- Carlos Fuentes (Das mexikanische Spiegelbild der Welt)

- Annie Proulx (Chronistin des nordamerikanischen Herzlandes)

- Miguel Ángel Asturias (Der Vergessene des Magischen Realismus)

- Flann O`Brien (Weltliteratur aus Irland: Anarchie und Humor)

- Louise Erdrich (Eine indigene Stimme in den Vereinigten Staaten)

- Malcolm Lowry (Ein bizarres Leben "Unter dem Vulkan") 


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Carlos Fuentes

  

Vor einigen Monaten starb der Mexikaner Carlos Fuentes, einer der letzten kosmopolitisch gebildeten Autoren, im Alter von 83 Jahren. Wozu die Betonung seines enormen Wissenshorizonts, der neben literarischen Elementen auch historische, anthropologische und soziologische Kenntnisse beinhaltete, wenn doch für die Schriftstellerei im Normalfall ein Gefühl für Sprache, Stil und einen guten Plot ausreicht? Nun, soll der Stoff einer Fiktion die engen Grenzen der eigenen Befindlichkeit überschreiten, ist es nie schlecht, wenn der Urheber eine Ahnung von der Welt hat, in der er lebt und in der er sich engagiert.

 

Die Nachrufe in den meisten Feuilletons reduzierten Fuentes auf einen Chronisten der mexikanischen Geschichte mit den Nachwirkungen des Kolonialismus, den Folgen einer überaus langen und letztendlich gescheiterten Revolution, der allgegenwärtigen Korruption sowie der ständigen Auseinandersetzung mit den USA north of the border. Tatsächlich spielen all diese Faktoren eine wichtige Rolle im Werk von Fuentes, doch lässt es sich nicht von einer geografischen Region (wie umfangreich auch immer sie sein mag) und ihren spezifischen Problemstellungen einengen. Fuentes, der als Diplomatensohn Kindheit und Jugend weitgehend in anderen lateinamerikanischen Ländern verbrachte, der an einer US-Uni lehrte und mehrere Jahre als Mexikos Botschafter in Paris amtierte, ehe er aus Protest gegen die eigene Regierung zurücktrat, der Drehbücher schrieb und u. a. mit Buñuel zusammenarbeitete, brachte seine geopolitischen und interkulturellen Erfahrungen in die Literatur ein.

 

So zeichnet er etwa in „La Campaña“ das Bild Lateinamerikas im frühen 19. Jahrhunderts, als gebildete Kreolen die Ideen der europäischen Aufklärung und der Französischen Revolution für ihren Befreiungskampf  instrumentalisierten, der zwar zum Sieg über das spanische Imperium, aber letztlich nicht zur ökonomischen und sozialen Selbstbestimmung der Menschen führte. In „Hautwechsel“ bildet die Kleinstadt Cholula, die einst beinahe zum Grab für Cortés` Konquistadoren geworden wäre, die gespenstische Szenerie für eine späte Abrechnung: Die Schatten der Nazi-Konzentrationslager holen die Protagonisten in subtropischer Umgebung ein. Über „Terra Nostra“, nicht nur des Umfangs wegen (mehr als 1100 Seiten) sein Opus Magnum, pflegten mexikanische Studenten zu spotten, Fuentes habe etliche Zeit studieren müssen, um es zu schreiben, und seine Leser müssten nun sechs Semester studieren, um es zu verstehen. So schlimm ist es nun wirklich nicht, es lässt sich im Gegenteil sogar spannend an, wenn man die erstaunlichsten Interaktionen handelnder Personen auf verschiedenen Zeitebenen akzeptiert. „Entdeckung“ und Inbesitznahme Amerikas werden vor dem Hintergrund der Habsburger Herrschaft in Madrid, deren Macht auf dem Höhepunkt ist, nur um – begünstigt durch imperialen Wahnsinn und Widerstand der Städte sowie des spanischen Flanderns – wieder zu erodieren, beschrieben. Gemälde von Caravaggio oder Bosch sprechen zu ihren Betrachtern, Don Quijote zieht durch die Handlung, in einem antiken Flashback präsentiert sich der römische Kaiser Tiberius als „Vorbild“ an Dekadenz und Ignoranz und zum Finale treffen sich einige der Hauptpersonen in einem zukünftigen Paris: ein gewaltiges, Kontinente und Jahrhunderte vereinnahmendes Panorama.

 

 

In zwei Romanen wird die gut zehn Jahre dauernde Mexikanische Revolution, der Aufstand der Indianer- und Bauernführer Zapata und Villa gegen die Generäle Díaz, Huerta und später Obregon, vor allem aber gegen Oligarchie und Großgrundbesitz, thematisiert: „Nichts als das Leben“ ist die geistige Zeitreise des sterbenden Magnaten Artemio Cruz durch sein Leben bis zurück in seine Kindheit, markiert von den Etappen seines durch Verrat erkauften Erfolges. „Der alte Gringo“, übrigens mit Gregory Peck und Jane Fonda verfilmt, ist eine wunderschöne, traurige Hommage an den US-Schriftsteller Ambrose Bierce, dem aufgrund seiner desillusionierenden Bürgerkriegserzählungen und des zynischen „Wörterbuch des Teufels“ der Beiname „The Bitter Bierce“ zugeeignet wurde. Als 70-jähriger überquerte er 1913 die Grenze zwischen Texas und dem mexikanischen Bundesstaat Chihuahua, der von Pancho Villas Reitertruppen dominiert wurde, um über die Revolution zu berichten. Wenig später verlor sich jede Spur von ihm. Carlos Fuentes rekonstruiert das mögliche Ende des verschwundenen Gringo-Autors und wirft dabei ein Schlaglicht auf die schwer zu begreifenden Zusammenhänge einer Revolution, die als eine der blutigsten aller Zeiten in die Geschichte eingehen sollte.

