- Carlos Fuentes (Das mexikanische Spiegelbild der Welt)

- Annie Proulx (Chronistin des nordamerikanischen Herzlandes)

- Miguel Ángel Asturias (Der Vergessene des Magischen Realismus)

- Flann O`Brien (Weltliteratur aus Irland: Anarchie und Humor)


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Carlos Fuentes

  

Vor einigen Monaten starb der Mexikaner Carlos Fuentes, einer der letzten kosmopolitisch gebildeten Autoren, im Alter von 83 Jahren. Wozu die Betonung seines enormen Wissenshorizonts, der neben literarischen Elementen auch historische, anthropologische und soziologische Kenntnisse beinhaltete, wenn doch für die Schriftstellerei im Normalfall ein Gefühl für Sprache, Stil und einen guten Plot ausreicht? Nun, soll der Stoff einer Fiktion die engen Grenzen der eigenen Befindlichkeit überschreiten, ist es nie schlecht, wenn der Urheber eine Ahnung von der Welt hat, in der er lebt und in der er sich engagiert.

 

Die Nachrufe in den meisten Feuilletons reduzierten Fuentes auf einen Chronisten der mexikanischen Geschichte mit den Nachwirkungen des Kolonialismus, den Folgen einer überaus langen und letztendlich gescheiterten Revolution, der allgegenwärtigen Korruption sowie der ständigen Auseinandersetzung mit den USA north of the border. Tatsächlich spielen all diese Faktoren eine wichtige Rolle im Werk von Fuentes, doch lässt es sich nicht von einer geografischen Region (wie umfangreich auch immer sie sein mag) und ihren spezifischen Problemstellungen einengen. Fuentes, der als Diplomatensohn Kindheit und Jugend weitgehend in anderen lateinamerikanischen Ländern verbrachte, der an einer US-Uni lehrte und mehrere Jahre als Mexikos Botschafter in Paris amtierte, ehe er aus Protest gegen die eigene Regierung zurücktrat, der Drehbücher schrieb und u. a. mit Buñuel zusammenarbeitete, brachte seine geopolitischen und interkulturellen Erfahrungen in die Literatur ein.

 

So zeichnet er etwa in „La Campaña“ das Bild Lateinamerikas im frühen 19. Jahrhunderts, als gebildete Kreolen die Ideen der europäischen Aufklärung und der Französischen Revolution für ihren Befreiungskampf  instrumentalisierten, der zwar zum Sieg über das spanische Imperium, aber letztlich nicht zur ökonomischen und sozialen Selbstbestimmung der Menschen führte. In „Hautwechsel“ bildet die Kleinstadt Cholula, die einst beinahe zum Grab für Cortés` Konquistadoren geworden wäre, die gespenstische Szenerie für eine späte Abrechnung: Die Schatten der Nazi-Konzentrationslager holen die Protagonisten in subtropischer Umgebung ein. Über „Terra Nostra“, nicht nur des Umfangs wegen (mehr als 1100 Seiten) sein Opus Magnum, pflegten mexikanische Studenten zu spotten, Fuentes habe etliche Zeit studieren müssen, um es zu schreiben, und seine Leser müssten nun sechs Semester studieren, um es zu verstehen. So schlimm ist es nun wirklich nicht, es lässt sich im Gegenteil sogar spannend an, wenn man die erstaunlichsten Interaktionen handelnder Personen auf verschiedenen Zeitebenen akzeptiert. „Entdeckung“ und Inbesitznahme Amerikas werden vor dem Hintergrund der Habsburger Herrschaft in Madrid, deren Macht auf dem Höhepunkt ist, nur um – begünstigt durch imperialen Wahnsinn und Widerstand der Städte sowie des spanischen Flanderns – wieder zu erodieren, beschrieben. Gemälde von Caravaggio oder Bosch sprechen zu ihren Betrachtern, Don Quijote zieht durch die Handlung, in einem antiken Flashback präsentiert sich der römische Kaiser Tiberius als „Vorbild“ an Dekadenz und Ignoranz und zum Finale treffen sich einige der Hauptpersonen in einem zukünftigen Paris: ein gewaltiges, Kontinente und Jahrhunderte vereinnahmendes Panorama.

