Antisocial Media


Während sich hierzulande noch Experten, Skeptiker und Opfer sorgen, die notorischen User von Facebook und anderen sozialen Netzwerken gäben zu viel von ihrem Äußeren, ihrem Innersten und ihren geheimsten Kontakten wie Vorlieben preis, nutzen bedenkenlose Politstrategen in aller Welt die neuen Boulevard-Medien längst als Steigleitern zur Machtübernahme. Krass wirkte der Einsatz einseitiger Beeinflussung im vierdimensionalen Gewande bereits im US-Wahlkampf, erschreckend aber sind die im Netz in Gang gesetzten Verrohungs- und Abstumpfungsmechanismen, die Brasilien einen Präsidenten jenseits zivilisatorischer Vorstellungskraft bescherten.


Militarist, Chauvinist, Rassist


Dem größeren Teil des Volkes, der sich aus Frauen, Schwarzen, Indigenen, Armen und Schwulen zusammensetzt, drohen Gewalt, Beraubung und Folter, die Natur dürfte bald weitgehend Axt und Feuer zum Opfer fallen. Ein Land, in dem solche Zukunftsvisionen öffentlich verkündet werden, scheint vor einem totalen Krieg oder der Apokalypse per se zu stehen. Doch nein, es handelt sich lediglich um die Absichtserklärungen des gerade aus demokratischen Wahlen als Sieger hervorgegangenen Ex-Militärs Bolsonaro. Zwar hatte man Ähnliches vor ein paar Jahren auch schon von den Philippinen gehört (und Machthaber Duterte hat etliches auch blutig umgesetzt), aber damals ging es um ein Inselreich ganz hinten in Südostasien. Jetzt aber entwickelt sich Brasilien, der Fläche und Bevölkerungszahl nach das fünftgrößte Land der Erde, zur Dystopie, und die Sozialen Medien, allen voran WhatsApp, Facebook und Twitter, dürfen dies als ihren Triumph feiern.


Brasilien ist mit Abstand die wichtigste Wirtschaftsmacht des südamerikanischen Subkontinents, es verfügt über immense Bodenschätze und ein beträchtliches industrielles Know-how. Noch bedeutender dürften in globaler Perspektive aber die ökologischen Reserven sein, die immensen Urwälder im Einzugsbereich der Amazonas-Wasserscheide. Durch sie wird das Weltklima nachhaltig beeinflusst und erträglich gehalten – aber sie werden immer weniger.


Wenn ein Mann, der öffentlich eine Kontrahentin als nicht vergewaltigungswert bezeichnet, Schwulen Prügel androht und sich für seine Söhne verbürgt, sie seien viel zu gut erzogen, als dass sie eine Schwarze heiraten würden, seinen politischen Gegnern Knast oder Vertreibung in Aussicht stellt, die brutale Militärdiktatur von 1964 bis 1985 rühmt und den Ausstieg aus dem Weltklimavertrag ankündigt, Präsident eines so gewichtigen Landes wird, verändert dies nicht nur die gesellschaftliche Atmosphäre in ganz Lateinamerika, es wird sich auch auf die politischen Entwicklungen rund um den Globus auswirken. Und viele Beobachter fragen sich in noch besorgterem Ton als nach Trumps Wahlsieg, wie solches geschehen konnte. 

     

Brutaler Gag statt Inhalt


Die europäischen Zeitungen werden nicht müde, die menschenverachtenden Statements des Jair Messias Bolsonaro zu zitieren, nachdem diese längst in den sozialen Netzwerken breitgetreten worden sind. Was fehlt, ist eine gründliche Analyse der Akzeptanz von Paradoxien, wie sie der Hauptmann der Reserve und glühende Militarist von sich gibt, der hirnerweichenden propagandistischen Effizienz der schönen neuen Medienwelt sowie der Absichten von Bolsonaros Hintermännern und Nutznießern; denn dass der politisch wie rhetorisch eher einfach gestrickte Populist, der sogar TV-Duellen mit seinem Widersacher Haddad auswich, höchstselbst eine Plump-Ideologie, für die der Begriff faschistoid noch zu harmlos wäre, kreiert hat, darf als unwahrscheinlich gelten.


