Die Unterweltreporter

Cartoon: Rainer Hachfeld


Wie wurden sie früher um ihren Job beneidet, die Sportredakteure in der Presse und die Fußballreporter in Funk und Fernsehen. Während ihre Kollegen sich durch den Dschungel der Politik oder die Verflechtungen der Wirtschaft kämpfen mussten, konnten sie spannendes Geschehen kommentieren, sich im Licht der Stars sonnen und einen Broterwerb aus ihrem Hobby machen. Jetzt aber stehen die Jünger der leichtesten Muse vor einem Scherbenhaufen: Wohin sie auch blicken, sie sehen nichts als Betrug, Korruption und Manipulation – und verstehen nicht, dass das alles ganz normal ist.


Gut bezahlte Fans


In den Zeitungen galten sie immer schon als Leichtgewichte, die Sportredakteure, die jedes Geschehen auf dem grünen Rasen, dem Tennis-Court oder der Aschenbahn tags darauf minutiös rekapitulierten, kommentierten und gleich darauf noch einen Blick in die Zukunft riskierten. Allerdings vergaßen die „seriösen“ Kollegen, dass nichts in unserem Land so ernsthaft diskutiert und als so schicksalhaft empfunden wird wie ein „wichtiges“ Fußballspiel – und zur gediegenen Debatte am Montagmorgen gehört es nun einmal, Wiedergekäutes im Sportteil zu verinnerlichen. Die Live-Reporter in Radio und Fernsehen genossen ohnehin mitunter nationalen Kultstatus.


Die Journalisten, die gutes Geld mit der publizistischen Aufbereitung der schönsten Nebensache der Welt verdienten, dabei Idole interviewten, Klatsch und Tratsch aus den Umkleidekabinen kolportierten und sich im Bereich der B- bis C-Prominenten, die chronisch sportliche Events bereichern, umhören durften, hatten stets den Ruf, Luftikusse und Herolde der Banalität zu sein. Kritik, so sie denn überhaupt stattfand, galt meist dem Spiel oder der Schiedsrichterscheidung, selten dem Charakter und der Abwicklung des circensischen Geschehens selbst.


So trug der Sportjournalismus klaglos die Kommerzialisierung in vielen Sportarten mit, schließlich können reiche Vereine bessere Akteure verpflichten, und Erfolg heiligt selbst maßlose Investitionen. Auch die Professionalisierung, sozusagen die Umwandlung von Spiel und Leibesübung in Lohnarbeit, fand ungeteilte Zustimmung. Nachdem zuvor noch mit dem nackten Zeigefinger auf die „Staatsamateure“ des Ostens gedeutet worden war, wurden die bundesdeutschen „Sportsoldaten“ oder die auf den Lohnlisten des Grenzschutzes geführten Athleten, die ganztags fürs Vaterland trainierten, wohlwollend als echte Sportler akzeptiert.


Dann kamen immer mehr Unappetitlichkeiten ans Tageslicht. Spiele, Rennen und Kämpfe wurden verschoben. Die Wett-Mafia manipulierte nach Herzenslust, am Boxring oder auf der Pferderennbahn regelten oft kriminelle Hintermänner den Kampfverlauf bzw. die Reihenfolge des Zieleinlaufs. Berichtet wurde darüber schon, schließlich macht sich ein bisschen Crime immer gut, vor allem im Boulevard-Journalismus. Eine ganze Sportart oder das System in toto stellte aber niemand ernsthaft infrage.


Kapitalisierung des Sports


Auch auf der Seite der Aktiven wurde fleißig betrogen – oft genug auf Kosten der eigenen Gesundheit. Hier leisteten vor allem TV-Rechercheure beachtliche Aufklärungsarbeit. Aufgrund ihrer Enthüllungen wissen wir heute, dass nicht nur der Osten professionell dopte, sondern auch hierzulande verbotene Elixiere zur Leistungssteigerung konsumiert wurden. Die Berichterstattung über infizierte Disziplinen tangierte dies höchstens kurzfristig. Wenn heute der Sender Eurosport die Tour de France live überträgt, fällt kein kritisches Wort über die medikamentösen Manipulationen der Physis und der Psyche. Möglicherweise nehmen die Reporter den weitverbreiteten Branchenspott für bare Münze: „Die Tour de France ist das fairste Sportereignis der Welt. Hier ist jeder gedopt.“ 

 


All diese schmuddeligen Aspekte des Hochleistungssports sind aber lediglich Symptome einer langanhaltenden Entwicklung, die in den Medien schon deshalb kaum thematisiert wird, weil sie selbst ein anderer Teil desselben Systems sind. Die Peinlichkeiten und Delikte, die von zu Zeit an die Oberfläche gespült werden, handelt man zwar pflichtschuldig in Text und Bild ab, räumt solchen „Vorkommnissen“ aber nur wenig Zeit und schlechte Sendeplätze ein. Dass die Fußball-WM 2022 nach Qatar vergeben wurde, weil etliche Millionen an Schmiergeldern flossen, dass in dem Wüsten-Emirat bislang schon Hunderte von Bauarbeitern aus Nepal oder Indien an Hitze und Überlastung krepiert sind, wird wohl dokumentiert. Doch wenn der Ball erst rollt, werden die negativen Begleiterscheinungen schnell ausgeblendet.