 

 

In zwei Romanen wird die gut zehn Jahre dauernde Mexikanische Revolution, der Aufstand der Indianer- und Bauernführer Zapata und Villa gegen die Generäle Díaz, Huerta und später Obregon, vor allem aber gegen Oligarchie und Großgrundbesitz, thematisiert: „Nichts als das Leben“ ist die geistige Zeitreise des sterbenden Magnaten Artemio Cruz durch sein Leben bis zurück in seine Kindheit, markiert von den Etappen seines durch Verrat erkauften Erfolges. „Der alte Gringo“, übrigens mit Gregory Peck und Jane Fonda verfilmt, ist eine wunderschöne, traurige Hommage an den US-Schriftsteller Ambrose Bierce, dem aufgrund seiner desillusionierenden Bürgerkriegserzählungen und des zynischen „Wörterbuch des Teufels“ der Beiname „The Bitter Bierce“ zugeeignet wurde. Als 70-jähriger überquerte er 1913 die Grenze zwischen Texas und dem mexikanischen Bundesstaat Chihuahua, der von Pancho Villas Reitertruppen dominiert wurde, um über die Revolution zu berichten. Wenig später verlor sich jede Spur von ihm. Carlos Fuentes rekonstruiert das mögliche Ende des verschwundenen Gringo-Autors und wirft dabei ein Schlaglicht auf die schwer zu begreifenden Zusammenhänge einer Revolution, die als eine der blutigsten aller Zeiten in die Geschichte eingehen sollte.

  

Fuentes wilderte auch in anderen Genres: Mit „Das Haupt der Hydra“ schrieb er einen eher zähen Polit-Krimi, während seine Ausflüge ins Reich der weird literature, die Erzählungen „Aura“, „Chac Mool“ oder die Sammlung „Unheimliche Gesellschaft“ Meisterwerke psychologischer Beobachtung sind: Die Realität wird als schöner Schein entlarvt, das Grauen lauert im (Unter-)Bewusstsein der handelnden (oder manipulierten) Personen. In „Verbranntes Wasser“ und einem seiner bekanntesten Romane, „Landschaft im klaren Licht“, setzt er Mexico City, den verfallenden Vierteln der Metropole und ihrer zerrissenen Bürgerschaft ein Denkmal, das an ein Trojanisches Pferd in der von Elend, Verbrechen und Ignoranz belagerten Stadt erinnert. Zu den interessantesten Spätwerken zählt der 2006 erschienene Erzählungszyklus „Alle glücklichen Familien“,  eine teilweise poetische Abrechnung mit der Scheinheiligkeit in der Ehe, der Chancenlosigkeit auf der falschen Seite der Gesellschaft, mit dem latenten oder provokativen Machismo im Vaterland männlicher Hybris.

 

Zeit seines Lebens war Carlos Fuentes ein scharfer und pointierter Kritiker lateinamerikanischer Diktatoren wie Oligarchen und deren Gönner in Washington. Aber er versuchte auch, die gemeinsamen Wurzeln und Interessen der Menschen in Europa und auf seinem Subkontinent herauszuarbeiten. In dem fast 400 Seiten langen Essay „Der vergrabene Spiegel“ aus dem Jahre 1992 vergleicht er die Geschichte Spaniens mit der Lateinamerikas und gelangt zu überraschenden Schlüssen. So weist er darauf hin, dass die spanische Sprache nicht nur durch die römischen Besatzer und von den Ibero-Kelten allein geprägt wurde, dass vielmehr ein Großteil der Begriffe und Wörter aus dem Hebräischen und Arabischen stammen. Seine Feststellung, dass kein Spanier sich einer „lupenreinen“ arischen Abkunft rühmen dürfe, wird von der Tatsache gespiegelt, dass die alteingesessenen Familien Lateinamerikas allesamt Blut indigener oder schwarzer Herkunft in ihren Adern haben. Folglich gibt es keinerlei Grundlagen für jene Arroganz, die sich aus der vermeintlich edleren Abkunft speist. Fuentes fordert mehr gegenseitiges Verständnis, greift den Caudillismo, den Größenwahn der lateinamerikanischen Führer, an und propagiert eine „Rettung durch die Kultur“, die auch endlich den Massen die soziale Befreiung bringen soll. 