  

Fuentes wilderte auch in anderen Genres: Mit „Das Haupt der Hydra“ schrieb er einen eher zähen Polit-Krimi, während seine Ausflüge ins Reich der weird literature, die Erzählungen „Aura“, „Chac Mool“ oder die Sammlung „Unheimliche Gesellschaft“ Meisterwerke psychologischer Beobachtung sind: Die Realität wird als schöner Schein entlarvt, das Grauen lauert im (Unter-)Bewusstsein der handelnden (oder manipulierten) Personen. In „Verbranntes Wasser“ und einem seiner bekanntesten Romane, „Landschaft im klaren Licht“, setzt er Mexico City, den verfallenden Vierteln der Metropole und ihrer zerrissenen Bürgerschaft ein Denkmal, das an ein Trojanisches Pferd in der von Elend, Verbrechen und Ignoranz belagerten Stadt erinnert. Zu den interessantesten Spätwerken zählt der 2006 erschienene Erzählungszyklus „Alle glücklichen Familien“,  eine teilweise poetische Abrechnung mit der Scheinheiligkeit in der Ehe, der Chancenlosigkeit auf der falschen Seite der Gesellschaft, mit dem latenten oder provokativen Machismo im Vaterland männlicher Hybris.

 

Zeit seines Lebens war Carlos Fuentes ein scharfer und pointierter Kritiker lateinamerikanischer Diktatoren wie Oligarchen und deren Gönner in Washington. Aber er versuchte auch, die gemeinsamen Wurzeln und Interessen der Menschen in Europa und auf seinem Subkontinent herauszuarbeiten. In dem fast 400 Seiten langen Essay „Der vergrabene Spiegel“ aus dem Jahre 1992 vergleicht er die Geschichte Spaniens mit der Lateinamerikas und gelangt zu überraschenden Schlüssen. So weist er darauf hin, dass die spanische Sprache nicht nur durch die römischen Besatzer und von den Ibero-Kelten allein geprägt wurde, dass vielmehr ein Großteil der Begriffe und Wörter aus dem Hebräischen und Arabischen stammen. Seine Feststellung, dass kein Spanier sich einer „lupenreinen“ arischen Abkunft rühmen dürfe, wird von der Tatsache gespiegelt, dass die alteingesessenen Familien Lateinamerikas allesamt Blut indigener oder schwarzer Herkunft in ihren Adern haben. Folglich gibt es keinerlei Grundlagen für jene Arroganz, die sich aus der vermeintlich edleren Abkunft speist. Fuentes fordert mehr gegenseitiges Verständnis, greift den Caudillismo, den Größenwahn der lateinamerikanischen Führer, an und propagiert eine „Rettung durch die Kultur“, die auch endlich den Massen die soziale Befreiung bringen soll. 

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Annie Proulx

 

 

Copyright: Jo Schwartz, Köln

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sie ist längst keine Unbekannte mehr, die 1935 in New England geborene Annie Proulx, die erst im Alter von 53 Jahren ihren ersten Erzählungsband veröffentlichte und vier Jahre später für den Roman „Postkarten“ den PEN/Faulkner-Award erhielt, im Jahr darauf dann den Pulitzer-Preis für ihr wohl bekanntestes Werk „Schiffsmeldungen“. Die Erzählung „Brokeback Mountain“ der Autorin mit franko-kanadischen Vorfahren mütterlicherseits wurde von Ang Lee verfilmt und mit drei Oscars ausgezeichnet, einer davon für das Drehbuch, das Proulx selbst verfasst hatte. Dennoch gehört die Spätstarterin, die dann allerdings mit enormer Schaffenskraft verlorene Jahre wettmachte, nach Kritikermeinung nicht unbedingt in den Kanon der zeitgenössischen amerikanischen Großliteratur. Das liegt aber weniger an ihrer Qualität und Sprache, als vielmehr an den Menschen, über die sie schreibt, und die Gegenden und Milieus, in denen sie ihre Handlungen ansiedelt; beide passen als Sujets nicht in die selbstbezogene Kunstlandschaft, die von den maßgeblichen Feuilletons geschätzt wird.

 

Das Personal in den Romanen und Erzählungen der Annie Proulx bilden nicht die üblichen Mittelständler mit intellektuellem Hintergrund, frustrierten Künstler und sensiblen Banker, sondern die Rednecks, Cowboys, Kleinstädter, das Landproletariat, die Gescheiterten der weiten ruralen Ebenen und Hochländer Nordamerikas. Proulx schildert ihren Überlebenskampf in einem ständig von den Extremen des Kontinental-klimas, von den sich beinahe zyklisch wiederholenden Natur-katastrophen und den Machenschaften der großen Nahrungsmittel-konzerne und Banken bedrohten Territorium. Ihre Protagonisten verfügen oft nicht einmal über ein Mindestmaß an Allgemeinbildung, entbehren jeglicher sozialer Absicherung, sind misstrauisch und reaktionär. Dennoch verkommen sie bei Annie Proulx nicht zu Karikaturen einer geistig minderbemittelten Spezies. Sie haben ihre oral history, die mündliche Überlieferung, als Wissensquelle, sie sind gastfreundlich (allerdings fremdenfeindlich zugleich), besitzen ein Gespür für das Durchlavieren in rauen Zeiten und an unwirtlichen Orten und leisten sich bisweilen sogar einen etwas gewöhnungsbedürftigen Humor. All das hilft ihnen, ein karges Leben in einem harten Land zu führen. Die Porträts der ostkanadischen Fischer, der Rinderzüchter in Texas, der Kleinfarmer in Wyoming oder der verarmten Einwanderer aus der Alten Welt fügen sich zu einem Gesamtbild, das uns Europäern die Situation und das politische Klima in Nordamerika abseits von Wallstreet, Washington und Hollywood verständlicher, wenn auch nicht immer sympathischer macht. Und die Autorin weiß, worüber sie schreibt; sie kennt die Provinz hautnah aus der eigenen Biografie: Aufgewachsen in Kanada, lebte sie dreißig Jahre im hinterwäldlerischen Vermont, ehe sie mit Sechzig in ein Haus ohne Strom und Wasser in Wyoming, sozusagen in the middle of nowhere, zog.

 

Annie Proulx differenziert in ihrer klaren Sprache, sie denunziert ihre Land(s)leute nicht als vorgestrige Kretins, aber sie schönt auch nichts, nicht ihre rassistischen Vorurteile, nicht die Beschränktheit ihres Blicks auf die Welt und auch nicht ihre verklemmte Sexualität. In der Erzählung „Brokeback Mountain“ schildert sie einfühlsam das Martyrium zweier schwuler Cowboys, die ihre Beziehung ein Leben lang hinter „normalem“ Eheleben verbergen müssen, um sozialer Ächtung und brutaler Verfolgung bis hin zur physischen Auslöschung zu entgehen. Bei der Lektüre beginnt man zu begreifen, woher Sarah Palin und die Tea-Party-Bewegung kamen, warum es überhaupt Menschen im Mittelwesten oder auf den südlichen Plains gibt, die einen Reagan früher und einen Romney heute wählen. Aber man versteht auch, dass geistiger Isolationismus und Ressentiments nicht für die Ewigkeit festgeschrieben sein müssen.

