Juan Rulfo

 

Mexikanischer Totentanz

 

 

Er erlebte früh Gewalt und materiellen Mangel, wie sie das nach-revolutionäre Mexiko prägten, hautnah mit. Sein Vater wurde ermordet, nach dem Tod der verarmten Mutter kam er in ein Waisenhaus; den von Großgrundbesitzern im Westen des Landes angezettelten Cristero-Aufstand frommer Kleinbauern gegen die laizistische Regierung mit Zehntausenden von Toten als Folge (1926 – 1929), den er in der späteren Kindheit als Zeitzeuge mitbekam, verarbeitete er zur historischen Kulisse seines literarischen Werkes.

 

Als Juan Rulfo 1986 starb, hinterließ er, von zwei Drehbüchern und einigen frühen Erzählungen abgesehen, nur zwei Prosa-Bände, die zusammen in deutscher Übersetzung auf knapp 270 Druckseiten kommen. Und doch gilt der Mann, der sich in Mexiko-Stadt als Regierungsangestellter und Auto-Verkäufer durchschlug und in den letzten Lebensjahrzehnten im Instituto Indigenista für die indianische Urbevölkerung arbeitete, als einer der bedeutendsten Autoren Lateinamerikas. Man könnte sagen, gemeinsam mit Miguel Angel Asturias aus Guatemala („Die Maismenschen“) stieß er durch den 1955 veröffentlichten Kurz-Roman „Pedro Páramo“ das Tor zum Magischen Realismus weit auf, jener Literatur-Richtung, in der die Abbildung einer brachialen und kärglichen Wirklichkeit mit der metaphorischen Schilderung der Vergangenheit, der indigenen Traditionen und einer phantastischen Parallel-Welt verschmilzt. Schriftsteller wie García Márquez („Er hat mir den Weg gezeigt, den meine Büchern fortsetzten.“) beriefen sich später ausdrücklich auf ihren Vordenker Rulfo.

 

Doch wo andere Autoren des Subkontinents die Üppigkeit der tropischen Vegetation beschworen, eine farbenfrohe Umwelt, die auf der Meta-Ebene von zügellos und ambivalent agierenden Menschen und Phantomen gespiegelt wird, beschrieb der Mexikaner die karge, dürre Landschaft der Llanos, der rauen Hochflächen in den westlichen Bundesstaaten Colima oder Jalisco, Steppen, deren harte Gräser zu Staub verglüht sind und deren Bewohnern die Hoffnung von der Sonne ausgebrannt oder vom ewigen Wind weggefegt wurde, campesinos, die sich an nichts erinnern außer Not und jäh aufflackernder Grausamkeit.

 

Schon die 1953 erschienene Erzählungssammlung „Der Llano in Flammen“ zeichnet die Elendsregion mit derart überdeutlichen, irisierenden Strichen, dass der Leser eine weitere Bewusstseinssphäre erahnt, obgleich der Autor das sich fast zwangsläufig entfaltende Geschehen und die Empfindungen der Protagonisten, den Schrecken, die Angst,die Verzweiflung, scheinbar teilnahmslos in lakonischer Sprache skizziert. Allgegenwärtig und verlässlich ist allein der Tod – kein Wunder in einem Land, das la muerte als „normale“ Gegebenheit hinnimmt und jedes Jahr Anfang November sogar mit Feuerwerk feiert. Mord undTotschlag geschehen beiläufig,  in Notwehr, aus Rache, im Suff; in einem solchen Land zählen Menschenleben nicht viel, aber seine Bewohner wären keine Menschen, wenn sie nicht an diesem mühseligen Leben hingen, trotz permanenter Rückschläge. So zwingt die Hölle der Armut ein Mädchen in die Prostitution, weil ihre Milchkuh, die einzige Mitgift, im Fluss ertrunken ist. Gerechtigkeit sucht man meist vergebens und kommt es doch einmal zu einem Versuch ihrer Wiederherstellung, dann ist sie zur sinnentleerten Farce verkommen: etwa, wenn ein alter Mann für eine vor 35 Jahren im Affekt begangene Tötung vor das Erschießungskommando gestellt wird; oder, wenn sich das Land, das die Regierung besitzlosen Tagelöhnern zur Verfügung stellt, als Wüste erweist.

 

Überhaupt rechnet JuanRulfo rigoros mit den Testament-Vollstreckern der Mexikanischen Revolution ab,in deren Verlauf und Anschluss so große Hoffnungen in so viel Blut ersticktwurden. Soldaten sind in ihrer Grausamkeit von Banditen nicht zu unterscheiden,und nach einem Erdbeben reist der Gouverneur an, um Hilfe zu versprechen,schlägt sich aber zunächst einmal den Magen auf Kosten der armen Dörfler voll. Schon„Der Llano in Flammen“ ist ein in seinem suggestivem Sprachduktus äußerstbeklemmendes, gleichzeitig aber die Phantasie des Lesers mobilisierendes,transzendentes Meisterwerk. Mit „Pedro Páramo“ aber sollte Rulfo zwei Jahrespäter die Grenzen herkömmlicher Literatur weit hinter sich lassen.

 

Um den Wunsch seiner sterbenden Mutter zu erfüllen, sucht ein junger Mann ihren Geburtsort Comala auf, doch er kommt in ein verlassenes Dorf,  in dem nur die Toten noch zu ihm sprechen. Nach und nach verstrickt er sich in ein Gespinst aus fremden Erinnerungen, dem er nicht mehr entkommen wird. Er erfährt von tragischer Liebe, Verbrechen, Inzest und unerfüllbarem Verlangen aus dem Mund der einstigen Bewohner Comalas, deren Leben nach dem Tod in seiner Armseligkeit dem vor dem Exitus gleicht – sie werden auch jetzt unerlöst bleiben. Über allem aber liegt der übermächtige Schatten des Großgrundbesitzers Pedro Páramo, der seine Konkurrenten betrügt, die Frauen schwängert und ihre Männer töten lässt, der während der Revolution die verschiedenen Milizen gegeneinander ausspielt und sich Killer, Richter oder Pfarrer nach Belieben kauft. Als Susana, die einzige – unerwiderte – Liebe seines Lebens, stirbt, reißt er das Dorf mit sich in den Untergang.

 

Rulfo variiert ständig die Erzähl-Perspektiven und Zeitebenen. In einer teils harten, teils beinahe lyrischen Diktion gibt er die widersprüchlichen Empfindungen und Mutmaßungen der Menschen (Toten) wieder, schafft er eine opake Atmosphäre, deren Intensität in der Weltliteratur Ihresgleichen sucht. Der künstlerische Anspruch, das „Universum in einer Nussschale“ darzustellen, wird hier ähnlich intensiv angegangen wie im „Ulysses“ von James Joyce, in den Werken Faulkners oder im Don Quijote. Nach der Lektüre des schmalen Romans „Pedro Páramo“ fühlt man sich, als habe man gerade das umfangreiche Epos eines Landes oder einer Epoche hinter sich. Es verwundert nicht, dass Gabriel García Márquez seinen Phantasie-Ort Macondo in „Hundert Jahre Einsamkeit“ mit einigen Attributen ausstattete, die dem fiktiven mexikanischen Weiler Comala entlehnt zu sein scheinen. Möglicherweise wurde der Kolumbianer von Rulfo überhaupt erst dazu inspiriert, Geschichte und Desaster eines Dorfes zur Parabel für das Schicksal eines Landes, ja eines Kontinents zu machen.

 

 

 

11/2013