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Annie Proulx

 

 

Copyright: Jo Schwartz, Köln

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sie ist längst keine Unbekannte mehr, die 1935 in New England geborene Annie Proulx, die erst im Alter von 53 Jahren ihren ersten Erzählungsband veröffentlichte und vier Jahre später für den Roman „Postkarten“ den PEN/Faulkner-Award erhielt, im Jahr darauf dann den Pulitzer-Preis für ihr wohl bekanntestes Werk „Schiffsmeldungen“. Die Erzählung „Brokeback Mountain“ der Autorin mit franko-kanadischen Vorfahren mütterlicherseits wurde von Ang Lee verfilmt und mit drei Oscars ausgezeichnet, einer davon für das Drehbuch, das Proulx selbst verfasst hatte. Dennoch gehört die Spätstarterin, die dann allerdings mit enormer Schaffenskraft verlorene Jahre wettmachte, nach Kritikermeinung nicht unbedingt in den Kanon der zeitgenössischen amerikanischen Großliteratur. Das liegt aber weniger an ihrer Qualität und Sprache, als vielmehr an den Menschen, über die sie schreibt, und die Gegenden und Milieus, in denen sie ihre Handlungen ansiedelt; beide passen als Sujets nicht in die selbstbezogene Kunstlandschaft, die von den maßgeblichen Feuilletons geschätzt wird.

 

Das Personal in den Romanen und Erzählungen der Annie Proulx bilden nicht die üblichen Mittelständler mit intellektuellem Hintergrund, frustrierten Künstler und sensiblen Banker, sondern die Rednecks, Cowboys, Kleinstädter, das Landproletariat, die Gescheiterten der weiten ruralen Ebenen und Hochländer Nordamerikas. Proulx schildert ihren Überlebenskampf in einem ständig von den Extremen des Kontinental-klimas, von den sich beinahe zyklisch wiederholenden Natur-katastrophen und den Machenschaften der großen Nahrungsmittel-konzerne und Banken bedrohten Territorium. Ihre Protagonisten verfügen oft nicht einmal über ein Mindestmaß an Allgemeinbildung, entbehren jeglicher sozialer Absicherung, sind misstrauisch und reaktionär. Dennoch verkommen sie bei Annie Proulx nicht zu Karikaturen einer geistig minderbemittelten Spezies. Sie haben ihre oral history, die mündliche Überlieferung, als Wissensquelle, sie sind gastfreundlich (allerdings fremdenfeindlich zugleich), besitzen ein Gespür für das Durchlavieren in rauen Zeiten und an unwirtlichen Orten und leisten sich bisweilen sogar einen etwas gewöhnungsbedürftigen Humor. All das hilft ihnen, ein karges Leben in einem harten Land zu führen. Die Porträts der ostkanadischen Fischer, der Rinderzüchter in Texas, der Kleinfarmer in Wyoming oder der verarmten Einwanderer aus der Alten Welt fügen sich zu einem Gesamtbild, das uns Europäern die Situation und das politische Klima in Nordamerika abseits von Wallstreet, Washington und Hollywood verständlicher, wenn auch nicht immer sympathischer macht. Und die Autorin weiß, worüber sie schreibt; sie kennt die Provinz hautnah aus der eigenen Biografie: Aufgewachsen in Kanada, lebte sie dreißig Jahre im hinterwäldlerischen Vermont, ehe sie mit Sechzig in ein Haus ohne Strom und Wasser in Wyoming, sozusagen in the middle of nowhere, zog.

 

Annie Proulx differenziert in ihrer klaren Sprache, sie denunziert ihre Land(s)leute nicht als vorgestrige Kretins, aber sie schönt auch nichts, nicht ihre rassistischen Vorurteile, nicht die Beschränktheit ihres Blicks auf die Welt und auch nicht ihre verklemmte Sexualität. In der Erzählung „Brokeback Mountain“ schildert sie einfühlsam das Martyrium zweier schwuler Cowboys, die ihre Beziehung ein Leben lang hinter „normalem“ Eheleben verbergen müssen, um sozialer Ächtung und brutaler Verfolgung bis hin zur physischen Auslöschung zu entgehen. Bei der Lektüre beginnt man zu begreifen, woher Sarah Palin und die Tea-Party-Bewegung kamen, warum es überhaupt Menschen im Mittelwesten oder auf den südlichen Plains gibt, die einen Reagan früher und einen Romney heute wählen. Aber man versteht auch, dass geistiger Isolationismus und Ressentiments nicht für die Ewigkeit festgeschrieben sein müssen.