Eigentlich hätte ein Kandidat, der sich gegen die (allerdings heterogene) Bevölkerungsmehrheit stellt und nur mit der weißen Wirtschaftselite, evangelikalen Eiferern und putschwilligen Militärs sympathisiert, niemals 55 Prozent der Stimmen erhalten dürfen. Zwar konnte er das tatsächlich allgegenwärtige Phänomen der Korruption, das ihm – ähnlich wie hierzulande der AfD die Migration – als Feindbild jegliche Programmatik und Analyse ersetzt, für seine Kampagne instrumentalisieren, und die Brasilianer sind des permanenten Betrugs müde; doch verstrickte er sich in eklatante Widersprüche und disqualifizierte sich durch skandalöse Hasstiraden. Man könnte allerdings den Eindruck gewinnen, dass vielen Landsleuten eine contradictio in eo ipso nicht weiter auffällt, weil sie im Wirbel der „sozialen“ Netzwerke die Orientierung verloren haben und nicht mehr wissen, was ihnen nützt und was die eigene Existenz gefährdet.


So konnte Bolsonaro über den Ex-Präsidenten Lula da Silva, den Mann, der locker Wahlsieger geworden wäre, hätte er denn kandidieren dürfen, ungestraft höhnen: „Lula – du wirst in deiner Zelle verrotten.“  Die Majorität der Wähler nahm auch keinen Anstoß daran, dass der Wutbürger noch letztes Jahr den Oberst Brilhante Ustra, Leiter des berüchtigten Folterzentrums DOI-CODI, wo auch die abgesetzte Präsidentin Dilma Roussev einst gequält worden war, als Helden feierte. Roussev, die der Arbeiterpartei PT angehörte, wurde wegen angeblicher Verstöße gegen Haushaltsgesetze des Amtes enthoben, ihr Parteifreund Lula sitzt wegen Vorteilsannahme ein, obwohl internationale Juristen die Stichhaltigkeit der Anschuldigungen gegen beide anzweifeln. Die brasilianischen Wähler focht dies mehrheitlich ebenso wenig an wie der Fakt, dass der fanatische Korruptionsbekämpfer Bolsonaro, der achtmal die Partei wechselte, künftig im Parlament mit Politikern der Rechten koalieren muss, denen Raub und Unterschlagung von riesigen Summen nachgewiesen konnte, die sich aber selbst Straffreiheit zubilligten. Auch hassten die meisten Brasilianer die Militärdiktatur, dulden es aber heute, dass der Berserker an der Spitze den General Hamilton Mourấo, der offen mit einem Putsch liebäugelt, als Vizepräsident nominieren will.


Leiden die Brasilianer an kollektiver Amnesie? Haben sie Caipirinhas bis zur Besinnungslosigkeit geschlürft oder zu viele Linien Kokain die Nase hochgezogen? Nein, die aktuelle geistige Umnachtung ist Folge einer permanenten medialen Berieselung, die jedes Nachdenken verunmöglicht und den brutalen Gag, die diskriminierende Sottise, den zügellosen, aber sinnesarmen Hassausbruch zur Krönung der kommunikativen und informativen Schöpfung erhebt. Kritisches Rekapitulieren, dialektische Abwägung oder gar inhaltliche Nachfrage gehören seit kurzer Zeit zum verstaubten Inventar politischer Auseinandersetzung – nur der plakative Effekt und die unwiderlegbare, da auf bloßer Phantasie begründete, Behauptung zählen mittlerweile. Die schmissigsten Verbalinjurien und Verleumdungen bringen die auf Unterhaltung und Sensationen konditionierte Menge dazu, gegen ihre sozialen Interessen und die eigene Zukunft zu stimmen.


Mögen die Russen, rechtsradikale Parteifreunde oder die Lobbyisten interessierter Konzerne die Netnews zugunsten Trumps manipuliert haben, die entscheidenden Impulse erhielt seine Wahlkampagne durch die jegliche Differenzierung als Zeitverschwendung ausschließende Wirkungsmacht der Social Media selbst: Twitter als das pausenlos Salven pointierter Plattitüden verschießende Maschinengewehr und Facebook als virtuelle Gefühlsblase, die sorgsam in eine Richtung gedehnt werden kann, ersetzten die zaudernden, ab und zu noch nachdenklichen „alten Medien“ bravourös. Und im Internet wird immer der glamouröseste und spektakulärste Schwachsinn von der Community geliked.