 

Die Erzählungssammlungen wie „Herzenslieder“ oder „Hinterland“ skizzieren manchmal mit leichter Hand die Verfehlungen, Wahnsinnspläne oder Illusionen der Pioniere ohne Vision, geraten bisweilen sogar zu Satiren, wie sie ein Leben mit Gott, aber nicht viel Verstand so schreibt, sind ab und zu eine bittere Bestandaufnahme des angekündigten Scheiterns von Individuen und Familien. Den Schwerpunkt des Werkes von Annie Proulx aber, die atmosphärisch dichtesten Abbildungen einer Gesellschaft in zugleich grandioser und grausamer Umgebung bilden ihre vier Romane. Da wird der junge Loyal nach dem vertuschten Totschlag an seiner Frau zum Getriebenen, zum Tramp durch die zentralen Bundesstaaten, arbeitet als Fallensteller, Paläontologenhelfer oder Bohnenfarmer. Doch er scheitert überall aus den unterschiedlichsten Gründen, er wird nie mehr sesshaft werden. Aus allen Orten, in denen er strandet, sendet er Postkarten an das Zuhause seiner Erinnerung, das so längst nicht mehr existiert und das er auch nicht wieder aufsucht.

 

Ein wenig optimistischer gestaltet sich die Geschichte in „Schiffs-meldungen“, wo sich ein betrogener und gedemütigter Vater von zwei kleinen Kindern ohne jede Perspektive nach Norden aufmacht, um an der kanadischen Ostküste ein neues Leben zu beginnen. Die Menschen dort sind ernsthaft und schwerfällig genug, um in dem unbeholfenen neuen Lokalreporter nach Anlaufschwierigkeiten Ihresgleichen zu erkennen und zu akzeptieren. „Mitten in Amerika“ thematisiert den Versuch eines (noch) jungen, orientierungslosen Mannes, endlich beruflich erfolgreich zu werden. Er freundet sich mit den knorrigen, strikt konservativen Einheimischen im Panhandle-Distrikt zwischen Texas und Oklahoma an, verschweigt ihnen aber, dass er auf der Suche nach geeigneten Ländereien ist, die ein Nahrungsmittel-Multi für seine gigantischen, die Umwelt verpestenden Schweinemast-Anlagen erwerben will.

 

Der für mich schönste, in jedem Fall aber facettenreichste und die kulturelle Vielfalt Amerikas am intensivsten beleuchtende Roman ist „Das grüne Akkordeon“. Die Episodenhandlung beginnt auf Sizilien, wo das Instrument gebaut wird, um wenig später von seinem Erschaffer in die Vereinigten Staaten mitgenommen zu werden, wo dieser Opfer eines Pogroms gegen Italiener in New Orleans wird (eine wenig bekannte historische Tatsache). In der Folgezeit wechselt das Knopfakkordeon aus den Händen von deutschen Immigranten in die von schwarzen Zydeco-Musikern, von Latinos zu Frankokanadiern, zu Polen oder baskischen Schafhirten in den Rocky Mountains. Bis zum Ende, das zumindest einen Hoffnungsschimmer andeut, bringt das Instrument niemandem Glück (daher der treffendere US-Originaltitel „Accordion Crimes). Jede Einwanderergruppe spielt „ihre“ Musik auf der Quetsche, die Menschen tauschen sich aber nicht aus, haben auch wenig Verständnis für die Melodien der anderen. Im Verlauf dieser Odyssee wird dem Leser klar, was die Vereinigten Staaten darstellen: ein Mosaik aus hochwertigen (ethnischen) Steinen, die sich nicht zusammenfügen mögen. Wer Annie Proulx liest, kann am ehesten kapieren, wie das Herzland Nordamerikas tickt.



 


Miguel Ángel Asturias

 

Der Vergessene des Magischen Realismus

 

Wenn ein Autor die literarischen Ausdrucksformen einer ganzen Weltregion entscheidend mitprägt, wenn er in einer Zeit, die noch sorgfältigeres Lesen und intensivere inhaltliche Auseinandersetzung kannte als die heutige, den Nobelpreis erhält, ist die Wertschätzung seines Werkes für lange Zeit gesichert – sollte man meinen. Der Guatemalteke Miguel Ángel Asturias verlieh den Unterdrückten seines Landes erstmals eine Stimme, führte surrealistische Entwürfe mit den Erzählungen, der oral history, der Maya-Völker zusammen und erhielt 1967 den Literatur-Nobelpreis für die „Bananen-Trilogie“, die epische Abrechnung mit diktatorischer Machtausübung und todbringender Ausbeutung durch die in Nordamerika angesiedelten Konzerne. Wenn man aber in Katalogen nach Romanen und Erzählungen sucht, wird man nur noch auf wenige lieferbare Titel in deutscher Sprache stoßen. Man muss sich schon auf gebrauchte Bücher, die im Internet angeboten werden, verlegen. Qualität, Facettenreichtum und geopolitischer Hintergrund entsprechen schon lange nicht mehr den literarischen Präferenzen des Zeitgeistes. 

