Georges Simenon


Er schrieb wie ein Besessener: Krimis, Erzählungen, Artikel, Groschenromane, und er fabrizierte zeitweise Literatur von einer Qualität, die selbst berühmteste Kollegen neidlos anerkannten: Der 1903 in Lüttich geborene Georges Simenon, einer der meistgelesenen Autoren des 20. Jahrhunderts, war ein Ruheloser, im Leben wie im Schaffen, ein Autodidakt, dessen Werdegang aufzeigt, was aus einem Trivial-Schriftsteller so alles werden kann.


Ein Getriebener als Beobachter


Nicht das unstete, wenn auch nicht unbedingt sensationelle Leben, das Simenon führte, auch nicht die ungeheure Produktivität und der weltweite Erfolg als Romancier, Storyteller und Journalist oder das Bild, das er mit einer gewissen Hybris von sich selbst verbreitete, begründeten den literarischen Ruf des Belgiers, es war vielmehr die konsequente Entwicklung vom Schundschreiber zum genauen Beobachter des menschlichen Mikrokosmos mit all seinen Auswüchsen, Krankheitssymptomen und Verfehlungen, es war die zurückhaltende Beschreibung, mit der er als Chronist der individuellen Niederlagen Verständnis und Empathie beim Leser weckte, ohne irgendwelche Erklärungsversuche zu unternehmen. Und es soll hier auch nicht um die 75 Kriminalromane mit dem skeptischen, in sich ruhenden Pariser Kommissar als Titelfigur gehen, sondern vielmehr um die romans durs (die harten Romane), wie Simenon selbst sie nannte, um die Non-Maigrets, Dramen, in denen Zufälle, Verbrechen und Planungen im Grund zweitrangig sind angesichts der Selbstzerfleischung, der Qualen von Tätern und Opfern gleichermaßen.


Simenon startete nicht gerade wie ein Nobelpreis-Anwärter: Unter Pseudonym schrieb er mehr als 1000 Kurzgeschichten und fast 200 Groschenromane, ehe er Ende der 1920er Jahre mit den ersten Maigret-Bänden zu seinem kargen Stil und der atmosphärisch dichten Beschreibung des Pariser Milieus fand. Auch als Journalist fiel er zunächst eher durch einige antisemitische Beiträge für ein erzkatholisches Blatt auf, von denen er sich später distanzierte. Gerade jüdische Leser hielten diese Reue für glaubwürdig, zeichnete er doch in mehreren Büchern sehr differenzierte und einfühlsame Porträts von Angehörigen ihrer Glaubensgemeinschaft. Zunächst war jedenfalls noch nicht abzusehen, dass er später auch einige Glanzlichter als Reporter und Interviewer setzen sollte, etwa als er in Istanbul ein intensives Gespräch mit dem aus Stalins Sowjetstaat geflüchteten Revolutionär Trotzki führte.

 


Mit dem durch die Maigret-Romane begründeten Ruhm mochte sich Simenon nicht zufriedengeben, er hatte „ernsthafte“ Literatur im Blick. Und trotz aller Unwägbarkeiten, das Liebesleben und die Ansässigkeit betreffend, ging er in seinem restlichen Leben dieses Vorhaben mit geradezu generalstabsmäßiger Präzision an. Ab seinem dreißigsten Geburtstag wolle er richtige Romane schreiben, hatte er etliche Jahre zuvor angekündigt, und schon mit neunundzwanzig begann er damit.