Dahinter steckt immer ein fieser Kopf


Der Wahlkampf in Brasilien belegt, dass die Beeinflussung durch die (a)sozialen Netzwerke eine neue – vermutlich von den Machern selbst nicht erahnte „Qualität“ erreicht hat. Während Algorithmen entwickelt werden, mittels derer die User zu gläsernen Objekten mutieren, zur gleichen Zeit, da latente Manipulation und der Verkauf von Daten forciert werden, entsteht als potentes Nebenprodukt eine Art Amok-Stimulanz, die Smartphone-Süchtige überrumpelt und in einer Art aversiver Geisterbahn durchrüttelt, bis sie dem selbsternannten (und oftmals korrupten) Jäger von Vampiren, Intellektuellen und vermeintlich Korrupten (des anderen Lagers) willenlos zu Füßen liegen.


In seinem Weltbestseller „The Circle“ beschreibt der US-Romancier Dave Eggers einen Social-Media-Giganten, als dessen Vorbild sich unschwer Facebook ausmachen lässt. Er schildert, wie der Konzern die Konsumenten so lange betört und ausspäht, bis er ihre Bedürfnisse und Handlungen steuern kann, als seien sie willenlose Zombies. Im Falle Brasiliens wird noch ein ganz anderes Potential des Internet-Hype sichtbar, das vermutlich nicht einmal Mark Zuckerberg in seinem Ausmaß erkannt hat: Mittels permanentem Trommelfeuer aus konzertierten Hassbotschaften und stereotypen Heilsparolen können Regierungen und ganze Systeme gestürzt werden. Reflexion und Recherche sind in solcher Reizüberflutung nicht vorgesehen, ein neuer Höhepunkt medialer Geistfeindlichkeit ist erreicht.


Aber es müssen nicht unbedingt die Herren des Silicon Valley sein, die als treibende Kraft hinter solchen Umwälzungen stehen. Wenn Jair Bolsonaro erklärt, Minderheiten- und Arbeiterrechte kappen, soziale Bewegungen kriminalisieren und Regenwälder abholzen zu wollen, spielt er den Großkonzernen im eigenen Land und den ausländischen Spekulanten in die Hände – eine Planung, die allerdings nicht auf seinem braunen Mist gewachsen ist. Als graue Eminenz zeichnet nämlich sein künftiger Superminister  für Wirtschaft, Industrie und Handel, Paulo Guedes, für das ökonomische Programm verantwortlich. Und der kommt aus Milton Friedmans neoliberaler Kaderschmiede in Chicago und war während der Pinochet-Diktatur in Chile als Dozent tätig. Die dort angewandten Strategien, die u. a. die Privatisierung des Rentensystems, dessen Einlagen anschließend von den Chicago Boys an der Börse verzockt wurden, umfassten, möchte er nun auf Brasilien übertragen.


Die brasilianischen Oligarchen blicken also hoffnungsfroh in eine Zukunft, die für die Massen am anderen Ende der Sozialpyramide neue Härten bereithält. Und auch der Lateinamerika-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (LADW) und der hiesige Industrieverband BDI, die bereits die putschartige Ablösung  von Dilma Roussev begrüßt hatten, frohlocken, dass es demnächst „ultraliberal“ in Brasilia zugehe. Für VW-Vorstandchef Renschler war die Wahl des schrecklichen Populisten mithilfe sozialer Netzwerke laut einem LADW-Rundschreiben gar „ein Grund für Zuversicht“. So viel Optimismus kommt nicht von ungefähr. Bereits während der Militärdiktatur hatte VW do Brasil eng mit den Folterern zusammengearbeitet und eigene Mitarbeiter, die in der Gewerkschaft aktiv waren, ans Messer geliefert.


Eigentlich wollten Zuckerberg (Facebook), Page und Brin (Google) oder Bezos (Amazon) die Welt ja klammheimlich beherrschen, und zwar nach friedlicher Unterwerfung. Doch sie haben dafür die Instrumente geschaffen, mit denen andere jetzt den offenen sozialen Krieg lostreten. 

 

11/2018


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