 

Die Erzählungssammlungen wie „Herzenslieder“ oder „Hinterland“ skizzieren manchmal mit leichter Hand die Verfehlungen, Wahnsinnspläne oder Illusionen der Pioniere ohne Vision, geraten bisweilen sogar zu Satiren, wie sie ein Leben mit Gott, aber nicht viel Verstand so schreibt, sind ab und zu eine bittere Bestandaufnahme des angekündigten Scheiterns von Individuen und Familien. Den Schwerpunkt des Werkes von Annie Proulx aber, die atmosphärisch dichtesten Abbildungen einer Gesellschaft in zugleich grandioser und grausamer Umgebung bilden ihre vier Romane. Da wird der junge Loyal nach dem vertuschten Totschlag an seiner Frau zum Getriebenen, zum Tramp durch die zentralen Bundesstaaten, arbeitet als Fallensteller, Paläontologenhelfer oder Bohnenfarmer. Doch er scheitert überall aus den unterschiedlichsten Gründen, er wird nie mehr sesshaft werden. Aus allen Orten, in denen er strandet, sendet er Postkarten an das Zuhause seiner Erinnerung, das so längst nicht mehr existiert und das er auch nicht wieder aufsucht.

 

Ein wenig optimistischer gestaltet sich die Geschichte in „Schiffs-meldungen“, wo sich ein betrogener und gedemütigter Vater von zwei kleinen Kindern ohne jede Perspektive nach Norden aufmacht, um an der kanadischen Ostküste ein neues Leben zu beginnen. Die Menschen dort sind ernsthaft und schwerfällig genug, um in dem unbeholfenen neuen Lokalreporter nach Anlaufschwierigkeiten Ihresgleichen zu erkennen und zu akzeptieren. „Mitten in Amerika“ thematisiert den Versuch eines (noch) jungen, orientierungslosen Mannes, endlich beruflich erfolgreich zu werden. Er freundet sich mit den knorrigen, strikt konservativen Einheimischen im Panhandle-Distrikt zwischen Texas und Oklahoma an, verschweigt ihnen aber, dass er auf der Suche nach geeigneten Ländereien ist, die ein Nahrungsmittel-Multi für seine gigantischen, die Umwelt verpestenden Schweinemast-Anlagen erwerben will.

 

Der für mich schönste, in jedem Fall aber facettenreichste und die kulturelle Vielfalt Amerikas am intensivsten beleuchtende Roman ist „Das grüne Akkordeon“. Die Episodenhandlung beginnt auf Sizilien, wo das Instrument gebaut wird, um wenig später von seinem Erschaffer in die Vereinigten Staaten mitgenommen zu werden, wo dieser Opfer eines Pogroms gegen Italiener in New Orleans wird (eine wenig bekannte historische Tatsache). In der Folgezeit wechselt das Knopfakkordeon aus den Händen von deutschen Immigranten in die von schwarzen Zydeco-Musikern, von Latinos zu Frankokanadiern, zu Polen oder baskischen Schafhirten in den Rocky Mountains. Bis zum Ende, das zumindest einen Hoffnungsschimmer andeut, bringt das Instrument niemandem Glück (daher der treffendere US-Originaltitel „Accordion Crimes). Jede Einwanderergruppe spielt „ihre“ Musik auf der Quetsche, die Menschen tauschen sich aber nicht aus, haben auch wenig Verständnis für die Melodien der anderen. Im Verlauf dieser Odyssee wird dem Leser klar, was die Vereinigten Staaten darstellen: ein Mosaik aus hochwertigen (ethnischen) Steinen, die sich nicht zusammenfügen mögen. Wer Annie Proulx liest, kann am ehesten kapieren, wie das Herzland Nordamerikas tickt.