 

Guatemala ist für mich eines der schönsten Länder der Welt: Auf wenig mehr als 100.000 Quadratkilometern präsentiert ein Kontinent en miniature Naturwunder und architektonische Höhepunkte in erstaunlicher Vielfalt: Der Urwald von El Petén mit der Maya-Metropole Tikal im Norden geht in grandiose Hochgebirgslandschaften über, in deren Tälern sich berühmte Indianermärkte und der legendäre, von Vulkanen gesäumte Lago Atitlán befinden. Die Strände an der Karibik und am Pazifik im Süden sind ebenso Reiseziele wie das koloniale Antigua, das als attraktivste Stadt Mittelamerikas gilt. Guatemala ist zugleich das Land in Lateinamerika, in dem Gewalt gegen die Bevölkerung am brutalsten angewendet wurde. Von 1954, als der gewählte Präsident Jacobo Árbenz Guzman von US-Piloten aus dem Amt gebombt wurde, bis zum Friedensschluss 1997 starben in einem fast ununterbrochenen Bürgerkrieg an die 200.000 Menschen, in der Mehrzahl indianische Kleinbauern. Guatemala ist neben Bolivien das einzige Land Lateinamerikas, in dem indígenas die Bevölkerungsmehrheit bilden, und ihre traditionelle Landwirtschaft war den wechselnden Militärdiktaturen, die im Auftrag der CIA die Interessen der Agrar-Monopolisten (von der legendären „United Fruit“ über Brands und Dole bis hin zu den modernen Nahrungsmittel- und Mischkonzernen Proctor & Gamble sowie Nestlé) zu wahren hatten, ein Dorn im Auge. Allein zu Beginn der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts wurden unter den Regimes der Generäle Lucas García und Rios Montt rund 70.000 Menschen ermordet. Letzterer muss sich derzeit endlich wegen Auslöschung ganzer Maya-Dörfer vor Gericht verantworten.

   

Der 1899 geborene Mestize Asturias studierte nach der Schule Jura und gründete mit Freunden eine Volkshochschule, die Bildungsangebote für die Mittellosen vorhielt. Ein Ökonomie-Studium, das auf Geheiß seiner begüterten Familie in London begann, brach er 1923 ab. Statt eine BWL- oder VWL-Karriere einzuschlagen, studierte er lieber Religions- und Völkerkunde an der Pariser Sorbonne, reiste durch Europa und veröffentlichte die ersten Prosa-Arbeiten. Schon zu dieser Zeit wurde Guatemala von einem Diktator, Jorge Ubico, regiert, dessen ausufernder Brutalität Asturias in zwei Romanen ein literarisches Mahnmal setzte: In „Der Herr Präsident“ zeigt er auf, mit welchem sublimen Sadismus menschliche Beziehungen in der Terror-Herrschaft zerstört werden, wie aus Individualisten Marionetten und aus Kritikern Folteropfer werden. In „Die Augen der Begrabenen“, dem letzten Teil der „Bananen-Trilogie“, sonnt sich der Diktator, den zuvor Agenten und Oligarchen an der Spitze installiert hatten, im höchsten Glanz seiner Macht. Doch trotz ungezählter Opfer ist das kollektive Gedächtnis des Volkes nicht getilgt worden, formiert sich der Widerstand in den Schwarzen-Vierteln an den Küsten und in den Maya-Dörfern des Hochlands. Beide Werke stehen in der Tradition des lateinamerikanischen Diktatoren-Romans, der die Mechanismen und Beweggründe der lange Zeit für Lateinamerika typischen Schreckenshierarchien ausloten will. Weitere herausragende Beispiele für diese Gesellschafts- und Charakterstudien sind „Der Herbst des Patriarchen“ von Gabriel García Márquez und vor allem „Ich der Allmächtige“ des Paraguayers Roa Bastos.

 

„Don Niño oder Die Geographie der Träume“ ist dagegen eine sanft erzählte Geschichte mit surrealen Bezügen, in der das Personal eines Wanderzirkus die menschlichen Beziehungen zwischen Diktat und Ohnmacht paraphrasiert – die Manege als gesellschaftliche Allegorie in der Phantasie eines schlafenden Kindes. 

 

In „Der böse Schächer“ wird die Eroberung Guatemalas durch die spanischen Konquistadoren thematisiert. Der Feldzug fächert sich auf, die verschiedenen Maya-Völker kämpfen mit unterschiedlichen Methoden, darunter auch Magie und Heimtücke, die Waffe der militärisch Unterlegenen, gegen die Eroberer. Aber auch die Spanier bilden keine homogene Truppe, haben unvereinbare Interessen; kulturelle, weltanschauliche und vor allem religiöse Differenzen werden offenbar. 

 

Wie in „Legenden aus Guatemala“ verwebt Asturias auch in „Die Maismenschen“, seinem wohl wichtigsten Roman, Bruchstücke der Maya-Mythologie mit der realen Geschichte der Eroberung des Landes und – daraus folgend – der Unterdrückung und Ausbeutung der indigenen Völker. Gaspar Ilóm, ein Anführer der Indio-Bauern, widersetzt sich den Großgrundbesitzern. Der Schöpfungsgeschichte nach wurden die Menschen aus Mais geformt. Das Getreide ist das wichtigste Nahrungsmittel, aber man soll damit keinen Handel aus Profitgründen treiben. Angesichts solch rückständiger Moral treten Soldaten auf den Plan und treiben Gaspar Iliom in den Tod. Der Widerstand ist dadurch aber nicht gebrochen; Offiziere werden mit verhängnisvollen Flüchen belegt, die Verfolgten verwandeln sich in Tiere, wie auch eine junge Frau, die von ihrem blinden Liebhaber quer durch das ganze Geschehen gesucht wird. In teilweise lyrischer Sprache zeigt Asturias, dass die von Skeptikern aus der Ersten Welt akzeptierte Wahrheit nicht alles ist, dass Überlieferungen, alternative Empfindungen und Wahrnehmungen der indigenen Völker eine weitere Dimension der Wirklichkeit öffnen. „Die Maismenschen“, 1949 erstmals veröffentlicht, ist neben „Pedro Páramo“ (1955) des Mexikaners Juan Rulfo der Schlüsselroman des magischen Realismus, jener lateinamerikanischen Form der Prosa, die in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts die literarische Welt elektrisierte. 

 

Asturias selbst erklärte seine Herangehensweise folgendermaßen: „Eingedenk der psychischen Realitäten, der magischen Eigenschaften, die in der mir nahestehenden Welt nun einmal vorherrschend sind, kann man nicht billige realistische Darstellungsweisen wählen, muss man auf diese Voraussetzungen stilistisch eingehen...“  

 

Nach dem Sturz des Diktators Ubico war der mittlerweile bekannte Schriftsteller in den diplomatischen Dienst seines Landes eingetreten. Als der Sozialreformer Jacobo Arbenz mit Hilfe von CIA und US-Army verjagt worden war, trat Asturias von seinen Ämtern zurück und ging später, 1962, ins argentinische Exil. Während eines kurzen demokratischen Intermezzos 1966 wurde er zum Botschafter Guatemalas in Paris ernannt. Er starb am 9. Juni 1974 in Madrid. 

