisten machen es des Geldes wegen.“

 

Und nun soll nach 35 Jahren Schluss sein? Immerhin ist es ein geplanter, wohltemperierter Abschied von der Bühne, dem bereits ein beinahe anderthalbjähriges Moratorium vorausging und der auf einer letzten kleinen Tournee mit einem Programm („Alles Lüge, kannste glauben“), das neben Aktuellem auch  Highlights von früher und biographische Anmerkungen beinhaltet, endgültig ausklingt. Vom 25. bis 30. Dezember gastiert Buchholz noch einmal in den Wühlmäusen, am 18. und 19. Januar tritt er in Hamburg auf, und am 27. Januar fällt wiederum in Berlin der letzte Vorhang. Ein Comeback wird es definitiv nicht geben. „Es ist besser, endgültig abzutreten, solange die Leute noch sagen ´Ach, schade!`, als wenn es irgendwann heißt:´Wann merkt dieser alte Sabbelsack endlich, dass es langsam reicht.`" So kommentiert der Meister selbst seinen Abgang.


Das alles war lange geplant und wird keine Verlust-Depressionen auslösen. Ganz im Gegenteil freut sich Buchholz darauf, endlich sich am Morgen über Presse- und Rundfunkmeldungen ärgern zu können, ohne sie auf Verwertbarkeit für den nächsten Auftritt abtasten zu müssen. Insofern konterkariert er die Worte des kürzlich verstorbenen Folk-Rockers Tom Petty: „There ain`t no easy way out“: Es geht leicht und beschwingt, wenn man kreativ bleibt, die kritische Beobachtung nicht vernachlässigt und vielleicht sogar der eigenen Phantasie noch ein paar Zukunftsaufgaben stellt. Und ganz weg in der Versenkung wird Buchholz auch künftig nicht sein.


Drohungen aus dem Exil


Zunächst wird der Kabarett-Pensionär mit seiner Gemahlin nach Neuseeland reisen, vermutlich um sich dort mit den notorisch aufsässigen Keas zu duellieren, dann ziehen die beiden sich in ihr Domizil, ein über Jahre hinweg ausgebautes und eingerichtetes Anwesen im südsächsischen Erzgebirge, zurück. Der Natur, der Wälder und des Wanderns wegen, betont Buchholz, denn ansonsten liefert die Region zwar doof-deutsches Anschauungsmaterial, aber wenig geistige Anregung. Die Gegend gilt nämlich als Pegida- und AfD-Homeland, so dass es angeraten erscheint, das Schandmaul zumindest coram publico ein wenig zu zügeln. Aber immerhin hat sich der Filmsüchtige ein Heimkino mit umfangreichem Archiv installiert, so dass er zwischen Hollywood-Screwball-Komödien und „Lawrence von Arabien“ dem immerwährenden sächsischen Winter wenigstens stundenweise entfliehen kann.


Zur Freude einiger tausend User hat der emeritierte Spötter seinen Newsletter Buchholzens Wochenschauer wieder aufgenommen und versorgt so seine bundesweite Gemeinde mit gemeinen Pointen, oft auch mit tiefsinnigen und dann gar nicht so lustigen Anmerkungen sowie Kommentaren zum besorgniserregenden Vordringen der polit-gedüngten Geisteswüste.


Ansonsten, sagt Buchholz, habe er den Kopf voller Ideen und Pläne, und das Hauptaugenmerk werde diesmal nicht auf der satirischen Seite der Schöpfung liegen. Es sind also philosophisch-psychologisch-literarische Geistesprodukte aus den Tiefen des Erzgebirges zu erwarten: Wehe uns Lesenden!


12/2017


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