 


Miguel Ángel Asturias

 

Der Vergessene des Magischen Realismus

 

Wenn ein Autor die literarischen Ausdrucksformen einer ganzen Weltregion entscheidend mitprägt, wenn er in einer Zeit, die noch sorgfältigeres Lesen und intensivere inhaltliche Auseinandersetzung kannte als die heutige, den Nobelpreis erhält, ist die Wertschätzung seines Werkes für lange Zeit gesichert – sollte man meinen. Der Guatemalteke Miguel Ángel Asturias verlieh den Unterdrückten seines Landes erstmals eine Stimme, führte surrealistische Entwürfe mit den Erzählungen, der oral history, der Maya-Völker zusammen und erhielt 1967 den Literatur-Nobelpreis für die „Bananen-Trilogie“, die epische Abrechnung mit diktatorischer Machtausübung und todbringender Ausbeutung durch die in Nordamerika angesiedelten Konzerne. Wenn man aber in Katalogen nach Romanen und Erzählungen sucht, wird man nur noch auf wenige lieferbare Titel in deutscher Sprache stoßen. Man muss sich schon auf gebrauchte Bücher, die im Internet angeboten werden, verlegen. Qualität, Facettenreichtum und geopolitischer Hintergrund entsprechen schon lange nicht mehr den literarischen Präferenzen des Zeitgeistes. 

 

Guatemala ist für mich eines der schönsten Länder der Welt: Auf wenig mehr als 100.000 Quadratkilometern präsentiert ein Kontinent en miniature Naturwunder und architektonische Höhepunkte in erstaunlicher Vielfalt: Der Urwald von El Petén mit der Maya-Metropole Tikal im Norden geht in grandiose Hochgebirgslandschaften über, in deren Tälern sich berühmte Indianermärkte und der legendäre, von Vulkanen gesäumte Lago Atitlán befinden. Die Strände an der Karibik und am Pazifik im Süden sind ebenso Reiseziele wie das koloniale Antigua, das als attraktivste Stadt Mittelamerikas gilt. Guatemala ist zugleich das Land in Lateinamerika, in dem Gewalt gegen die Bevölkerung am brutalsten angewendet wurde. Von 1954, als der gewählte Präsident Jacobo Árbenz Guzman von US-Piloten aus dem Amt gebombt wurde, bis zum Friedensschluss 1997 starben in einem fast ununterbrochenen Bürgerkrieg an die 200.000 Menschen, in der Mehrzahl indianische Kleinbauern. Guatemala ist neben Bolivien das einzige Land Lateinamerikas, in dem indígenas die Bevölkerungsmehrheit bilden, und ihre traditionelle Landwirtschaft war den wechselnden Militärdiktaturen, die im Auftrag der CIA die Interessen der Agrar-Monopolisten (von der legendären „United Fruit“ über Brands und Dole bis hin zu den modernen Nahrungsmittel- und Mischkonzernen Proctor & Gamble sowie Nestlé) zu wahren hatten, ein Dorn im Auge. Allein zu Beginn der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts wurden unter den Regimes der Generäle Lucas García und Rios Montt rund 70.000 Menschen ermordet. Letzterer muss sich derzeit endlich wegen Auslöschung ganzer Maya-Dörfer vor Gericht verantworten.

   