 

Dass die Bücher eines Großschriftstellers wie Miguel Ángel Asturias in Vergessenheit und aus dem Handel geraten können, ist einmal der Euro- und US-Zentriertheit der deutschen Verlage und Feuilletons, zum anderen dem kurzen Gedächtnis einer auf Erzeugnisse mit praktischem Nutzen, sprich: Profitabilität, und greller Oberfläche fixierten Kulturszene geschuldet. Dass Asturias` Werk weiter eine Bedeutung auch außerhalb der literarischen Sphären hat, belegte schon der Sohn Rodrigo: Als Kommandant der Guerilla-Organisation ORPA nahm er ab 1972 das Pseudonym Gaspar Ilóm an, den Namen des Indianerführers in „Die Maismenschen“.






Flann O`Brien

  

Von Frankreich, Spanien, den Niederlanden
bis zu den Küsten des fernen Japan,
überall die Leute schon immer fanden,
EIN GOTTESGESCHENK SEI DER ARBEITSMANN.
Aus „In Schwimmen-Zwei-Vögel“

 

In der relevanten Romanliteratur gibt es selten etwas zu lachen. Schon das Ur-Epos der neuzeitlichen europäischen Prosa, der „Don Quijote“, ist trotz der komödiantisch gezeichneten Hauptpersonen und der allegorischen Irrungen und Verwechslungen ein eher melancholischer Abgesang auf die Ritterromantik und Sagengläubigkeit des Mittelalters. Da musste schon ein anarchischer Ire mit kruder Phantasie, enormen stilistischen Möglichkeiten sowie einem ausgeprägten Hang zu Whiskey und Stout kommen, um dem Humor eine Schneise durch die düstere Kulturlandschaft am Vorabend des Zweiten Weltkriegs zu schlagen.

Brian O`Nolan (1911 – 1966) stammte aus Strabane im Nordwesten Irlands. Nach dem Besuch des katholischen Blackrock College, in dem er nicht eben fromm wurde, und dem Studium an der Universität in Dublin trat er in den Staatsdienst ein. Seine Laufbahn als Ministerialbeamter lastete ihn offenbar nicht völlig aus, sodass er unter dem Pseudonym Flann O`Brien fünf der abstrusesten Roman-Grotesken der Weltliteratur, einige Erzählungen sowie die Komödie „Faustus Kelly“ schreiben konnte. Als Miles na Copaleen verfasste er zudem Glossen und satirische Skizzen für die „Irish Times“ und avancierte zum Kult-Kolumnisten des intellektuellen Dublin.


Dass er 1939 seinen ersten Roman mit dem absurden Titel „In Schwimmen-Zwei-Vögel“ (ein irisches Dorf heißt tatsächlich "Swim-Two-Birds“) veröffentlichen konnte, verdankt er auch seinem Lektor, selbst einer der schillerndsten Literaten des 20. Jahrhunderts: Der Engländer Graham Greene (u. a. „Die Stunde der Komödianten“, „Der stille Amerikaner“, „Der dritte Mann“), erkannte die Sprachgewalt, den alle Grenzen sprengenden Sinn für skurrile Besatzung und widersinnig verflochtene Handlung sofort. Er verglich O`Briens Debüt mit dem „Ulysses“ von James Joyce und dem „Tristram Shandy“ von Laurence Sterne, der im 18. Jahrhundert mit seiner (absichtlich) verfehlten Biographie eines Edelmanns als Wegbereiter der ironischen Moderne für einen Skandal gesorgt hatte.


Ein aberwitziges Personal bevölkert „In Schwimmen-Zwei-Vögel“. Der nicht sehr fleißige und etwas schmuddelige Student Trellis, ständig von seinem Onkel, einem ehrgeizigen Spießer, getriezt, zieht es vor, sich literarisch zu betätigen, statt sich in Seminaren herumzutreiben. Er entlehnt Figuren aus der irischen Mythologie, aber auch aus der Dubliner Realität und lässt sie in unmögliche Situationen geraten. So spielt eine winzige „gute Fee“ Poker gegen einen Pooka (irische Teufelsgestalt), es treten ein Mann, der erst mit 25 Jahren geboren wurde, der Sagenheld Finn Mac Cool, der vorwiegend auf den Bäumen lebt und in Reimen redet, sowie der Arbeiterdichter Casey (s. sensible Eingangsstrophe) auf. Die Personen verselbständigen sich und schließen sich zusammen. Das ist nicht neu, den Roman im Roman gab es schon früher. Doch diesmal schlagen die Erfundenen zurück und laden ihren Autor vor ein Tribunal, weil sie sich ungerecht beschrieben fühlen.


Der Roman, von dem selbst James Joyce so begeistert war, dass er kurz vor seinem Tod noch versuchte, Rezensionen in verschiedenen Zeitungen zu initiieren, begründete den internationalen Ruf von Flann O`Brien, der auch mit anderen Literaten, etwa dem jungen Samuel Beckett, in Austausch stand.


Zwei Jahre nach seinem fulminanten Debüt zog sich der zweisprachig schreibende Groß-Satiriker mit einem Büchlein in englischer („The Poor Mouth“) und irischer Version den Zorn der Eire-Nationalisten zu. In dem Kurzroman, der übrigens wie „Das harte Leben“ (s. u.) von Heinrich Böll und seiner Frau ins Deutsche übersetzt wurde (Titel: „Das Barmen“ oder „Irischer Lebenslauf“), persiflierte er die üblicherweise tragische Biographie des typischen jungen Mannes vom Lande. Da teilt sich die Familie das Wohnzimmer getreulich mit Schweinen, Schafen und Hühnern. Englische Volkszähler und preußische Sprachforscher verwechseln irische Sprösslinge mit Ferkeln, und auf einem feis, einer Art Vorform von „Irland sucht den Superstar“, hauen sich Barden mit Künstlernamen wie Die Torfsode oder Der Dativ die „süße gaelische Sprache“ so lange um die Ohren, bis einer von ihnen Amok läuft und ein anderer Selbstmord begeht.


