Malcolm Lowry 

 

 

In der inhaltlichen Auseinandersetzung mit großen Autoren und deren bedeutendsten Werken versuchen Kritiker immer wieder zwei Fragen zu beantworten: Was ist ein Jahrhundert-Roman? Und wie stark wird die Prosa von der Biographie des Schriftstellers geprägt?

 

Einen Roman, der neue Wege in Form und/oder Handlung beinhaltet, die Sprache revolutioniert, andere Autoren inspiriert und den Lesern ein intellektuelles Erlebnis vermittelt, kann man wohl als Jahrhundert-Roman bezeichnen, soweit sich seine Wirkung über einige Generationen erstreckt. „Don Quijote“ von Cervantes etwa war ein epochales Werk, für das Ende des zweiten Jahrtausends könnte man vielleicht den „Ulysses“ des Iren James Joyce sowie „Hundert Jahre Einsamkeit“ des Kolumbianers Gabriel García Márquez nennen – und „Unter dem Vulkan“ von Malcolm Lowry.

 

Cuernavaca im Vulkanschatten des Popocatepetl ist der Schauplatz eines Totentanzes, dessen Protagonisten durch eine Hölle aus brutaler Gewalt, Liebesverlust und maßlosen Alkohol-Eskapaden taumeln. An Allerseelen, dem in Mexiko kultisch gefeierten Tag der Toten, erwartet der englische Ex-Konsul Geoffrey Firmin, ein von Mezcal und Schatten der Vergangenheit gezeichnetes Wrack, seine Ex-Frau Yvonne. In den hintersten Winkeln seines benebelten Gehirns hält sich die Hoffnung, mit ihr einen Neuanfang zu schaffen. Ein weiterer – eher unwillkommener – Gast trifft ein: der jüngere Halbbruder Hugh, der sich den Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg anschließen will. Für zwei der drei Hauptpersonen wird Allerseelen der letzte Tag ihres Lebens sein.

 

Etwa acht Jahre lang schrieb Lowry an diesem Roman, änderte in sechs Versionen Handlung und Erzählperspektiven immer wieder signifikant, maß den Helden neue Anteile und Bedeutungen zu, nahm Anleihen aus der jüdischen Kabbala oder aus dem Mahabarata der Hindus, um ein weltumfassendes poetisches und metaphorisches System zu kreieren (in dem übrigens der Alkohol nicht selten zur psychodelische Droge verklärt wird). Und in dem ihm eigenen hemmungslosen Symbolismus erinnert das immer wieder auftauchende Warnschild „LE GUSTA ESTE JARDÍN ...“ („Gefällt Ihnen dieser Garten, der Ihnen gehört? Verhindern Sie, dass Ihre Kinder ihn zerstören!“) an die Vertreibung der Menschen aus dem Garten Eden.

  

Als im Jahr 1946 nach endlosen Ablehnungen sowohl ein englischer als auch ein amerikanischer Verlag ihr Interesse an „Unter dem Vulkan“ signalisieren, fährt Lowry mit seiner zweiten Ehefrau Margerie, die ihm als Mentorin, Sekretärin und de facto Lebensretterin zur Seite steht, nach Mexiko. Auf den Spuren seiner ersten Reise in dieses, die bereits mit Delirium und Knast geendet hatte, vielleicht auch im Banne seines fiktionalen Saufbruders Firmin, gerät er wieder in die tiefsten Abgründe des Suffs, hysterisch begründete Depressionen und handfeste Schwierigkeiten mit der nicht gerade harmlosen mexikanischen Obrigkeit, die das Ehepaar schließlich ausweist. Die ersten Etappen dieser Reise, als das Paar noch harmoniert, wenn auch bereits auf dünnem Eis, hat Lowry in dem postum erschienenen Romanfragment „Dunkel wie die Gruft, in der mein Freund begraben liegt“ nachgebildet. Sein Alter Ego ist der Schriftsteller Wilderness, dessen Zusammenbruch sich andeutet, als er einen indianischen Freund in Oaxaca besuchen will, dort aber von dessen Tod erfährt. Womit wir bei der zweiten eingangs gestellten Frage wären: Hat Malcolm Lowry im Grunde nur sein eigenes Leben als Roman verkleidet?

