Die AfD dankt

Cartoon: Rainer Hachfeld


Die entsetzliche Tat im Frankfurter Hauptbahnhof, der ein achtjähriger Junge zum Opfer fiel, wurde aus nicht ganz verständlichen Gründen bundesweit zum absoluten Medien-Schocker hochgepuscht. Warum? Schon vorher starben Menschen, weil sie vor Züge gestoßen wurden, doch nur selten erregten diese tragischen Geschehnisse eine ähnliche überregionale Aufmerksamkeit in der Presse, im Fernsehen, natürlich im Netz – und auf eine wenig überlegte Weise in der Politik. Nun bleiben Fragen: Ist die Aufregung mit geradezu alarmistischen Untertönen der Tatsache geschuldet, dass der Täter ein aus Eritrea stammender Schwarzer ist? Arbeiten Journalisten und Entscheider, die den Frankfurter Fall als symptomatisch für die „Flüchtlingskrise“ bewerten, nicht direkt den Rechten und Neonazis zu?


Täter, die aus dem Schema fallen


In der Straße von Hormus droht ein bewaffneter Konflikt, der Handelsstreit zwischen den USA und China eskaliert, nach Trumps Aufkündigung des INF-Vertrags droht ein neuer Kalter Krieg mit Europa als Schlachtfeld – all diese global enorm wichtigen, wenn auch nicht schönen Nachrichten wurden für Tage von den Titelseiten der Zeitungen und den ersten Plätzen der Rundfunk- und TV-News verdrängt durch die Berichterstattung über die Bluttat von Frankfurt. Und diese überdimensionierte mediale Gewichtung wurde in einigen Kreisen mit hysterischem Überschwang zur Beschwörung der wegen der „Flüchtlingswelle“ dräuenden Gefahren genutzt.


Im Hauptbahnhof der hessischen Metropole stößt ein 40-jähriger Mann einen Jungen und seine Mutter vom Bahnsteig vor den einrollenden Zug. Eine alte Frau kann sich befreien, verletzt sich dabei aber. Das Kind wird überrollt, die Mutter entkommt knapp dem Tod. Der Mann ist Eritreer, ein aus der Schweiz eingereister anerkannter Asylant – Wasser auf die Mühlen jener, die Flüchtlinge generell als Verbrecher, Fanatiker, Schmarotzer diffamieren.


Gewaltverbrechen finden meist in einem Umfeld statt, in dem Opfer und Täter gleichermaßen beheimatet sind, in der Familie etwa, im Bekanntenkreis oder im Bandenmilieu. Man kennt sich, man hasst sich, man möchte den anderen berauben oder aus Rache töten. Mögen die Motive auch noch so fieser Art sein, sie weisen doch so etwas wie eine innere Logik auf. Menschen aber, die ihnen Unbekannte scheinbar ohne jeden Grund von der Bahnsteigkante stoßen, sind uns unheimlich. Doch so selten sind solche schrecklichen Vorfälle gar nicht.


Im Januar dieses Jahres wurden zwei Sechzehnjährige auf einem Nürnberger Vorortbahnhof von zwei Siebzehnjährigen in den Tod geschubst. Es hatte zuvor eine Rangelei gegeben, möglicherweise war Alkohol im Spiel. Aus reiner Wut und Aggressivität stieß 2018 ein Siebzehnjähriger in Köln einen Mann auf die Gleise der U-Bahn, Ähnliches tat eine betrunkene Frau in München. Beide Opfer konnten sich retten. Neun Tage vor Frankfurt wurde eine Frau in Voerde (NRW) von der Regionalbahn tödlich überrollt. Ein Achtundzwanzigjähriger hatte sie im Drogenrausch vor den Zug gestoßen.


Suff, Rauschgift und Brutalität sind üble, aber kognitiv erfassbare Auslöser einer Tat; was aber, wenn der Täter ohne eigenes Verschulden nicht mehr Herr seiner selbst ist? Wenn er aufgrund einer psychischen Erkrankung unter Wahnvorstellungen leidet, sich verfolgt fühlt, glaubt, sich gegen unbeteiligte Menschen brachial verteidigen zu müssen. Dann passt er in kein konventionelles Täterschema mehr, und sein „Verbrechen“ eignet sich auch nicht als Beleg für einen soziologischen Trend, etwa die angeblich gestiegene Gewaltbereitschaft von Migranten.