In „Das harte Leben“ kommen zwei junge Burschen nach dem Tod ihrer Eltern in die Obhut von Mr. Collopy, einem frommen Whiskey-Liebhaber, der alles daransetzt, eine Privataudienz beim Papst in Rom zu erlangen. Als dies mit viel Geduld und List bewerkstelligt ist, sieht sich Onkel Collopy am fast am Ziel seiner Wünsche, bis der Heilige Vater auf ein unanständiges Anliegen, das ihm bei dieser Gelegenheit unterbreitet wird, mit unheiligem Zorn reagiert.


Nichts Geringeres als der Weltuntergang dräut in „Aus Dalkeys Archiven“, was aber die Einwohner des Dubliner Vororts nicht sonderlich zu beunruhigen scheint. Zu den weiteren Kuriositäten der Handlung zählen Fahrräder, die ihre Besitzer belauschen. Zudem zeigt sich, dass James Joyce gar nicht gestorben ist, sondern in einer Bar kellnert und bereut, Schweinkram wie den „Ulysses“ geschrieben zu haben.

In Flann O`Briens letztem Roman „Der dritte Polizist“ treten zwar ein junger Mann, der sein Leben nach den Maximen eines (fiktiven) franzöischen Vulgärphilosophen führt, sowie zwei seltsame irische Gendarmen auf, doch fehlt die Titelfigur. Ehe die Hauptperson bemerkt, dass an der ganzen Szenerie etwas nicht stimmt, hat ihn das Schicksal schon am Wickel.


Mittlerweile sind auch die Kurzprosa und Zeitungskolumnen des genial irren Iren (großenteils von Harry Rowohlt übersetzt) in deutscher Sprache erschienen, und mir bleibt nur, als letzte Würdigung O`Briens ständig wiederkehrendes Motto aus dem „Barmen“ zu zitieren: „Ich glaube nicht, dass es seinesgleichen jemals wieder geben wird!“  





 

Louise Erdrich

   

Als die spanischen und portugiesischen Konquistadoren Mittel- und Südamerika eroberten, begingen sie unfassbare Verbrechen aus materieller Gier und rassistischer wie katholischer Hybris, aber sie vermischten sich mit den Ureinwohnern, die wir hier nach der falschen kolumbischen Hypothese „Indianer“ nennen wollen. Mit der Zeit arrangierten sie sich sogar nach und nach mit der Geisteswelt der indigenen Völkern. So konnte später eine Literatur entstehen, die indianische Überlieferung und kreolische Kultur vereinte.

  

Als die Angelsachsen Nordamerika kolonisierten, waren die Eingeborenen Hindernisse für die weitere Expansion, und die kalvinistische und lutherische Bigotterie verhinderte für Jahrhunderte Mischehen und Verschmelzung von Kulturen. So gibt es heute in Lateinamerika noch Länder mit indigener Bevölkerungsmehrheit (z. B. Guatemala und Bolivien) und eine von Mestizen geschaffene Hochliteratur (etwa Asturias, García Márquez, Rulfo), während in den USA und Kanada die Reste indianischer Völker zu einem bedeutenden Teil isoliert in Reservaten verkümmern und vergleichsweise wenige Autorinnen und Autoren hervorgebracht haben.

  

Erst seit rund hundert Jahren nahmen USA-Chronisten die Urbevölkerung als kulturell eigenständigen Bevölkerungsteil wahr, heirateten Indianer und Weiße häufiger  untereinander, wurden der „roten“ Minderheit, der zuvor das Land genommen worden war, (vergleichsweise geringe) Rechte eingeräumt. Zwar sehen die WASPS (White Anglo-Saxon Protestants) mehrheitlich in den einstigen Herren des Landes  immer noch alkoholisierte Sozialschmarotzer, unterstellt die Mehrheit in God`s own Country ihnen intellektuelle Passivität und Desinteresse, doch hat sich inzwischen mit Verspätung eine grandiose Indianer- und Mestizen-Literatur entwickelt, deren wichtigste Vertreterin wohl Louise Erdrich ist.

  

Die 1954 als Tochter einer Chippewa-Indianerin und eines Deutschstämmigen geborene Louise Erdrich siedelte die Handlung ihrer Romane überwiegend in den mittelwestlichen Bundesstaaten North Dakota und Minnesota an der kanadischen Grenze an. Die Pionierstädte dort, deren Namen ähnlich wie bei Faulkners Jefferson frei erfunden sind, liegen an den Grenzen einer fiktiven Indianer-Reservation. Das Leben der indigenen Bevölkerung sowie der Métis (französisch für Mestizen), ihre allgegenwärtige Interaktion mit den weißen Nachbarn und die oft blutige Verflechtung von Tätern und Opfern in der Vergangenheit bilden das Hauptthema von Erdrichs Prosa. Nur in „Der Club der singenden Metzger“ lässt sie sich von der anderen Linie der eigenen Abstammung  inspirieren und schildert die „Integration“ eines nach dem Ersten Weltkrieg aus Schwaben in die amerikanische Prärie ausgewanderten Fleischermeisters, der nicht nur mit den Sitten der Yankees, sondern auch mit den Relikten  indianischer Verhaltensnormen konfrontiert wird.

 

Die Romane der 1980er und 90er Jahre beschreiben die Komödien, Tragödien und schuldhaften oder unglücklichen Verwicklungen stets derselben weit verzweigten Chippewa-Familien in der imaginären Reservation oder an deren Rande in North Dakota. Immer wieder geraten Angehörige der Kashpaws, Morrisseys oder Nanapushs mit dem Gesetz in Konflikt, brechen Ehen und gehen abenteuerliche Liebesbeziehungen ein. Da die Szenerie nicht nur von der profanen Realität in den Vorgärten der US-Gesellschaft, sondern auch von Traditionen und Riten, die wider Erwarten überlebt haben, geprägt ist, könnte man auf den Gedanken kommen, Erdrich sei eine typische Sparten- oder Minderheiten-Schriftstellerin, die den Überresten einer Ethnie ein konventionelles literarisches Denkmal setzen möchte. Doch obwohl sie latent den Landraub und die Vertragsbrüche durch die US-Regierung zitiert, wird keine larmoyante und letztlich hilflose Beschwerde geführt, sondern ein üppiges Panorama geschaffen, in dem Slapstick und Drama einander abwechseln und die Indianer nicht vorrangig als unschuldige Opfer und damit unglaubwürdige Helden, sondern als moralisch ambivalente Personen mit teils skurrilen, teils verhängnisvollen Neigungen zu Religiosität, Alkohol oder Glücksspiel porträtiert werden.