 

Einige positivistische Wissenschaftler interpretieren literarische Stoffe ausschließlich aus dem Lebenszusammenhang der Autoren – ein problematischer Ansatz, da er Bewusstseinserweiterung, grenzüberschreitende Kreativität und Empathie weitgehend ignoriert. Bei Malcolm Lowry allerdings scheinen sie zunächst richtig zu liegen. Schon sein erster Roman „Ultramarin“ ist eine kaum getarnte schriftstellerische Aufarbeitung seiner Fahrt als 18-jähriger Schiffsjunge auf einem britischen Frachter – mit all ihren Enttäuschungen, Demütigungen und der Erinnerung an eine erste Liebe. Später heißen die Hauptpersonen zwar Plantagenet, Wilderness oder Llewelyn, doch sie sind alle Lowrys Zwillingsbrüder in Geist und Psyche. Wie er sind sie dem Alkohol verfallen, werden selbst in den seltenen Augenblicken persönlichen Glücks von Ängsten geplagt, folgen kryptischen Theorien und versuchen mit Hilfe ihrer überbordenden Kreativität Meisterwerke zu schaffen. In seinem Opus Magnum „Unter dem Vulkan“ verteilt Lowry eigene Identitätsmerkmale auf zwei Personen: So vertritt der Halbbruder Hugh die Sympathien des Autors für die spanischen Republikaners, während der haltlose, den Untergang heraufbeschwörende Geoffrey dessen dunkle Seite verkörpert.

  

Wenn man den Zeugnissen von Freunden und Kollegen in dem Essay-Band „Spinette der Finsternis / Über Malcolm Lowry“ glauben darf, war dieses Einfließen des realen Daseins in die Fiktion aber keine Einbahnstraße. Was ihm die Phantasie eingab, begann Lowry  in der Realität selbst nachzuvollziehen, sodass er zumindest phasenweise der Romanfigur Geoffrey Firmin im wirklichen Leben immer ähnlicher wurde...

 

Was aber über die rein "biografistische" Rezeption des Autors hinausgeht, ist die Erkenntnis der Wucht und Dichte seiner Sprache, seines ausufernden Gedankenreichtums und seiner Fähigkeit, die menschliche Tragödie in ungezählten Facetten einem sich in etlichen davon wiederfindenden und erschütterten Leser ins Bewusstsein zu hämmern. 

  

Lowry sei ein „Ein-Buch-Autor“ gewesen, ist eine verbreitete Kritikermeinung. Zwar wurde zu seinen Lebzeiten relativ wenig veröffentlicht, doch zählt auch die Novelle „Die letzte Adresse“, in der sich ein ehemaliger Jazz-Musiker freiwillig zur Alkohol-Therapie in eine New Yorker Nervenheilanstalt begibt, zu den großen (und anrührendsten) Texten des 20. Jahrhunderts. Fast zwei Jahrzehnte lang hatte der besessene Perfektionist Lowry die Erzählung immer wieder umgeschrieben. Die Arbeitsweise des Briten war ähnlich chaotisch wie seine Lebensführung: So geriet die Kurzgeschichte „Oktoberfähre nach Gabriola“ zu einem (unvollendeten) Roman von 350 Seiten, so wurde aus einem über 600 Seiten langen Manuskript am Ende die nur gut 50 Seiten umfassende Story „Elefant und Kolosseum“. Letztere ist Bestandteil der Sammlung „Hör uns, o Herr, der Du im Himmel wohnst“, die zwar nach Lowrys Tod erschien, aber weitgehend noch von ihm konzipiert wurde. „Dunkel wie die Gruft...“ und „Oktoberfähre...“ hingegen sind Rekonstruktionen, die seine Witwe Margerie Bonner zusammen mit dem Literatur-Professor Douglas Day von der Universität Virginia aus einem gigantischen Materialien-Wust destillierte. Es sind daher keine Meisterwerke, aber sie vermitteln einen umfassenden Einblick in Lowrys anarchische Schaffenskraft, seine latente Paranoia und eine immense Warmherzigkeit.

 

Der 1909 im englischen New Brighton geborene Malcolm Lowry hatte seine kreativste Phase wohl zwischen 1939 und 1955, als er die meiste Zeit mit Margerie an der westkanadischen Küste nahe Vancouver in einem Holzhaus ohne Strom und fließendes Wasser lebte. Die beiden bauten die Hütte sogar eigenhändig wieder auf, als sie 1945 abbrannte (wobei ein vollendetes Romanmanuskript für immer vernichtet wurde). Lowry, obwohl ständig von Geldsorgen geplagt, hatte in dieser Zeit seinen Alkoholkonsum einigermaßen unter Kontrolle, schwamm jeden Tag im Meer und entwickelte sich zum regelrechten Naturschützer, als die Stadtverwaltung im Namen des Fortschritts die squatters vertreiben und die umliegenden Wälder abholzen wollte.

 

Ab 1955 lebte das Paar in England. Lowry, der immer wieder Rückfälle erlitt und wegen des Zitterns seiner Hände oft nicht einmal mehr seinen Namen schreiben konnte, starb zwei Jahre später an einer Überdosis Schlaftabletten, nachdem er offensichtlich im Suff seine Frau aus dem Haus gejagt hatte. Der Autor eines der intensivsten und aufwühlendsten Romane der modernen Literatur wurde 47 Jahre alt. Nur! sagen die einen; ein Wunder, dass er so alt wurde, sagten andere, die ihn näher kannten.