Graham Greene

 

Copyright: Paul Zolnay Verlag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kaum ein Autor des 20. Jahrhunderts wurde von Kollegen, Lesern und Kritik so kontrovers eingeschätzt wie der Engländer Graham Greene. Zu den Gegnern des Großneffen von R. L. Stevenson („Dr. Jekyll und Mr. Hyde“) gehörten die Juroren des Stockholmer Akademie, die ihn mehrere Jahrzehnte lang ignorierte, obwohl er der am häufigsten nominierte Autor in der Geschichte des Literatur-Nobelpreises war, zu den Feinden die US-Geheimdienste, die ihn seit den 50-er Jahren bis zu seinem Tod 1991 bespitzelten, sowie die Diktatoren François „Papa Doc“ Duvalier (Haiti)und Alfredo Stroessner (Paraguay), die sich in seinen Romanen als die Bluthunde, die sie tatsächlich waren, wiederfanden.

 

Greene war ein Mensch der permanenten Widersprüche und (scheinbaren?) Gegensätze. Mit 22 Jahren konvertierte er zum Katholizismus, wobei sein Gottesbegriff leicht nihilistische Züge aufwies. „Ich musste eine Religion finden, um meine Bösartigkeit daran zu messen“, erklärte er einmal. In Romanen wie „Die Kraft und die Herrlichkeit“ oder „Ein ausgebrannter Fall“  thematisierte er die Frage von Schuld und Verantwortung sowie der persönlichen Erlösung in einer maroden Welt, die von ihrem ignoranten Schöpfer verlassen wurde, wobei die Atheisten in seinem Personal oft die sympathischeren Figuren abgaben. Auch dies dürfte dazu geführt haben, dass der Vatikan einige der Werke auf den Index der verbotenen Bücher setzte.

 

Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete Greene als Agent für den britischen Secret Service in Westafrika (ähnliche Tätigkeiten soll er auch später noch übernommen haben). Seine dort erworbenen Insider-Kenntnisse sowie seine sarkastische Rezeption von Geheimdiplomatie und Rüstungsspionage verarbeitete er unter anderem in der brillanten Schlapphut-Farce „Unser Mann in Havanna“.

 

In den frühen 30-er Jahren hatte Greene mit der englischen KP geflirtet, sich dann später vom Stalinismus abgewandt, um mit zunehmendem Alter in seinen Romanen immer kritischere Positionen zum Neo-Kolonialismus des Westens einzunehmen. Die düstere Hemisphäre, in der seine Protagonisten, charakterlose Opportunisten, Feiglinge, die plötzlich (vergeblich) Mut zeigen, oder kleine Ganoven, die unversehens in die Rolle von Helden wider Willen schlüpfen, von einer Niederlage zur anderen stolpern, haben Literaturkritiker „Greeneland“ getauft. Auf den Autor selbst trifft die Definition von Ambrose Bierce im „Wörterbuch des Teufels“ zu, der Zyniker sei ein Mensch, der die Welt so sehe, wie sie sei, und nicht, wie sie sein sollte.

 

Wie eine Bombe schlug 1955 der Roman „Der stille Amerikaner“ des damals bereits weltberühmten Autors ein – weniger in der literarischen Welt als vielmehr in den Zentren westlicher Machtpolitik. Ein Jahr nach der Niederlage von Dien Bien Phou und dem daraus resultierenden Abzug der französischen Kolonialtruppen  aus Vietnam geschrieben, erzählt der Roman von der Begegnung des abgehalfterten englischen Kriegskorrespondenten Fowler mit dem jungen sympathischen Amerikaner Pyle in Saigon kurz vor dem Exodus. Wie immer bei Greene sind die Dinge nicht so, wie sie scheinen. Pyle gehört zur klandestinen Vorhut der späteren US-Invasoren und versucht, durch Terrorakte das Debakel der störenden Franzosen zu beschleunigen. Als er Fowler nebenher auch noch die Konkubine ausspannt, wird dieser zum Verräter mit pseudo-moralischer Rechtfertigung. Greene hatte das fatale und lethale US-Engagement in Indochina mit solcher Klarheit vorausgesehen, dass er fortan auf Anweisung der Administration in Washington beschattet wurde. Als er sich auch noch mit Fidel Castro und Omar Torrijos, dem progressiven Präsidenten Panamas, der 1981 durch einen (von der CIA fingierten?) Flugzeugabsturz ums Leben kam, anfreundete, durfte er nicht mehr in die USA einreisen, da er mit „Feinden Amerikas“ paktiere.