  

Die unvorhersehbaren Wendungen in den Plots und die Implementierung einer „superrationalen“ Ebene schrieben Kritiker der Affinität Erdrichs zu spanischen Schelmenromanen und dem Magischen Realismus der Lateinamerikaner zu. Doch hinter dem sprachlichen Feuerwerk schimmert eine bittere Erkenntnis durch: Angekommen in der US-Gesellschaft sind die indigenen Völker noch lange nicht.

 

Die Bücher von Louise Erdrich muss man nicht in chronologischer Reihenfolge lesen. Auch wenn sich in „Spuren“ oder „Liebenszauber“ die Namen erwähnten Familien wiederfinden – zum Verständnis sind für den Leser keine Vorkenntnisse nötig. Eine Ausnahme: Bei „Der Bingo-Palast“ und „Geschichten von brennender Liebe“ sollte diese Reihenfolge eingehalten werden, da ein Handlungsstrang aus ersterem Roman eine Fortsetzung im zweiten erfährt.

  

In den nach der Jahrtausendwende verfassten Romanen wie „Der Klang der Trommel“ oder „Solange du lebst“ erweitert sich der Blickwinkel der Autorin. Die Fakten der Vergangenheit drängen sich, zunächst kaum merklich, in das gegenwärtige Leben der Protagonisten, seien es die Folgen einer historischen Landnahme, der unaufhaltsame Niedergang des Ortes Pluto zur Geisterstadt oder die späte Auswirkung eines Lynchmordes an drei Indianern auf die Existenz mehrerer Familien. Zwar wird die Verantwortlichkeit für die Desaster benannt, doch hat die Zeit zur Vermischung von Verantwortlichen und ursprünglich Schuldlosen geführt, und Verräter gibt es auf beiden Seiten.

 

Im bislang letzten ins Deutsche übersetzten Roman von Louise Erdrich, „Schattenfangen“, fühlt man sich zunächst in ein für die moderne US-Literatur typisches Ehe-Drama à la Richard Yates oder John Updike versetzt. Der Maler Gil und die ewige Doktorandin Irene bilden mit ihren drei intelligenten, sensiblen Kindern die typische Intellektuellen-Familie, in der die obligatorische Sinnkrise eskaliert. Irene will sich scheiden lassen und stellt ihrem Mann, der nicht loslassen kann, eine Falle. Aber beide sind Mestizen, und es ist der kulturelle Nachhall ihrer Abstammung, der ihren Handlungen eine ungeahnte Brisanz und der gegenseitigen emotionalen Abhängigkeit atemlose Aggressivität verleiht. Die Kinder entwickeln ihre eigenen Überlebenstechniken im familiären Sturm, sind aber am Ende einer Katastrophe, deren Darstellung in der US-Literatur an Eindringlichkeit Ihresgleichen sucht, hilflos ausgeliefert.

 

Louise Erdrich, 2012 mit dem National Book Award ausgezeichnet und auch als Lyrikerin erfolgreich, ist nicht nur eine glänzende Stilistin mit überbordender Phantasie, sie erinnert in ihren Romanen auch an das eine oder andere schamhaft (?) verschwiegene Kapitel der nordamerikanischen Siedlungsgeschichte, etwa an den gescheiterten Métis-Aufstand im 19. Jahrhundert, der mit der Hinrichtung des charismatischen Anführers Louis Riel durch die kanadische Obrigkeit endete. Einen Teil ihrer Verlagshonorare und Preisgelder steckt sie in einen unabhängigen Buchladen in Minneapolis, Minnesota, der Bücher in der Ojibwe-Sprache publiziert: Literatur gegen das Vergessen.




 

Malcolm Lowry 

  

In der inhaltlichen Auseinandersetzung mit großen Autoren und deren bedeutendsten Werken versuchen Kritiker immer wieder zwei Fragen zu beantworten: Was ist ein Jahrhundert-Roman? Und wie stark wird die Prosa von der Biographie des Schriftstellers geprägt?

 

Einen Roman, der neue Wege in Form und/oder Handlung beinhaltet, die Sprache revolutioniert, andere Autoren inspiriert und den Lesern ein intellektuelles Erlebnis vermittelt, kann man wohl als Jahrhundert-Roman bezeichnen, soweit sich seine Wirkung über einige Generationen erstreckt. „Don Quijote“ von Cervantes etwa war ein epochales Werk, für das Ende des zweiten Jahrtausends könnte man vielleicht den „Ulysses“ des Iren James Joyce sowie „Hundert Jahre Einsamkeit“ des Kolumbianers Gabriel García Márquez nennen – und „Unter dem Vulkan“ von Malcolm Lowry.

 

Cuernavaca im Vulkanschatten des Popocatepetl ist der Schauplatz eines Totentanzes, dessen Protagonisten durch eine Hölle aus brutaler Gewalt, Liebesverlust und maßlosen Alkohol-Eskapaden taumeln. An Allerseelen, dem in Mexiko kultisch gefeierten Tag der Toten, erwartet der englische Ex-Konsul Geoffrey Firmin, ein von Mezcal und Schatten der Vergangenheit gezeichnetes Wrack, seine Ex-Frau Yvonne. In den hintersten Winkeln seines benebelten Gehirns hält sich die Hoffnung, mit ihr einen Neuanfang zu schaffen. Ein weiterer – eher unwillkommener – Gast trifft ein: der jüngere Halbbruder Hugh, der sich den Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg anschließen will. Für zwei der drei Hauptpersonen wird Allerseelen der letzte Tag ihres Lebens sein.

 

Etwa acht Jahre lang schrieb Lowry an diesem Roman, änderte in sechs Versionen Handlung und Erzählperspektiven immer wieder signifikant, maß den Helden neue Anteile und Bedeutungen zu, nahm Anleihen aus der jüdischen Kabbala oder aus dem Mahabarata der Hindus, um ein weltumfassendes poetisches und metaphorisches System zu kreieren (in dem übrigens der Alkohol nicht selten zur psychodelische Droge verklärt wird). Und in dem ihm eigenen hemmungslosen Symbolismus erinnert das immer wieder auftauchende Warnschild „LE GUSTA ESTE JARDÍN ...“ („Gefällt Ihnen dieser Garten, der Ihnen gehört? Verhindern Sie, dass Ihre Kinder ihn zerstören!“) an die Vertreibung der Menschen aus dem Garten Eden.

