Kazuo Ishiguro


(Das Porträt von Kazuo Ishiguro wurde erstmals 2012 in dieser Rubrik veröffentlicht und jetzt aus dem Archiv "zurückgeholt". Der englische Autor erhielt soeben den Nobelpreis für Literatur 2017. Der großartige letzte Roman "Der begrabene Riese" konnte damals nicht berücksichtigt werden, da er erst vor zwei Jahren erschien.) 

 

Es ist schwer zu begreifen, warum der japanisch-britische Autor Kazuo Ishiguro in aller Welt hohe Auflagen erreicht und bedeutende Literaturpreise gewinnt, warum seine Romane erfolgreich verfilmt werden und doch in den Buchläden hierzulande meist nach kurzer Zeit auf den Ramschborden für „Mängelexemplare“ landen. Ist es der unprätentiöse, ruhige Stil abseits gängiger Effekthascherei oder werden die deutschen Leser durch seine Art, die Ich-Erzähler erst nach einer Odyssee durch falsche Vorstellungen und bittere Realität zu einer Teilerkenntnis und der Frage nach der persönlichen Verantwortung zu führen, überfordert?

 

 Es scheint, als seien in Ishiguros Werk die Charakteristika zweier Kulturen eingeflossen: das akribische japanische Gefühl für Form und Dezenz und der britische Hang zu lakonischer, vordergründig kühler Prosa. Die Protagonisten seiner Romane ahnen nichts vom Fortgang der Handlung, sie werden von den Entwicklungen überrascht wie der Leser, nur dass dieser auf seinem distanzierten Logenplatz bald die Zusammenhänge, die Fehler und Versäumnisse genauer erkennt als die Akteure, deren Passivität und Ignoranz ihm manchmal den Wunsch, eingreifen und erklären zu können, aufdrängen. Ishiguro ist ein stiller Erzähler, emotionale Ausbrüche unterbleiben, seine Hauptpersonen begreifen häufig die Beweggründe der anderen nicht, scheinen sich wehrlos ihrem Schicksal oder ihrem einer Manie gleichenden Pflichtgefühl zu ergeben.

  

Die ersten beiden Romane des 1954 in Japan geborenen Autors, der im Alter von fünf Jahren mit seinen Eltern nach London übersiedelte, „Der Maler der fließenden Welt“ und „Damals in Nagasaki“ spielen in der Umgebung seiner frühen Kindheit und thematisieren die traumatischen Verwüstungen in einer geschlagenen Nation. Aber bereits früh wirft Ishiguro die Frage nach Schuld und Selbsttäuschung auf, die sein ganzes Werk durchziehen wird. So flüchtet sich ein einflussreicher Künstler, der dem militaristischen Tenno-Regime loyal als feinsinniges Feigenblatt gedient hat, nach dem verlorenen Krieg vor Anschuldigungen ehemaliger Schüler und eigenem Schuldbewusstsein in banale Rechtfertigungsmodelle– die Ähnlichkeiten mit dem Verhalten deutscher Schauspieler oder Schriftsteller nach dem Untergang der Nazi-Diktatur sind nicht zufällig.

 

Seinen wohl immer noch berühmtesten Roman „Was vom Tage übrigblieb“, für den er den Booker-Preis, die wichtigste britische Auszeichnung für Literaten, erhielt und der mit Anthony Hopkins und Emma Thompson in den Hauptrollen verfilmt wurde, schrieb Ishiguro 1989. Der Butler Stevens wird von seinem Dienstherrn mit dessen Wagen auf eine „Vergnügungsreise“ durch südenglische Landschaften geschickt. Auf der Fahrt durch die Provinz spielt sich sein Leben noch einmal im Kopf ab, doch er erinnert sich nur in anekdotischer Form an die wichtigen Szenen und Umstände, er reflektiert sie nicht. Der Leser wird zum Zeugen eines nur durch Konvention, Etikette und einer jedes eigene Bedürfnis leugnenden Contenance bestimmten Daseins. Stevens opfert seinem Beruf und der Vorstellung von der ihm zugewiesenen Rolle jegliche individuelle Regung. Er ist in erster Linie Butler, nicht Mensch. So verdrängt er, dass sein früherer Arbeitgeber aus dem Hochadel mit den Nazis paktierte, so entschuldigt er die miserable Behandlung seines Vaters, wie er Butler, durch die noble Gesellschaft, und so verliert er die einzige Liebe seines Lebens. Erst jetzt, in vorgerücktem Alter, weht ihn eine Ahnung von Realität an, aber es wird zu spät zum Lernen sein.