 

Wie Joseph Conrad („Herz der Finsternis“), der die Tropen als dramatischen Schauplatz der Weltliteratur entdeckt hatte, verlagerte sich auch Greenes Werk mit zunehmendem Alter mehr und mehr vom nebligen England in die Regionen der exotischen Schönheit, des allgegenwärtigen Elends und der nackten Gewalt. Und wie Conrad, der ihn vielleicht neben Eliot und Malraux am meisten beeinflusst hatte, sah er die Szenerie mit den Augen des weißen Mannes, aber anders als sein Vorgänger sah er vor allem die Schuld und Unzulänglichkeiten der selbsternannten Pioniere einer dort unbrauchbaren Zivilisation. In den Afrika-Romanen „Das Herz aller Dinge“ und „Ein ausgebrannter Fall“ transferieren die europäischen Helden ihre Sinnkrise in eine ihnen unzugängliche Landschaft und Gesellschaft ersticken letztendlich an lächerlichen Missverständnissen.

 

Zweimal geriet die Diktatur des deutschstämmigen Caudillo Stroessner in den Fokus seiner kritischen Epik: Die Tragikomödie „Die Reisen mit meiner Tante“ entlarvt den Terrorstaat Paraguay als ein korruptes Operettenszenario, in dem echtes Blut fließt; in „Der Honorarkonsul“ entführen im Nachbarstaat Argentinien Stroessner-Gegner versehentlich den britischen Provinz-Repräsentanten Charley Fortnum, ein versoffenes Wrack, das, im Stich gelassen von seinen Vorgesetzten und betrogen von seiner Frau, allein eines jener Massaker überlebt, wie es lateinamerikanische Sicherheitskräfte zu jener Zeit anzurichten pflegten.

 

Den Höhepunkt als Autor erreichte Greene meines Erachtens 1966 mit dem zugleich bizarren und tieftraurigen Roman „Die Stunde der Komödianten“. Der indifferente Ich-Erzähler Brown, der sich als Hotelier versucht, der naive Amerikaner Smith, aussichtsloser US-Präsidentschaftskandidat einer Splittergruppe, und der unbedeutende Hochstapler Jones kommen ins Alptraum-Haiti von Papa Doc Duvalier, dessen gespenstische Killertruppe, die Tontons Macoute, die bettelarme Bevölkerung ausplündert. Während Brown die Situation durchschaut und fatalistisch kommentiert, sieht der gutwillige Möchtegern-Politiker aus den USA zwar die Katastrophe, begreift aber nichts. Eine unerwartete Entwicklung durchläuft derweil der kleine Gauner Jones, der sich zum Märtyrer einer aussichtslosen Rebellion aufschwingt. Gekontert wird das Bild dieses seltsamen Triumvirats der „Komödianten“ durch die Figur des schwarzen Marxisten Doctor Magiot, der als einziger verantwortlich, wenn auch ohne Hoffnung handelt, und in auswegloser Lage auf seine Mörder wartet.

 

Aus Greenes Spätwerk ragt der wieder im britischen Geheimdienst-Milieu angesiedelte Roman „Der menschliche Faktor“ als bitteres Exempel für Machtspiele, in deren Verlauf erklärte Demokraten zu der südafrikanischen Apartheid, gewissenhafte englische Agenten zu Sowjet-Überläufern mutieren und Individuen bedenkenlos geopfert werden, heraus. „Monsignore Quijote“ ist eine milde und gleichzeitig ironische Parabel für die Allianz einer Armenkirche mit undogmatischen Linken im Kampf gegen hemmungslose Kommerzialisierung und Relikte der Franco-Diktatur in Spanien. „Ein Mann mit vielen Namen“, der letzte Roman des damals 83-jährigen, hingegen belegt, dass die stilistische Sicherheit und die messerscharfe Beobachtungsgabe des Autors im Alter gelitten haben; zu verschachtelt, schwer nachvollziehbar und unwahrscheinlich wirkt die Handlung.