Eine Mehrheit interessierter Bürger würde der Behauptung, der Präsident des Weltverbandes FIFA, Gianni Infantino, gebärde sich wie ein Mafia-Boss mit diktatorischen Ambitionen, zustimmen. Was die Kritiker bei diesem Vergleich übersehen: Infantino ist ein typischer Protagonist der freien Marktwirtschaft. So wie er seine FIFA dominiert, regieren CEOs auf dem ganzen Globus die wichtigsten (börsennotierten) Konzerne. Es geht um Marktbeherrschung, Gewinnmaximierung und Manipulation der konsumierenden User. Die vielen Millionen kickenden Akteure und ihre Fans sind für die FIFA-Oberen ebenso Manövriermasse, wie es die eigene Belegschaft für den Vorstandsvorsitzenden eines DAX-Konzerns ist.

 

Das Schweigen der Reporter


Der Sport mit seinem spielerischen Besser, Höher, Weiter, Erfolgreicher passt bestens in den Überbau des Kapitalismus. Betont dieser doch immer, dass durch Konkurrenz die innovativsten Kräfte der Gesellschaft entfesselt werden. Dass aber die Voraussetzungen für die Individuen, Gemeinden oder Länder höchst unterschiedlich sind und sich die freie Marktwirtschaft, die Heilige Kuh des Wirtschaftsliberalismus, längst in ein Schlachtfeld von Oligopolen und Monopolen verwandelt hat, wird von den Medien tunlichst verschwiegen. Der freie Wettbewerb als ideologisches Konstrukt des Wirtschaftsliberalismus ist eine ebensolche Schimäre wie das ewige Leben in der christlichen Religion. Aber darüber redet oder schreibt man nicht.

 

Warum sollten ausgerechnet die Sportreporter aus der Bruderschaft des Schweigens ausscheren? Das Credo des windschnittigen Journalismus lautet: Bilde gewissenhaft die Oberfläche ab, der tiefere Sinn hat niemanden zu interessieren. Und es gilt für die Wirtschafts- und Politikressorts in gleichem Maße wie für die Sportredaktion.


Fairness mag – dank klarer Regeln – manchmal noch auf dem Spielfeld oder in der Sporthalle walten (sieht man vom allgegenwärtigen Doping ab), in den nach dem Vorbild von Konzernen geführten Sportorganisationen indes hat es sie wohl noch nie gegeben. Schließlich geht es um viele Milliarden. Dass in der Champions League ab dem Viertelfinale nur noch die reichsten Vereine den Sieger unter sich ermitteln, untermauert den lakonischen Spruch: Geld schießt eben doch Tore.


Vier englische Vereine, die arabischen Fürsten oder anderen Magnaten gehören und von den TV-Sendern zusätzlich noch Milliarden für die Übertragungsrechte kassieren, bestritten die Endspiele der beiden europäischen Pokalwettbewerbe. Auch in Deutschland fordern die großen Clubs wie Bayern München, mit dem sozial denkenden Ehrenmann Uli Hoeneß an der Spitze, mehr Geld von Rundfunk und Fernsehen, den Medien mithin, die mittels Dauerberieselung den Aufstieg des Profi-Fußball zur Profit-Maschine überhaupt erst ermöglicht hatten. Und in den Schubladen liegen bereits Pläne, wie durch irgendwelche Super-Ligen noch mehr Gewinn gerafft werden könnte. Neidisch blicken einige nach Nordamerika, wo die Eigentümer ihre Basketball- oder Football-Vereine freihändig verkaufen oder von einer Stadt in eine andere umsiedeln können.


Sprechen wir von Exzessen? Mitnichten, einige Sportarten sind einfach im real existierenden Kapitalismus angekommen, und die Funktionäre haben seine schlichte Ideologie inzwischen verinnerlicht. So wie der freie Markt im Grunde wie die Unterwelt funktioniert, arbeiten auch im Sport Wirtschaftmacht und Wirtschaftskriminalität Hand in Hand. Aber das vertieft man besser nicht. Schlechte Zeiten für fidele Sportreporter…

 

07/2019

 

Dazu auch:

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FIFA lässt sterben im Archiv von Politik und Abgrund (2013)