 

„Die Ungetrösteten“ ist ein kafkaeskes Gemälde, in dem sich zeitliche und räumliche Dimensionen ständig verschieben. Ein gefeierter Pianist kehrt in seine Heimatstadt zurück, doch das Verhalten der Menschen dort gibt ihm ein Rätsel nach dem anderen auf. Nur langsam wird klar, dass der berühmte Künstler einst Menschen verletzt oder im Stich gelassen hat, dass er den eigenen „Leichen im Keller“ nicht entkommen kann. „Als wir Waisen waren“ ist ein skurriler Plot vor dem Hintergrund der japanischen Invasion Chinas. Der englische Privatdetektiv Christopher Banks, mit ähnlichem kriminalistischen Scharfsinn begabt wie einst Sherlock Holmes, ansonsten aber reichlich weltfremd, gerät auf der Suche nach seinen verschwundenen Eltern, die offenbar in dunkle Geschäfte verwickelt waren, in das von Okkupationstruppen belagerte Shanghai. Der Verfolgung seines Ziels opfert er sämtliche menschlichen Regungen: Liebesgefühle, Skrupel und Empathie. Von ihm im Stich gelassene Menschen säumen den Weg seiner Recherche, deren Ergebnis den fanatischen Aufwand nicht rechtfertigt, wie sich zeigen wird.

 

Ishiguros bislang letzter Roman „Alles, was wir geben mussten“ zeichnet das erschütternde Bild einer Parallelwelt im England der 1970-er Jahre. Für diese Zeit scheinbar typische Jugendliche leben in einem ländlichen Internat, unterhalten sich über ihre Zukunftsträume, hören Musik oder beginnen erste Flirts – genau wie man sich die damaligen Teen-Existenzen vorstellt. Doch allmählich merkt der Leser, dass etwas nicht stimmt, dass hinter der idyllischen Szenerie eine beunruhigende Wirklichkeit lauert. Bei den naiven jungen Menschen handelt es sich um Klone, um menschliche Ersatzteillager. Je mehr sie sich der Wahrheit bewusst werden, und je intensiver der Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben wird, desto auswegloser stellt sich ihre Zukunft dar. Trotz des spärlich ausgeleuchteten utopischen Ansatzes ist der Roman nicht ins SF-Genre einzuordnen. Man könnte ihn als Warnung lesen, wie weit eine auf Funktionalität, Erfolg und materielle Leistung fixierte Gesellschaft zu gehen bereit ist, um ihren Eliten ein problemfreies, normiertes Umfeld zu schaffen. Nebenher werden wohl auch die Möglichkeiten und vor allem Grenzen der Reproduktionsmedizin einer kritischen Betrachtung unterzogen.

 

Kazuo Ishiguro ist von der Thematik und der feinen, differenzierten Sprache, die das Elend erst nach und nach einsickern lässt, ein behutsamer Schriftsteller, dessen Bücher oft melancholische Charaktere und tieftraurige Begebenheiten zum Sujet haben. In seine Erzählungssammlung „Bei Anbruch der Nacht“ (der schönere Originaltitel: Nocturnes – Five Stories of Music and Nightfall) bringt er ein, zwei Slapstick-Momente ein, die nicht so ganz zu seinem gedämpften Tenor passen wollen. Aber auch diese Geschichten haben – mit speziellen Songs oder Musikererlebnissen als Bezugspunkten – das Scheitern menschlicher Beziehungen aufgrund von Sprachlosigkeit, Angst oder Unverständnis zum Thema.

  

In der zeitgenössischen angelsächsischen Literatur ist Kazuo Ishiguro eine leise Stimme. Liest man sein Werk aber mit dem Respekt, den er seinen Figuren zollt, ist sie eine der durchdringendsten und nachdenklichsten in unserer Zeit.