Der 1899 geborene Mestize Asturias studierte nach der Schule Jura und gründete mit Freunden eine Volkshochschule, die Bildungsangebote für die Mittellosen vorhielt. Ein Ökonomie-Studium, das auf Geheiß seiner begüterten Familie in London begann, brach er 1923 ab. Statt eine BWL- oder VWL-Karriere einzuschlagen, studierte er lieber Religions- und Völkerkunde an der Pariser Sorbonne, reiste durch Europa und veröffentlichte die ersten Prosa-Arbeiten. Schon zu dieser Zeit wurde Guatemala von einem Diktator, Jorge Ubico, regiert, dessen ausufernder Brutalität Asturias in zwei Romanen ein literarisches Mahnmal setzte: In „Der Herr Präsident“ zeigt er auf, mit welchem sublimen Sadismus menschliche Beziehungen in der Terror-Herrschaft zerstört werden, wie aus Individualisten Marionetten und aus Kritikern Folteropfer werden. In „Die Augen der Begrabenen“, dem letzten Teil der „Bananen-Trilogie“, sonnt sich der Diktator, den zuvor Agenten und Oligarchen an der Spitze installiert hatten, im höchsten Glanz seiner Macht. Doch trotz ungezählter Opfer ist das kollektive Gedächtnis des Volkes nicht getilgt worden, formiert sich der Widerstand in den Schwarzen-Vierteln an den Küsten und in den Maya-Dörfern des Hochlands. Beide Werke stehen in der Tradition des lateinamerikanischen Diktatoren-Romans, der die Mechanismen und Beweggründe der lange Zeit für Lateinamerika typischen Schreckenshierarchien ausloten will. Weitere herausragende Beispiele für diese Gesellschafts- und Charakterstudien sind „Der Herbst des Patriarchen“ von Gabriel García Márquez und vor allem „Ich der Allmächtige“ des Paraguayers Roa Bastos.

 

„Don Niño oder Die Geographie der Träume“ ist dagegen eine sanft erzählte Geschichte mit surrealen Bezügen, in der das Personal eines Wanderzirkus die menschlichen Beziehungen zwischen Diktat und Ohnmacht paraphrasiert – die Manege als gesellschaftliche Allegorie in der Phantasie eines schlafenden Kindes. 

 

In „Der böse Schächer“ wird die Eroberung Guatemalas durch die spanischen Konquistadoren thematisiert. Der Feldzug fächert sich auf, die verschiedenen Maya-Völker kämpfen mit unterschiedlichen Methoden, darunter auch Magie und Heimtücke, die Waffe der militärisch Unterlegenen, gegen die Eroberer. Aber auch die Spanier bilden keine homogene Truppe, haben unvereinbare Interessen; kulturelle, weltanschauliche und vor allem religiöse Differenzen werden offenbar. 

 

Wie in „Legenden aus Guatemala“ verwebt Asturias auch in „Die Maismenschen“, seinem wohl wichtigsten Roman, Bruchstücke der Maya-Mythologie mit der realen Geschichte der Eroberung des Landes und – daraus folgend – der Unterdrückung und Ausbeutung der indigenen Völker. Gaspar Ilóm, ein Anführer der Indio-Bauern, widersetzt sich den Großgrundbesitzern. Der Schöpfungsgeschichte nach wurden die Menschen aus Mais geformt. Das Getreide ist das wichtigste Nahrungsmittel, aber man soll damit keinen Handel aus Profitgründen treiben. Angesichts solch rückständiger Moral treten Soldaten auf den Plan und treiben Gaspar Iliom in den Tod. Der Widerstand ist dadurch aber nicht gebrochen; Offiziere werden mit verhängnisvollen Flüchen belegt, die Verfolgten verwandeln sich in Tiere, wie auch eine junge Frau, die von ihrem blinden Liebhaber quer durch das ganze Geschehen gesucht wird. In teilweise lyrischer Sprache zeigt Asturias, dass die von Skeptikern aus der Ersten Welt akzeptierte Wahrheit nicht alles ist, dass Überlieferungen, alternative Empfindungen und Wahrnehmungen der indigenen Völker eine weitere Dimension der Wirklichkeit öffnen. „Die Maismenschen“, 1949 erstmals veröffentlicht, ist neben „Pedro Páramo“ (1955) des Mexikaners Juan Rulfo der Schlüsselroman des magischen Realismus, jener lateinamerikanischen Form der Prosa, die in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts die literarische Welt elektrisierte. 

 

Asturias selbst erklärte seine Herangehensweise folgendermaßen: „Eingedenk der psychischen Realitäten, der magischen Eigenschaften, die in der mir nahestehenden Welt nun einmal vorherrschend sind, kann man nicht billige realistische Darstellungsweisen wählen, muss man auf diese Voraussetzungen stilistisch eingehen...“  

 

Nach dem Sturz des Diktators Ubico war der mittlerweile bekannte Schriftsteller in den diplomatischen Dienst seines Landes eingetreten. Als der Sozialreformer Jacobo Arbenz mit Hilfe von CIA und US-Army verjagt worden war, trat Asturias von seinen Ämtern zurück und ging später, 1962, ins argentinische Exil. Während eines kurzen demokratischen Intermezzos 1966 wurde er zum Botschafter Guatemalas in Paris ernannt. Er starb am 9. Juni 1974 in Madrid. 