Ein Paranoiker, der 2016 in Berlin eine Abiturientin getötet hatte, indem er sie vor die U-Bahn stieß, wurde denn auch vom Gericht für nicht schuldfähig gehalten. Der Mann war kurz zuvor aus einem psychiatrischen Krankenhaus entlassen worden.


Die Hyänen des Internet


In der Schweiz galt der Täter von Frankfurt lange Zeit als Vorbild für gelungene Integration. Der Eritreer, ein Christ, war nicht vorbestraft, hatte Familie, arbeitete geschickt und fleißig bei den Verkehrsbetrieben Zürich und wurde von Vorgesetzten wie Bekannten als „freundlich“, „zurückhaltend“, „integer“ und „zuverlässig“ beschrieben. Er verfügte über persönliche Eigenschaften und Schlüsselqualifikationen, wie sie die AfD oder andere Rechtsextremisten Flüchtlingen eigentlich generell absprechen. Bis eine (von Schweizer Ärzten diagnostizierte) Psychose, eine Seelenkrankheit, vor der niemand gefeit ist, sein Leben verdüsterte, seinen Verstand verwirrte und ihn in eine grauenhafte Reaktion trieb. Jetzt konnten Rechtsradikale, aber auch konservative Politiker sein Schicksal medienwirksam ausschlachten.


Millionen von Deutschen leiden unter psychischen Erkrankungen. Öffentlich wurde dieser lange tabuisierte Tatbestand erst erörtert, nachdem der frühere Fußball-Nationalspieler Robert Enke sich 2009 wegen schwerer Depressionen vor einen Zug geworfen (und damit zwar niemanden unmittelbar physisch verletzt, aber möglicherweise einen Lokführer schwer traumatisiert) hatte. Der Fall warf damals Fragen zu latenten seelischen Störungen auf, weckte Empathie in weiten Kreisen der Bevölkerung und wurde in den Medien eingehend und durchaus einfühlsam durchleuchtet. Und heute? Die schwere Krankheit des Eritreers spielt in den meisten Publikationen kaum eine Rolle, das Feld wird den Chauvinisten überlassen, die aus dem Geschehen Profit schlagen und darüber hinaus auch noch die Trauer der betroffenen Familie instrumentalisieren wollen.


Aus den Hasstiraden in den „sozialen“ Medien ragten wieder einmal Beiträge der WortführerInnen einer Partei heraus, mit der sich Teile der Brandenburger CDU durchaus eine Zusammenarbeit vorstellen können. Den Anfang machte – wie so oft – die AFD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel. Wenige Stunden nach der Frankfurter Tragödie hatte der Eiserne Engel der extremen Rechten auf facebook gepostet: „An Entsetzlichkeit ist diese Tat nicht mehr zu überbieten. Was muss noch passieren? Schützt endlich die Bürger unseres Landes - statt die grenzenlose Willkommenskultur!“ Welche „grenzenlose Willkommenskultur“ sie meinte, die normalerweise ziemlich engherzige der Schweiz oder die ein wenig verlogene einer Angela Merkel blieb im Dunkeln, die Nationalität des Täters wurde im ersten Satz des Posts triumphierend präsentiert – wie eine Trophäe aus dem afrikanischen Herz der Finsternis.


In einem Tweet, der zwar wenig später gelöscht wurde, aber genügend Unheil angerichtet haben dürfte, machte die AfD-Bundestagsabgeordnete Verena Hartmann die Kanzlerin persönlich für die Tat verantwortlich und schrieb ganz dem archaischen Blut- und Rache-Kult unsäglicher Polit-Vorgänger verpflichtet: „Ich verfluche den Tag Ihrer Geburt.“