Von der Massenware zum modernen Roman


Während er seinen Wohnsitz insgesamt 33 Mal wechselte, weder in Belgien, Frankreich noch in Kanada heimisch werden konnte, die USA nicht zuletzt wegen der Kommunistenhatz in der McCarthy-Ära verließ und erst im Alter sesshaft in der Schweiz wurde, wo er 1989 starb, während seine Ehen sich bisweilen zu menages à trois entwickelten und er prahlte, mit mehr als tausend Frauen geschlafen zu haben, ruhte der Autor der romans durs bei der Arbeit in sich selbst, entwickelte die Leidensgeschichten seiner Hauptfiguren mit viel Geduld und ließ diese Geängstigten und Besessenen meist in einem Sog ungünstiger Umstände, einer Zwangsläufigkeit des Unglücks scheitern, resignieren oder sogar physisch untergehen. Man mag Simenon einen Pessimisten nennen, doch es könnte auch sein, dass er die comedie humaine von Balzac, der die oft tragischen Geschicke seiner Helden dazu nutzte, die französische Gesellschaft und die Finanzwelt zu entlarven, mit der Tragödie der im Gefängnis der eigenen Psyche Sitzenden, der an den Mauern kleinbürgerlicher Konvention Verzweifelnden, konterkarieren wollte.


Was Georges Simenon in fast hundert Romanen schuf, war moderne Literatur, beschränkt auf das Wesentliche, ohne auktoriale Kommentierung und ohne Manierismen. Schon früh hatte ihm die berühmte Autorin und Redakteurin Colette in Paris geraten, auf alles „Literarische“ zu verzichten, und so entstand unprätentiöse, konzentrierte Prosa, die genau wegen ihrer (scheinbaren) Kunstlosigkeit den Verstand anspricht und manchmal sogar zu Herzen geht. Eine Reihe von 50 dieser harten Romane hat der Diogenes-Verlag in deutscher Sprache veröffentlicht, allerdings sind sie im Augenblick fast alle vergriffen.

      

Die Hölle in uns


Auch in den „Non-Maigrets“ geht es häufig um ein Verbrechen, die dazu führenden Umstände oder die Ruhelosigkeit danach, dennoch sind diese Romane keine Krimis. Man kennt den Täter, ahnt seine Entlarvung und die letztendliche Jagd auf ihn im Voraus. Das eigentliche Sujet Simenons sind die Fragen, wie und wodurch ein Mensch zum Delikt oder Versagen getrieben wird und wann die Normalität eines ereignislosen Lebens durch das verstörende Erleben eines Bruchs in der (angenommenen) Wirklichkeit verloren geht. Der Autor wollte nach eigener Aussage „den nackten Menschen“ hinter allen Masken zeigen.

  

Simenons Mörder und Totschläger sind meist keine Gangster oder Berufskiller, sondern kleine Angestellte, Bauern, Ladenbesitzer oder mittelständische Fabrikherren, und zu denen, die sich aufgrund einer Obsession oder einer Demütigung, aus Eifersucht oder Einsamkeit selbst zugrunderichten, gehören Bürgermeister, Ärzte, Varieté-Künstler, junge Frauen, in der Mehrzahl Menschen, die ihre Position oder wenigstens ihre Rolle in der Gesellschaft gefunden zu haben scheinen, einigermaßen anerkannt in ihrem Umfeld sind, und doch bis zum Eintritt der Katastrophe im Stillen leiden. Und wenn einmal professionelle Ganoven als Hauptakteure auftreten, dann handelt es sich um kleine Gauner, denen die Tat eine Nummer zu groß geraten ist, die bald durch Angst und Ungeschicklichkeit alle Verdächte auf sich ziehen.


Simenon interpretiert nicht, er berichtet nur präzise und äußerst sparsam. Das eigene Nomadendasein kam offenbar seinem scharfen Blick auf die verschiedenen Städte und Landschaften zugute, deren klimatische Charakteristiken und Bewohner mit ihren lokalen Eigenheiten, vom grauen Regen des Nordens bis zur grellen Hitze der Mittelmeerküste, von der Sturheit oder der Perfidie der Einheimischen bis zur Pedanterie der Provinz, die Gemütslage seiner Protagonisten prägen oder sie manchmal bedrohlich einfärben. Ob das Geschehen in den Marschen Flanderns oder auf dem flachen Land der Normandie angesiedelt ist, im diffusen Moloch Paris oder im provinziellen La Rochelle, ja selbst im beschaulichen New England der amerikanischen Ostküste – mit wenigen Worten und spärlichen Beschreibungen skizziert Simenon die Handlungsorte und die dort vorherrschenden Stimmungen so anschaulich und überzeugend, als habe er nie woanders gelebt. Am Rande festzuhalten bleibt nur, dass es in seinen Romanen ziemlich häufig regnet.


