Abstinenz der Elite


Sind die neuen Herren der öffentlichen Meinung, die Digital-Dompteure des Internet, nun durchgeknallte Freaks, die ihre Omnipotenz-Phantasien lukrativ Wirklichkeit werden lassen, oder schlichte Geschäftsleute, die User erst anfixen und dann die Süchtigen ausbeuten? Ein Insider aus dem Silicon-Valley hat das in einem SPIEGEL-Interview zwar nicht erschöpfend beantworten können, aber höchst beunruhigende Aspekte ins Spiel gebracht, die weitere Fragen nach sich ziehen.


Die Vergiftung der Information


Jaron Lanier, Cheftechnologe von Microsoft, ist nicht der der erste Software-Guru, der vor der manipulativen Allmacht der eigenen Branche warnt. So hatte im vorigen Jahr der Co-Gründer von Facebook, Sean Parker, sein früheres Unternehmen scharf dafür kritisiert, dass es Menschen in die Internet-Falle lockt und den Boykott aller Social Media propagiert. Manche Kinder des Silicon Valley, so scheint es, würden am liebsten ihre eigene Revolution fressen.


Die jungen Wilden aus Kalifornien hatten in Hippie-Attitüde Garagen-Startups aufgezogen, mit deren Output sie die globale Kommunikation, die Masseninformation und die Möglichkeiten der PC- und Handy-Nutzer in ungeahnte Dimensionen beamen wollten. Gut vorstellbar, dass einige zu Beginn wirklich Ideen von Transparenz, Chancengleichheit und Teilhabe im Kopf hatten, doch lehrte sie der real existierende Kapitalismus bald, welche ungeheuren Einflusspotenziale (und Geldsummen) ihnen aus der medialen Überflutung der Gesellschaft und der sich daraus zwangsläufig ergebenden Verhaltensmanipulation zufließen würden.


Jaron Lanier, der eine „Charakterdeformierung“ bei Usern von Sozialen Medien diagnostiziert, macht Facebook, Twitter & Co für die Wahl von krankhaften Egomanen wie Trump oder ausgewiesenen Faschisten wie Bolsonaro in Brasilien mitverantwortlich. Es scheint so, als unterwürfe sich die ganze Welt dem Unterhaltungs- und Desinformationsdiktat in Schwarz-und Weiß-Kategorien denkender und fabulierender net-communities. Die ganze Welt? Nein, ein kleines Tal in der Bay-Area, von dem aus einst der globale Feldzug der hysterischen Geistfeindschaft gestartet wurde, wehrt sich tapfer gegen die universale Gleichschaltung, allerdings in einem eher familiären Rahmen.


Wie man die gute Stube rein hält


Lanier kennt sie alle persönlich, die Zuckerbergs (Facebook), Dorseys (Twitter), Pichais (Google) und die anderen Häuptlinge der ehrenwerten Gesellschaft, die alles über ihre Kunden wissen will, nicht nur um deren Daten zu versilbern, sondern auch um in eigener Machtvollkommenheit deren individuelles Verhalten zu verändern, zu steuern, marktkompatibel zu machen. Dass bei politischen Kampagnen etwas aus dem Ruder läuft, dass die rechtspopulistischen Rattenfänger die künstlich erzeugte Unfähigkeit zu kritischer Analyse und humanistischem Widerstand besonders effektiv nutzen könnten, lag vielleicht gar nicht in Zuckerbergs Absicht, aber dieser Nebeneffekt ist plötzlich zur Hauptbedrohung geworden.


Über Forderungen der Politik, die Social Media sollten doch ihre Plattformen überprüfen und Hass- wie Fake-Mails entfernen, kann Lanier nur lachen. „Facebook kann das Problem nicht lösen“, sagte er dem SPIEGEL. „Facebook ist das Problem.“ Wer mit Perversionen dealt, taugt nicht zu Zensurinstanz, wer der Gülle die Schleusen öffnet, ist als Schleusenwärter fehl am Platz. Eine Personengruppe allerdings wird sorgsam vor der omnipräsenten Mediendroge behütet: die Kinder der Internet-Macher. Lanier berichtet, dass die Magnaten des Silicon Valley ihrem Nachwuchs den Gebrauch von Smartphones oder Tablets verbieten, ihn von den eigenen Sozialen Netzwerken fernhalten.


Das Bewusstsein, wie viel Gefahr im simplen Austausch von Grüßen, Sympathiebezeugungen oder kleinen Geheimnissen via Kontaktbörse für Jugendliche steckt, bewegt die ansonsten skrupellosen Manipulatoren dazu, die eigene Brut vor dem latenten Eingriff in Herz und Hirn zu schützen. Dieses Verantwortungsgefühl ist in unserem System weder neu noch eine sentimentale Marotte. Schon immer reproduzierten sich Eliten, indem sie bedenkenlos ihre Interessen durchsetzten, wenn es gegen das Bewusstsein der Bevölkerungsmehrheit ging, gleichzeitig aber den eigenen Sprösslingen die ungestörte geistige Entfaltung im gediegenen Bildungskokon der Oberschicht ermöglichten.


Beutezug im Sumpf


Es ist nicht üblich, dass Manager und Inhaber großer Rüstungsfirmen ihre Söhne in Kriegsgebiete entsenden, um sie dort die Durchschlags- oder Widerstandskraft eigener Produkte sozusagen in Feldstudien ermitteln zu lassen. Die Hersteller umstrittener Psychopharmaka werden alles tun, um die Medikamente auf dem Markt unter möglichst viele Leute zu bringen, zugleich aber ihren Kindern jeglichen Zugriff verwehren. Und die Führungskräfte von Monsanto investieren viel Geld, um die Unbedenklichkeit eines Glyphosat-Einsatzes vorzutäuschen, halten aber das Pflanzengift mit Sicherheit vom Landschaftsgarten der Familienvilla fern.


Die Taktgeber wirtschaftlicher Expansion beglücken die kaufkräftigen (oder kreditwürdigen) Länder und Individuen mit allerlei nutzlosen, schädlichen oder sogar mittelfristig tödlich wirkenden Waren, achten aber strikt darauf, dass sich die Mitglieder ihrer Kaste nicht an dem Schund infizieren. Beute wird vorsichtshalber nur im Sumpf der Dritten Welt und in den niederen Schichten der technologisch entwickelten Gesellschaften gemacht.


Nach diesem Prinzip funktioniert offenbar auch die Infiltration der Smartphone-Suchtgemeinde von New York über Berlin bis Sao Paulo. Allerdings geht es hier nicht um handfesten Warenkonsum, sondern um immaterielle Güter, die angeblich so freien Gedanken nämlich. Eine einigermaßen fundierte Meinung können sich nach Ansicht von Pessimisten (Realisten?) bald nur noch die Abkömmlinge der Masters of Hate and Fake bilden, denn sie müssen sich ihre Informationen aus den verschiedensten Quellen zusammensuchen; ihre Väter verbieten ihnen die allwissenden Sozialen Netzwerke, obwohl diese ihnen Macht und Kapital verschaffen – auf der Grundlage massenhafter Verblödung.


11/2018  

 

Dazu auch:

Antisocial Media in dieser Rubrik

                 

Schöne neue Kindheit im Archiv dieser Rubrik