Da durfte natürlich Bernd Höcke, der hiesige Shooting Star der politischen Restauration nicht fehlen: „Der Mord in Frankfurt war kein Einzelfall, das ist die Folge eines - und das mag jetzt etwas zynisch klingen - menschengemachten Klimawandels.“ Klingt in der Tat nach Schmalspur-Zynismus, entbehrt aber nicht eines Hauchs von Wahrheit, verborgen in der spiegelverkehrten Version. Den „menschengemachten Klimawandel“ gibt es tatsächlich, einmal in meteorologischem Sinn und ökologischer Konsequenz, zum anderen im Sinn einer gesellschaftlichen Atmosphäre, in der sich auch infolge der menschenverachtenden Propaganda von Höcke und Konsorten Menschen mit dunkler Hautfarbe nicht mehr in bestimmte Regionen und  Viertel trauen können. Einen Wandel, der ein Klima generiert, in dem man sich als gebürtiger Eritreer derzeit in Deutschland nicht sehr sicher fühlen dürfte.


Zutritt verboten für Kranke und Schwarze?


Auftritt nun der unvermeidliche Horst Seehofer kurz vor dem Ende seiner politischen Karriere! Weil nicht alle Migranten an den Grenzen bei der Einreise kontrolliert worden seien, will er Deutschland nun auch im Südwesten abschotten: "Diesem Umstand müssen wir begegnen, durch eine erweiterte Schleierfahndung und anlassbezogene, zeitlich befristete Kontrollen auch unmittelbar an der Grenze - auch an der Grenze zur Schweiz."

 

Er bezieht sich ebenfalls auf die Tat des schizophrenen Asylanten. Seehofers Allheilmittel Grenzkontrolle hätte aber in diesem Fall gar nichts genutzt. Der Eritreer durfte sich von seinem Status her im Schengenraum frei bewegen. Er war zwar wegen psychotischer Ausbrüche kurz vor der Ausreise von den Schweizer Behörden gesucht, aber nur landesintern zur Fahndung ausgeschrieben worden.


Wen will Seehofer, der das nationalistische Spektrum durch Aktionismus beeindrucken möchte, eigentlich von der Bundesrepublik fernhalten? Die biederen Schweizer Grenzgänger auf ihren Butterfahrten nach Konstanz? Deutsche Geldwäscher auf ihrer Rückreise in die Heimat? Wohl eher dunkelhäutige Personen oder Einreisende mit arabischem Gesichtsschnitt. Seelisch Behinderte, die sich ruhig verhalten, dürften die Grenzschützer übrigens gar nicht aussortieren, hat die BRD doch 2008 das Behindertenrechtsabkommen der Vereinten Nationen unterzeichnet, das jede Diskriminierung von (auch psychisch) behinderten Menschen strikt verbietet. Wer aber länger als sechs Monate unter einer schweren seelischen Erkrankung leidet, gilt nach SGB IX § 2 Abs. 1 als behindert.  Wieder einmal scheint Seehofer also ohne Legitimation allein für die Galerie, die diesmal allerdings reichlich braun besetzt ist, gegen Windmühlen kämpfen zu wollen.



Seehofer, Höcke, Weidel vereint gegen die Schweizer Gefahr


Statistiken al gusto


Bayerns Sheriff Joachim Hermann setzt in der seinem Intellekt angemessenen plump-dreist vereinfachenden Art noch einen drauf und nimmt die Tat eines psychisch und womöglich geistig Kranken zum Anlass, vor erhöhter Gewaltbereitschaft bei eingereisten Migranten zu warnen: „Jetzt kommen unübersehbar Menschen aus anderen Kulturkreisen zu uns, in deren Heimat die Gewaltlosigkeit, wie wir sie pflegen, noch nicht so selbstverständlich ist“, sagte er der Passauer Neuen Presse. Dass Pazifismus in Afrika nicht so selbstverständlich ist wie in XY (von Deutschland kann ja wohl nicht im Ernst die Rede sein), verdankt sich auch der Versorgung mit Qualitätswaffen made in Germany, diversen Interventionen von NATO-Staaten und einer im Süden Elend und brutalen Überlebenskampf kreierenden EU-Handelspolitik.