 

Dass die Bücher eines Großschriftstellers wie Miguel Ángel Asturias in Vergessenheit und aus dem Handel geraten können, ist einmal der Euro- und US-Zentriertheit der deutschen Verlage und Feuilletons, zum anderen dem kurzen Gedächtnis einer auf Erzeugnisse mit praktischem Nutzen, sprich: Profitabilität, und greller Oberfläche fixierten Kulturszene geschuldet. Dass Asturias` Werk weiter eine Bedeutung auch außerhalb der literarischen Sphären hat, belegte schon der Sohn Rodrigo: Als Kommandant der Guerilla-Organisation ORPA nahm er ab 1972 das Pseudonym Gaspar Ilóm an, den Namen des Indianerführers in „Die Maismenschen“.






Flann O`Brien

  

Von Frankreich, Spanien, den Niederlanden
bis zu den Küsten des fernen Japan,
überall die Leute schon immer fanden,
EIN GOTTESGESCHENK SEI DER ARBEITSMANN.
Aus „In Schwimmen-Zwei-Vögel“

 

In der relevanten Romanliteratur gibt es selten etwas zu lachen. Schon das Ur-Epos der neuzeitlichen europäischen Prosa, der „Don Quijote“, ist trotz der komödiantisch gezeichneten Hauptpersonen und der allegorischen Irrungen und Verwechslungen ein eher melancholischer Abgesang auf die Ritterromantik und Sagengläubigkeit des Mittelalters. Da musste schon ein anarchischer Ire mit kruder Phantasie, enormen stilistischen Möglichkeiten sowie einem ausgeprägten Hang zu Whiskey und Stout kommen, um dem Humor eine Schneise durch die düstere Kulturlandschaft am Vorabend des Zweiten Weltkriegs zu schlagen.

Brian O`Nolan (1911 – 1966) stammte aus Strabane im Nordwesten Irlands. Nach dem Besuch des katholischen Blackrock College, in dem er nicht eben fromm wurde, und dem Studium an der Universität in Dublin trat er in den Staatsdienst ein. Seine Laufbahn als Ministerialbeamter lastete ihn offenbar nicht völlig aus, sodass er unter dem Pseudonym Flann O`Brien fünf der abstrusesten Roman-Grotesken der Weltliteratur, einige Erzählungen sowie die Komödie „Faustus Kelly“ schreiben konnte. Als Miles na Copaleen verfasste er zudem Glossen und satirische Skizzen für die „Irish Times“ und avancierte zum Kult-Kolumnisten des intellektuellen Dublin.


Dass er 1939 seinen ersten Roman mit dem absurden Titel „In Schwimmen-Zwei-Vögel“ (ein irisches Dorf heißt tatsächlich "Swim-Two-Birds“) veröffentlichen konnte, verdankt er auch seinem Lektor, selbst einer der schillerndsten Literaten des 20. Jahrhunderts: Der Engländer Graham Greene (u. a. „Die Stunde der Komödianten“, „Der stille Amerikaner“, „Der dritte Mann“), erkannte die Sprachgewalt, den alle Grenzen sprengenden Sinn für skurrile Besatzung und widersinnig verflochtene Handlung sofort. Er verglich O`Briens Debüt mit dem „Ulysses“ von James Joyce und dem „Tristram Shandy“ von Laurence Sterne, der im 18. Jahrhundert mit seiner (absichtlich) verfehlten Biographie eines Edelmanns als Wegbereiter der ironischen Moderne für einen Skandal gesorgt hatte.


