Carson McCullers

 

 

Mit 23 Jahren schrieb sie einen der großen Romane des vorigen Jahrhunderts, doch sollte ihre literarische Bedeutung nicht auf dieses eine Buch reduziert werden. Carson McCullers nannte ihr Erstlingswerk zunächst „The Mute“ (Der Stumme), änderte den Titel dann aber in „The Heart is a Lonely Hunter" (Das Herz ist ein einsamer Jäger) ab. Was zunächst etwas melodramatisch wirkt, gewinnt für den Leser an Berechtigung, je weiter er in die Tiefen und Wirrungen der Geschichte vordringt. In der Tat sind die Protagonisten ständig auf der Jagd nach Selbstverwirklichung, Gerechtigkeit, Liebe oder auch nur materieller Sicherheit, und sie versagen – jeder auf seine Weise – letztendlich, weil sie einsam bleiben.

 

Ein Südstaaten-Kaff am Vorabend des Zweiten Weltkriegs: Der gehörlose Graveur Singer ist so verbindlich und liest derart gut von den Lippen seiner Gesprächspartner ab, dass diese glauben, er verstünde alles, auch ihre innersten Beweggründe. Tatsächlich aber bleiben dem „Taubstummen“, der sich selbst nur schriftlich äußert, die Intentionen seiner hörenden Mitmenschen fremd. Diese wiederum werden nie erfahren, welcher Figur Singers ganze Zuneigung gehört und wie seine bescheidenen Hoffnungen ins Leere laufen.

 

Vor allem vier Personen von höchst unterschiedlicher Herkunft, Mentalität und Intention projizieren in den höflichen Mr. Singer ihre Wünsche und Sehnsüchte, fühlen sich von ihm ernstgenommen und erwarten sogar Rat und Hilfe von ihm. Da ist die Heranwachsende Mick Kelly, sprachlich und künstlerisch begabt, die nach einem Erweckungserlebnis durch klassische Musik inmitten einer provinziellen Umgebung von einer Karriere als Komponistin träumt, nebenher erste (wenig befriedigende) sexuelle Erfahrungen macht und wegen der materiellen Not ihrer Familie in der kleinstädtischen Woolworth-Filiale statt in den Konzertsälen der Welt landet. Da sehen zwei Männer, die beide gegen die Klassengesellschaft kämpfen wollen, bei der Diskussion über die Vorgehensweise aber zu Feinden werden, in dem Gehörlosen die einzig objektive Instanz: Der eine ist der schwarze Arzt Dr. Copeland, der sich, obwohl selbst schwindsüchtig, für seine Gemeinschaft aufopfert, gegen die Rassentrennung rebelliertt, Spinoza liest, einem seiner Söhne die Vornamen Karl und Marx gibt und doch nicht einmal die eigene Familie von der Notwendigkeit politischer Aktion überzeugen kann. Jack Blount dagegen, ein teils hellsichtiger, teils im alkoholischen Delir versinkender Wanderagitator schafft es nicht, den Arbeitern in den Baumwollmühlen der Stadt ihre Lage zu verdeutlichen, sie im gewerkschaftsfeindlichen Süden zu mobilisieren. Der Cafeteria-Besitzer Biff Brannon fühlt sich ebenfalls zu Singer hingezogen, obwohl er sich als Einziger der Vier fragt, was der Gehörlose wirklich begreift und ob er tatsächlich irgendjemandem helfen kann. Aber auch Brannon, äußerlich ruhig und freundlich, wird nach dem Tod seiner Frau in aller Heimlichkeit von einem aussichtslosen Begehren heimgesucht.

 

Singer lässt die anderen ungetröstet und weitgehend hilflos zurück; er personifiziert in seiner seltsamen Abgehobenheit das Hauptthema des Romans: die emotionale und geistige Isolation. „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ ist kein Südstaaten-Panorama, ebenso wenig ein Sozial-Epos oder eine psychologische Studie, aber es verwendet Ingredienzen von all dem und verarbeitet sie zum großflächigen Bild einer verständnislosen Gesellschaft in düsteren Farben und mit erstaunlicher Tiefenschärfe. Der klare Stil und die pointiert-realistische Sprache sind von Sherwood Anderson beeinflusst, der mit dem Episodenroman „Vinesburg Ohio“ die US-Literatur von Pathos, Romantik und überflüssigen Schnörkeln befreite, Idee und Handlung indes verweisen bereits auf die Sujets späterer moderner Autoren des Existenzialismus oder sogar des absurden Theaters, von den Sinnfragen à la Camus und Sartre bis zur wortreichen Sprachlosigkeit Becketts. Carson McCullers hat ihr Werk im ruhelosen Wechsel zwischen Revolte und Depression, ziellosem Hass und unmöglicher Liebe, starrer Konvention, sozialer Ohnmacht und bitterer Armut angesiedelt: ein verstörendes Buch von enormer Bandbreite und gestalterischer Reife, ein poetisch-lakonisches Panoptikum menschlichen Scheiterns; wie eingangs erwähnt: der Roman einer 23jährigen! „Sie erkundete das menschliche Herz mit einem Einfühlungsvermögen, das kein Schriftsteller je übertreffen kann“, schrieb der Damatiker Tennessee Willams (u.a. „Endstation Sehnsucht“, „Die Glasmenagerie“).

