Louise Erdrich

 

  

Als die spanischen und portugiesischen Konquistadoren Mittel- und Südamerika eroberten, begingen sie unfassbare Verbrechen aus materieller Gier und rassistischer wie katholischer Hybris, aber sie vermischten sich mit den Ureinwohnern, die wir hier nach der falschen kolumbischen Hypothese „Indianer“ nennen wollen. Mit der Zeit arrangierten sie sich sogar nach und nach mit der Geisteswelt der indigenen Völkern. So konnte später eine Literatur entstehen, die indianische Überlieferung und kreolische Kultur vereinte.

  

Als die Angelsachsen Nordamerika kolonisierten, waren die Eingeborenen Hindernisse für die weitere Expansion, und die kalvinistische und lutherische Bigotterie verhinderte für Jahrhunderte Mischehen und Verschmelzung von Kulturen. So gibt es heute in Lateinamerika noch Länder mit indigener Bevölkerungsmehrheit (z. B. Guatemala und Bolivien) und eine von Mestizen geschaffene Hochliteratur (etwa Asturias, García Márquez, Rulfo), während in den USA und Kanada die Reste indianischer Völker zu einem bedeutenden Teil isoliert in Reservaten verkümmern und vergleichsweise wenige Autorinnen und Autoren hervorgebracht haben.

  

Erst seit rund hundert Jahren nahmen USA-Chronisten die Urbevölkerung als kulturell eigenständigen Bevölkerungsteil wahr, heirateten Indianer und Weiße häufiger  untereinander, wurden der „roten“ Minderheit, der zuvor das Land genommen worden war, (vergleichsweise geringe) Rechte eingeräumt. Zwar sehen die WASPS (White Anglo-Saxon Protestants) mehrheitlich in den einstigen Herren des Landes  immer noch alkoholisierte Sozialschmarotzer, unterstellt die Mehrheit in God`s own Country ihnen intellektuelle Passivität und Desinteresse, doch hat sich inzwischen mit Verspätung eine grandiose Indianer- und Mestizen-Literatur entwickelt, deren wichtigste Vertreterin wohl Louise Erdrich ist.

  

Die 1954 als Tochter einer Chippewa-Indianerin und eines Deutschstämmigen geborene Louise Erdrich siedelte die Handlung ihrer Romane überwiegend in den mittelwestlichen Bundesstaaten North Dakota und Minnesota an der kanadischen Grenze an. Die Pionierstädte dort, deren Namen ähnlich wie bei Faulkners Jefferson frei erfunden sind, liegen an den Grenzen einer fiktiven Indianer-Reservation. Das Leben der indigenen Bevölkerung sowie der Métis (französisch für Mestizen), ihre allgegenwärtige Interaktion mit den weißen Nachbarn und die oft blutige Verflechtung von Tätern und Opfern in der Vergangenheit bilden das Hauptthema von Erdrichs Prosa. Nur in „Der Club der singenden Metzger“ lässt sie sich von der anderen Linie der eigenen Abstammung  inspirieren und schildert die „Integration“ eines nach dem Ersten Weltkrieg aus Schwaben in die amerikanische Prärie ausgewanderten Fleischermeisters, der nicht nur mit den Sitten der Yankees, sondern auch mit den Relikten  indianischer Verhaltensnormen konfrontiert wird.

 

Die Romane der 1980er und 90er Jahre beschreiben die Komödien, Tragödien und schuldhaften oder unglücklichen Verwicklungen stets derselben weit verzweigten Chippewa-Familien in der imaginären Reservation oder an deren Rande in North Dakota. Immer wieder geraten Angehörige der Kashpaws, Morrisseys oder Nanapushs mit dem Gesetz in Konflikt, brechen Ehen und gehen abenteuerliche Liebesbeziehungen ein. Da die Szenerie nicht nur von der profanen Realität in den Vorgärten der US-Gesellschaft, sondern auch von Traditionen und Riten, die wider Erwarten überlebt haben, geprägt ist, könnte man auf den Gedanken kommen, Erdrich sei eine typische Sparten- oder Minderheiten-Schriftstellerin, die den Überresten einer Ethnie ein konventionelles literarisches Denkmal setzen möchte. Doch obwohl sie latent den Landraub und die Vertragsbrüche durch die US-Regierung zitiert, wird keine larmoyante und letztlich hilflose Beschwerde geführt, sondern ein üppiges Panorama geschaffen, in dem Slapstick und Drama einander abwechseln und die Indianer nicht vorrangig als unschuldige Opfer und damit unglaubwürdige Helden, sondern als moralisch ambivalente Personen mit teils skurrilen, teils verhängnisvollen Neigungen zu Religiosität, Alkohol oder Glücksspiel porträtiert werden.