Einige der Romane („Die Marie vom Hafen“, „Tante Jeanne“) steuern sogar auf so etwas Ähnliches wie ein Happy End zu, wenige spielen in exotischen Ländern, wobei „Tropenkoller“ von Simenon, der ansonsten kaum Politik oder offene Systemkritik in die Handlungen einfließen ließ, zu einer Abrechnung mit der französischen Kolonialgesellschaft genutzt wurde. Ansonsten bleiben die Protagonisten in ihrer inneren Hölle gefangen, wie sehr sie sich auch danach sehnen, ihr zu entkommen. Es sind psychologische Romane, in denen nicht psychologisiert wird. Das stellenweise absurde, oft zwanghafte Verhalten der Figuren, ihre Abhängigkeit von und ihre Furcht vor einer mitleidlosen Umgebung treiben sie in Krisen, deren existenzielle Bedrohlichkeit sich der Leser selbst herleiten und erklären muss. Neben Gelegenheitsmonstern („Die Phantome des Hutmachers“), Zufallsmördern („Der Mann, der den Zügen nachsah“) und Menschen, die sich plötzlich ihres verfehlten Lebens bewusst werden („Die Ferien des Monsieur Hire“), schuf Simenon auch anrührende Bilder von „Titelhelden“, die unschuldig in den Malstrom des öffentlichen Kleinstadtklatsches geraten oder mit der schrecklichen Demontage ihres gleichförmigen Lebens fertigwerden müssen ("Der Buchhändler von Archangelsk").


Stilistisch wurde Georges Simenon von seinen russischen Lieblingsautoren (allen voran Gogol), deren bisweilen leicht klaustrophobische Atmosphäre und psychologisierende Menschenzeichnung er für eine modernere Welt mit "neuen" Obsessionen modifizierte, und dem englischen Meister des epischen Understatements, Joseph Conrad, angeregt. Drei Jahrzehnte lang arbeitete Simenon an den romans durs, wobei er ab 1942 zwischendurch „zur Erholung“ erneut Maigret-Bände schrieb.

                 

Der Beste von allen?


Georges Simenon zählt zu den meistverlegten Autoren aller Zeiten, seine Romane und Erzählungen wurden in die wichtigsten Weltsprachen übersetzt, etliche wurden verfilmt. Dann erwartete er 1947 den Literatur-Nobelpreis für sich, doch das Komitee verlieh die Auszeichnung an den Franzosen André Gide, einen akribischen Stilisten, der bis heute aber eher als feuilletonistischer homme de lettres denn als richtungsweisender Schriftsteller wahrgenommen wird. Simenon sollte den Nobelpreis nie erhalten, weshalb er aus gekränkter Eitelkeit die Juroren als „diese Idioten“ bezeichnete.


Während sich die Kritiker in seiner Bewertung uneins waren, hatten sich große Autoren der Weltliteratur und bedeutende Theoretiker längst entschieden: William Faulkner bekannte, dass er vor allem die Kriminalromane gerne lese und sich an Ĉechov erinnert fühle, Ernest Hemingway lobte „die wunderbaren Bücher von Simenon“, Kurt Tucholsky bescheinigte dem belgischen Weltbürger „die große und so seltene Gabe des epischen Erzählens, ohne etwas zu erzählen“, Thornton Wilder attestierte Prosatalent „bis in die Fingerspitzen“ und Walter Benjamin erklärte, er lese „jeden neuen Roman“.


Der höchst kollegiale, aber stets ein wenig überschwängliche Kolumbianer Gabriel García Márquez endlich hielt die ultimative Eloge: „Georges Simenon war der wichtigste Schriftsteller unseres Jahrhunderts.“ Auch wenn es vielleicht eine Nummer kleiner auch gegangen wäre – um die universellen wie aktuellen seelischen Nöte des Menschen und die geistige Enge der Gesellschaft vor zwei, drei Generationen zu verstehen, empfiehlt es sich, Simenon zu lesen. Übrigens auch, weil er zeitlos spannend ist.


05/2017