 

Langeweile, die er zeit seines Lebens gespürt und die er durch Alkohol und Reisen zu bekämpfen versucht habe, sei auch die Antriebskraft für sein Schreiben gewesen, erklärte Graham Greene in seinen Memoiren. Walter Leonhardt, der den Autor persönlich kannte, charakterisiert ihn als „Einzelgänger“ ohne Lobby, der sich von der Literaturwissenschaft schwer einordnen ließ, als Mann zwischen allen Stühlen, den einen „zu unmoralisch und ketzerisch“, den anderen, vor allem den Kritikern, „zu unterhaltend“.

 

In der Tat ist die relativ geringe Wertschätzung des Autors durch die Feuilletons (im Gegensatz zu seinem Ruf bei Kollegen wie Faulkner, der „Ende einer Affäre“ als einen der großen Romane bezeichnete) wohl durch die breite Streuung der Themen, die verständliche Sprache und die Untiefen des Frühwerks bedingt. In den 30-er Jahren begann Greene mit gehobenen Kriminal- oder Spionage-Romanen wie „Das Attentat“ oder „Jagd im Nebel“, die sprachliches Können, aber keine weitergehenden Ambitionen verrieten. Erst mit „Brighton Rock“ (deutscher Titel: „Am Abgrund des Lebens“) stieß er in neue Dimensionen vor. Der junge Gangster Pinky, der kurz vor seinem Ende den einzigen Menschen, der ihm Gefühl entgegengebracht hat, auf die abscheulichste Weise verletzt, ist eine archetypische Inkarnation emotionaler Verwahrlosung und daraus resultierender finaler Bosheit.

 

Graham Greene war nie ein Neuerer der Sprache wie James Joyce, er schuf keinen in sich schlüssigen Mikrokosmos wie Faulkner, aber er wusste viel über die reale Welt und arbeitete es in lakonischem Stil und mit meisterhaften Dialogen in seine durchaus spannenden Geschichten ein. Die Großkritiker mögen seine Plots als zu wenig verrätselt empfunden haben, doch gelang es ihm, den Lesern ein höchst kompliziertes und problematisches Geschehen dramatisch  zu vermitteln. Mancher von ihnen erahnte erstmals die Dimensionen jenseits einer raffiniert-schlichten Handlung und karger Beschreibungen, und dies ist ein signifikantes Merkmal für Weltliteratur. Greeneland war eben die Erde mit all ihren Kontinenten und den verhängnisvollen Verwicklungen auf und zwischen ihnen – zu umfassend und zu wirklichkeitsnah für elitäre Formalisten. Die durch die kosmopolitische Erfahrung gewonnene Analyse des Zeitgeschehens  ermöglichte es Greene zudem, politische Entwicklungen wie in Vietnam oder in Afrika zu verdeutlichen oder sogar vorherzusagen (was natürlich kein künstlerisches Kriterium ist).

 

Seltsamerweise ist Graham Greene heute eher im Kino präsent als in den Buchläden. Viele seiner Romane wurden für die Leinwand adaptiert, etliche mit großem Erfolg. Und so skeptisch man auch Literaturverfilmungen gegenüber sein sollte, in einem Fall übertrifft die optische Version das Schriftwerk, wie Greene selbst freimütig bekannte: Er selbst habe dem Roman „Der dritte Mann“ über Penicillin-Verschiebung im zerstörten, in Sektoren aufgeteilten Wien ein unglaubwürdiges Happy End verpasst, weil die Leute in der Nachkriegszeit ohnehin zu viel Negatives erlebt hätten. Regisseur Carol Reed aber bestand zu Recht auf einem deprimierenden (und logischeren) Ausgang, was auf dem Wiener Zentralfriedhof zu einer der berühmtesten Kamera-Totalen der Filmgeschichte führte.

 

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