  

Die unvorhersehbaren Wendungen in den Plots und die Implementierung einer „superrationalen“ Ebene schrieben Kritiker der Affinität Erdrichs zu spanischen Schelmenromanen und dem Magischen Realismus der Lateinamerikaner zu. Doch hinter dem sprachlichen Feuerwerk schimmert eine bittere Erkenntnis durch: Angekommen in der US-Gesellschaft sind die indigenen Völker noch lange nicht.

 

Die Bücher von Louise Erdrich muss man nicht in chronologischer Reihenfolge lesen. Auch wenn sich in „Spuren“ oder „Liebenszauber“ die Namen erwähnten Familien wiederfinden – zum Verständnis sind für den Leser keine Vorkenntnisse nötig. Eine Ausnahme: Bei „Der Bingo-Palast“ und „Geschichten von brennender Liebe“ sollte diese Reihenfolge eingehalten werden, da ein Handlungsstrang aus ersterem Roman eine Fortsetzung im zweiten erfährt.

  

In den nach der Jahrtausendwende verfassten Romanen wie „Der Klang der Trommel“ oder „Solange du lebst“ erweitert sich der Blickwinkel der Autorin. Die Fakten der Vergangenheit drängen sich, zunächst kaum merklich, in das gegenwärtige Leben der Protagonisten, seien es die Folgen einer historischen Landnahme, der unaufhaltsame Niedergang des Ortes Pluto zur Geisterstadt oder die späte Auswirkung eines Lynchmordes an drei Indianern auf die Existenz mehrerer Familien. Zwar wird die Verantwortlichkeit für die Desaster benannt, doch hat die Zeit zur Vermischung von Verantwortlichen und ursprünglich Schuldlosen geführt, und Verräter gibt es auf beiden Seiten.

 

Im bislang letzten ins Deutsche übersetzten Roman von Louise Erdrich, „Schattenfangen“, fühlt man sich zunächst in ein für die moderne US-Literatur typisches Ehe-Drama à la Richard Yates oder John Updike versetzt. Der Maler Gil und die ewige Doktorandin Irene bilden mit ihren drei intelligenten, sensiblen Kindern die typische Intellektuellen-Familie, in der die obligatorische Sinnkrise eskaliert. Irene will sich scheiden lassen und stellt ihrem Mann, der nicht loslassen kann, eine Falle. Aber beide sind Mestizen, und es ist der kulturelle Nachhall ihrer Abstammung, der ihren Handlungen eine ungeahnte Brisanz und der gegenseitigen emotionalen Abhängigkeit atemlose Aggressivität verleiht. Die Kinder entwickeln ihre eigenen Überlebenstechniken im familiären Sturm, sind aber am Ende einer Katastrophe, deren Darstellung in der US-Literatur an Eindringlichkeit Ihresgleichen sucht, hilflos ausgeliefert.

 

Louise Erdrich, 2012 mit dem National Book Award ausgezeichnet und auch als Lyrikerin erfolgreich, ist nicht nur eine glänzende Stilistin mit überbordender Phantasie, sie erinnert in ihren Romanen auch an das eine oder andere schamhaft (?) verschwiegene Kapitel der nordamerikanischen Siedlungsgeschichte, etwa an den gescheiterten Métis-Aufstand im 19. Jahrhundert, der mit der Hinrichtung des charismatischen Anführers Louis Riel durch die kanadische Obrigkeit endete. Einen Teil ihrer Verlagshonorare und Preisgelder steckt sie in einen unabhängigen Buchladen in Minneapolis, Minnesota, der Bücher in der Ojibwe-Sprache publiziert: Literatur gegen das Vergessen.