Ein aberwitziges Personal bevölkert „In Schwimmen-Zwei-Vögel“. Der nicht sehr fleißige und etwas schmuddelige Student Trellis, ständig von seinem Onkel, einem ehrgeizigen Spießer, getriezt, zieht es vor, sich literarisch zu betätigen, statt sich in Seminaren herumzutreiben. Er entlehnt Figuren aus der irischen Mythologie, aber auch aus der Dubliner Realität und lässt sie in unmögliche Situationen geraten. So spielt eine winzige „gute Fee“ Poker gegen einen Pooka (irische Teufelsgestalt), es treten ein Mann, der erst mit 25 Jahren geboren wurde, der Sagenheld Finn Mac Cool, der vorwiegend auf den Bäumen lebt und in Reimen redet, sowie der Arbeiterdichter Casey (s. sensible Eingangsstrophe) auf. Die Personen verselbständigen sich und schließen sich zusammen. Das ist nicht neu, den Roman im Roman gab es schon früher. Doch diesmal schlagen die Erfundenen zurück und laden ihren Autor vor ein Tribunal, weil sie sich ungerecht beschrieben fühlen.


Der Roman, von dem selbst James Joyce so begeistert war, dass er kurz vor seinem Tod noch versuchte, Rezensionen in verschiedenen Zeitungen zu initiieren, begründete den internationalen Ruf von Flann O`Brien, der auch mit anderen Literaten, etwa dem jungen Samuel Beckett, in Austausch stand.


Zwei Jahre nach seinem fulminanten Debüt zog sich der zweisprachig schreibende Groß-Satiriker mit einem Büchlein in englischer („The Poor Mouth“) und irischer Version den Zorn der Eire-Nationalisten zu. In dem Kurzroman, der übrigens wie „Das harte Leben“ (s. u.) von Heinrich Böll und seiner Frau ins Deutsche übersetzt wurde (Titel: „Das Barmen“ oder „Irischer Lebenslauf“), persiflierte er die üblicherweise tragische Biographie des typischen jungen Mannes vom Lande. Da teilt sich die Familie das Wohnzimmer getreulich mit Schweinen, Schafen und Hühnern. Englische Volkszähler und preußische Sprachforscher verwechseln irische Sprösslinge mit Ferkeln, und auf einem feis, einer Art Vorform von „Irland sucht den Superstar“, hauen sich Barden mit Künstlernamen wie Die Torfsode oder Der Dativ die „süße gaelische Sprache“ so lange um die Ohren, bis einer von ihnen Amok läuft und ein anderer Selbstmord begeht.


In „Das harte Leben“ kommen zwei junge Burschen nach dem Tod ihrer Eltern in die Obhut von Mr. Collopy, einem frommen Whiskey-Liebhaber, der alles daransetzt, eine Privataudienz beim Papst in Rom zu erlangen. Als dies mit viel Geduld und List bewerkstelligt ist, sieht sich Onkel Collopy am fast am Ziel seiner Wünsche, bis der Heilige Vater auf ein unanständiges Anliegen, das ihm bei dieser Gelegenheit unterbreitet wird, mit unheiligem Zorn reagiert.


Nichts Geringeres als der Weltuntergang dräut in „Aus Dalkeys Archiven“, was aber die Einwohner des Dubliner Vororts nicht sonderlich zu beunruhigen scheint. Zu den weiteren Kuriositäten der Handlung zählen Fahrräder, die ihre Besitzer belauschen. Zudem zeigt sich, dass James Joyce gar nicht gestorben ist, sondern in einer Bar kellnert und bereut, Schweinkram wie den „Ulysses“ geschrieben zu haben.

In Flann O`Briens letztem Roman „Der dritte Polizist“ treten zwar ein junger Mann, der sein Leben nach den Maximen eines (fiktiven) franzöischen Vulgärphilosophen führt, sowie zwei seltsame irische Gendarmen auf, doch fehlt die Titelfigur. Ehe die Hauptperson bemerkt, dass an der ganzen Szenerie etwas nicht stimmt, hat ihn das Schicksal schon am Wickel.


Mittlerweile sind auch die Kurzprosa und Zeitungskolumnen des genial irren Iren (großenteils von Harry Rowohlt übersetzt) in deutscher Sprache erschienen, und mir bleibt nur, als letzte Würdigung O`Briens ständig wiederkehrendes Motto aus dem „Barmen“ zu zitieren: „Ich glaube nicht, dass es seinesgleichen jemals wieder geben wird!“