Dennoch scheinen die Zahlen Hermann zunächst recht zu geben: Die Polizeiliche Kriminalstatistik 2018 weist den immensen Anstieg der von Zuwanderern (also Asylbewerbern, Schutz-  und Asylberechtigten, Geduldeten, Kontingentflüchtlingen und sich unerlaubt Aufhaltenden) verübten Verbrechen von 8,5 auf 8,6 Prozent an allen Straftaten aus. Dies ist bei einem Anteil an der Gesamtbevölkerung von rund zwei Prozent tatsächlich ein hoher Wert. Nur ist das mit Statistiken so eine Sache, sie dokumentieren nackte Zahlen, offenbaren aber (zumindest auf den ersten Blick) nicht die personellen Auswahlkriterien und den sozialen Hintergrund der Erhebungen.


Die Presse wiederum war zwar ihrer Informationspflicht nachgekommen und hatte über die Tat von Frankfurt berichtet, diese dabei aber aufgebauscht und in einen dubiosen Kontext gestellt, wodurch die Schlammlawine im Internet erst richtig losgetreten wurde. Ein Schizophrener, der eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung in der Schweiz hatte, taugt nicht als Exempel für die angeblich wachsende Bedrohung durch in Deutschland lebende Asylbewerber. Zum Glück relativierten nun einige Zeitungen das vermeintliche statistische Menetekel (wenn sie auch nicht allzu gründlich differenzierten): Sie wiesen darauf hin, dass über alle Gesellschaften und Kulturen hinweg junge Männer zwischen 14 und 30 Jahren im Verhältnis die meisten Gewaltverbrechen begehen. Das Statistische Bundesamt stellte Ende 2018 aber fest, dass das Durchschnittsalter der Schutzsuchenden bei 29,4 Jahren (deutscher Bevölkerungsdurchschnitt: 45,4 Jahre) lag und 63 Prozent von ihnen Männer waren (Deutschland: 49 Prozent).


Die statistische Ermittlung bezog sich bei den Asylbewerbern also auf eine Gruppe, die überall auf der Welt als überproportional impulsiv und gewaltbereit gilt. In die gesamtdeutsche Erhebung hingegen wurden Kleinkinder und Greise, die kaum zu Vergehen fähig sind, sowie gesetztes Mittelalter, das kriminelle Energie, so einst vorhanden, längst hinter sich gelassen hat, mit einbezogen. Was in den Medien fehlte, war der Hinweis, dass Flüchtlinge häufig traumatisiert ankamen, in Deutschland unter deprimierenden Wohnbedingungen, oft genug mit Schicksalsgenossen, mit denen aus ethnischen oder religiösen Gründen Differenzen und Spannungen bestehen, auf engem Raum untergebracht wurden und ihre Zeit hier ohne Hoffnung und sinnvolle Beschäftigung verbringen müssen.


Vielleicht wäre es sinnvoller, eine andere Gruppe in unserer Gesellschaft statistisch zu scannen: Würde man alle Deutschen, die in den letzten Jahren wegen rassistischer, nationalistischer und neonazistischer Aktivitäten in Wort, Schrift und Tat aufgefallen sind, zu einem Untersuchungsobjekt zusammenfassen, stieße man sicherlich auf ein höheres Kriminalitätspotenzial als unter den Asylbewerbern, vor denen die Populisten, die „besorgten Bürger“ und die AfD so eindringlich warnen. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass in den letzten Jahrzehnten fast 200 Menschen (vorsichtig geschätzt) von Rechtsextremisten, übrigens weit mehr als von Islamisten, Flüchtlingen und Linksterroristen zusammen, ermordet oder totgeschlagen wurden. Abgesehen von wenigen Ausnahmen, etwa den NSU-Morden oder dem Oktoberfestattentat, geschah dies ohne das pompöse Medieninteresse, das die verhängnisvolle Tat eines kranken Eritreers erfuhr.

    

Vielleicht kündigt Horst Seehofer ja als Konsequenz einer solchen statistischen Erhebung dann an, dass künftig an den Binnengrenzen zur Sächsischen Schweiz, am Rande des Erzgebirges oder gewisser Viertel in Dortmund strenger kontrolliert würde.

 

08/2019

 

Dazu auch:

Nazi und Gendarm im Archiv dieser Rubrik (2016)