 

Als Carson McCullers 1967 im Alter von 50 Jahren starb, hatte sie ein Leben voll emotionaler und gesundheitlicher Krisen hinter sich. Sie heiratete denselben Mann zweimal (und wurde anscheinend zweimal nicht recht glücklich mit ihm), musste ihre Pläne, Konzertpianistin zu werden, bereits mit 15 Jahren wegen einer rheumatischen Erkrankung aufgeben, erlitt schon vor dem 30. Geburtstag drei Schlaganfälle, musste gegen Depressionen ankämpfen und verbrachte ihre letzten Jahre im Rollstuhl. Manches aus der Biographie floss in ihre Prosa ein: So verzweifelt in der Erzählung „Wunderkind“ ein junges Mädchen, weil das musikalische Talent nach einer Krankheit verschwunden ist. Andererseits wollte die Schriftstellerin auch Gegenbilder zum kränklichen Ego zeichnen, indem sie eine Reihe physisch starker, energischer, zumindest äußerlich robuster weiblicher Gestalten schuf: Frankie im gleichnamigen Roman, die der Kindheit und häuslichen Einengung entkommen will, Mick Kelly in „Das Herz...“, die eigenwillig und mitunter noch ein wenig unreif ist, aber auch kreativ wie ihre Erfinderin, oder die unbesiegbare Miss Amalia in „Die Ballade vom traurigen Café“, deren unerklärliche Schwäche für einen perfiden Cousin ihre einzige, aber endgültige Niederlage einleitet.  

 

Die letztgenannte Novelle wird von manchen Kritikern als der Höhepunkt im Werk der Autorin angesehen. Zwar mag sie minutiöser komponiert sein und stringenter auf eine Klimax zusteuern, doch denke ich, dass sich „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ durch die dort so vielschichtige wie ausufernde Phantasie seiner Autorin, durch ein breiteres inhaltliches Spektrum und eine präzisere Zeichnung einer anarchisch zusammengesetzten Gruppe von Menschen als ein größeres Stück Welt in der literarischen Nussschale (frein ach Joyce) erweist.

 

McCullers` zweiter Roman „Spiegelbild im goldenen Auge“ spielt in einer verschlafenen Garnisonsstadt, deren gute Offiziersgesellschaft bedacht darauf ist, Anstand und Moral nach außen hin zu wahren, während unter der Oberfläche Ehebruch und Demütigung an der Tages- und Nachtordnung sind. Jene für die US-Gesellschaft typische Bigotterie,die Erotik und sexuelle Ausrichtung leugnet und ächtet, entlädt sich schließlich in einer Explosion tödlicher Gewalt.

 

Sechseinhalb Jahre vor ihrem Tod veröffentlichte Carson McCullers ihren letzten Roman „Uhr ohne Zeiger“. Die eigene Krankheit und die Melancholie nach dem Selbstmord ihres Mannes haben wohl die Wahl des Eingangsthemas und die Charakterisierung der Hauptperson maßgeblich beeinflusst. Der Apotheker Malone erfährt, dass er nicht mehr lange zu leben hat. In seiner Orientierungslosigkeit gerät er in ein bitteres Spiel zwischen dem sezessionistischen Richter Clane (dem einzigen Traditionalisten des Old Dixie, den die sonst strikt der Gegenwart verpflichtete McCullers in ihr Werk einführte), dessen die Rassenintegration propagierenden Enkel Jesper und dem jungen verwaisten Schwarzen Sherman, der durch seine blauen Augen auffällt und verzweifelt das Geheimnis seiner Herkunft aufdecken will. Die Reaktionen auf „Uhr ohne Zeiger“ fielen gemischt aus. „Zu schlicht, zu ruhig, zu unspektakulär“ urteilten die einen, „eine atmosphärisch dichte Bestandsaufnahme des Südens“ meinten andere. Was aber zweifellos beeindruckt, ist die scheinbare Beiläufigkeit, mit der das Ausklingen eines ereignisarmen Lebens im Milieu einer Kleinstadt beschrieben wird – das abgeklärte „Alterswerk“ einer 44jährigen Frau...

 

Zu den beeindruckendsten Texten der Nordamerikanerin zählen ihre 23 Erzählungen, von denen einige erst postum erschienen. In manchen leiden die Protagonisten unter Geisteseintrübungen, in anderen betrügen sie sich und andere selbst („MadameZilinsky und der König von Finnland“, „Brieffreundschaft“). In „Ein Baum, ein Felsen, eine Wolke“ offenbart ein Mann seine surrealen, transzendenten Liebesgefühle, während die Beobachterin am Fenster des „Hof in den West Eighties“ die sich über Monate hinziehende Tragödie eines jungen Paars quasi im Zeitraffer resümiert. Wie brutal die Rassentrennung das Leben in den Südstaaten prägt(e) und wie viel Mut es erfordert(e), dagegen zu kämpfen, macht die Story „Der Marsch“ deutlich. „Atem vom Himmel“ thematisiert die völlige Isolation einer von ihrer Familie vernachlässigten jungen Sterbenden. McCullers` Erzählungen ähneln in ihrer Gesamtheit einem magischen Kaleidoskop, nur dass die Farbgebung der meisten Facetten eher dunkel und gedämpft ausfällt.

 

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts bis in seine 60er Jahre wurde die moderne Weltliteratur großenteils von US-Autoren, die schier unbegrenzte Ausdrucksmöglichkeiten wahrnahmen, während die Politiker ihres Landes ungehemmte militärische und ökonomische Macht anstrebten, vorangebracht, darunter Sherwood Anderson, John Dos Passos, der frühe Hemingway, der junge Steinbeck und viele andere. Zu dieser glänzenden Gilde gehörte zweifellos auch Carson McCullers. Als Kronzeuge soll der große Südstaaten-Kollege William Faulkner zu Wort kommen: „Für mich gehört ihr Werk zu den besten unserer Zeit.“

 

 

01/2014