  

Als im Jahr 1946 nach endlosen Ablehnungen sowohl ein englischer als auch ein amerikanischer Verlag ihr Interesse an „Unter dem Vulkan“ signalisieren, fährt Lowry mit seiner zweiten Ehefrau Margerie, die ihm als Mentorin, Sekretärin und de facto Lebensretterin zur Seite steht, nach Mexiko. Auf den Spuren seiner ersten Reise in dieses, die bereits mit Delirium und Knast geendet hatte, vielleicht auch im Banne seines fiktionalen Saufbruders Firmin, gerät er wieder in die tiefsten Abgründe des Suffs, hysterisch begründete Depressionen und handfeste Schwierigkeiten mit der nicht gerade harmlosen mexikanischen Obrigkeit, die das Ehepaar schließlich ausweist. Die ersten Etappen dieser Reise, als das Paar noch harmoniert, wenn auch bereits auf dünnem Eis, hat Lowry in dem postum erschienenen Romanfragment „Dunkel wie die Gruft, in der mein Freund begraben liegt“ nachgebildet. Sein Alter Ego ist der Schriftsteller Wilderness, dessen Zusammenbruch sich andeutet, als er einen indianischen Freund in Oaxaca besuchen will, dort aber von dessen Tod erfährt. Womit wir bei der zweiten eingangs gestellten Frage wären: Hat Malcolm Lowry im Grunde nur sein eigenes Leben als Roman verkleidet?

 

Einige positivistische Wissenschaftler interpretieren literarische Stoffe ausschließlich aus dem Lebenszusammenhang der Autoren – ein problematischer Ansatz, da er Bewusstseinserweiterung, grenzüberschreitende Kreativität und Empathie weitgehend ignoriert. Bei Malcolm Lowry allerdings scheinen sie zunächst richtig zu liegen. Schon sein erster Roman „Ultramarin“ ist eine kaum getarnte schriftstellerische Aufarbeitung seiner Fahrt als 18-jähriger Schiffsjunge auf einem britischen Frachter – mit all ihren Enttäuschungen, Demütigungen und der Erinnerung an eine erste Liebe. Später heißen die Hauptpersonen zwar Plantagenet, Wilderness oder Llewelyn, doch sie sind alle Lowrys Zwillingsbrüder in Geist und Psyche. Wie er sind sie dem Alkohol verfallen, werden selbst in den seltenen Augenblicken persönlichen Glücks von Ängsten geplagt, folgen kryptischen Theorien und versuchen mit Hilfe ihrer überbordenden Kreativität Meisterwerke zu schaffen. In seinem Opus Magnum „Unter dem Vulkan“ verteilt Lowry eigene Identitätsmerkmale auf zwei Personen: So vertritt der Halbbruder Hugh die Sympathien des Autors für die spanischen Republikaners, während der haltlose, den Untergang heraufbeschwörende Geoffrey dessen dunkle Seite verkörpert.

  

Wenn man den Zeugnissen von Freunden und Kollegen in dem Essay-Band „Spinette der Finsternis / Über Malcolm Lowry“ glauben darf, war dieses Einfließen des realen Daseins in die Fiktion aber keine Einbahnstraße. Was ihm die Phantasie eingab, begann Lowry  in der Realität selbst nachzuvollziehen, sodass er zumindest phasenweise der Romanfigur Geoffrey Firmin im wirklichen Leben immer ähnlicher wurde...

 

Was aber über die rein "biografistische" Rezeption des Autors hinausgeht, ist die Erkenntnis der Wucht und Dichte seiner Sprache, seines ausufernden Gedankenreichtums und seiner Fähigkeit, die menschliche Tragödie in ungezählten Facetten einem sich in etlichen davon wiederfindenden und erschütterten Leser ins Bewusstsein zu hämmern. 

  

Lowry sei ein „Ein-Buch-Autor“ gewesen, ist eine verbreitete Kritikermeinung. Zwar wurde zu seinen Lebzeiten relativ wenig veröffentlicht, doch zählt auch die Novelle „Die letzte Adresse“, in der sich ein ehemaliger Jazz-Musiker freiwillig zur Alkohol-Therapie in eine New Yorker Nervenheilanstalt begibt, zu den großen (und anrührendsten) Texten des 20. Jahrhunderts. Fast zwei Jahrzehnte lang hatte der besessene Perfektionist Lowry die Erzählung immer wieder umgeschrieben. Die Arbeitsweise des Briten war ähnlich chaotisch wie seine Lebensführung: So geriet die Kurzgeschichte „Oktoberfähre nach Gabriola“ zu einem (unvollendeten) Roman von 350 Seiten, so wurde aus einem über 600 Seiten langen Manuskript am Ende die nur gut 50 Seiten umfassende Story „Elefant und Kolosseum“. Letztere ist Bestandteil der Sammlung „Hör uns, o Herr, der Du im Himmel wohnst“, die zwar nach Lowrys Tod erschien, aber weitgehend noch von ihm konzipiert wurde. „Dunkel wie die Gruft...“ und „Oktoberfähre...“ hingegen sind Rekonstruktionen, die seine Witwe Margerie Bonner zusammen mit dem Literatur-Professor Douglas Day von der Universität Virginia aus einem gigantischen Materialien-Wust destillierte. Es sind daher keine Meisterwerke, aber sie vermitteln einen umfassenden Einblick in Lowrys anarchische Schaffenskraft, seine latente Paranoia und eine immense Warmherzigkeit.

 

Der 1909 im englischen New Brighton geborene Malcolm Lowry hatte seine kreativste Phase wohl zwischen 1939 und 1955, als er die meiste Zeit mit Margerie an der westkanadischen Küste nahe Vancouver in einem Holzhaus ohne Strom und fließendes Wasser lebte. Die beiden bauten die Hütte sogar eigenhändig wieder auf, als sie 1945 abbrannte (wobei ein vollendetes Romanmanuskript für immer vernichtet wurde). Lowry, obwohl ständig von Geldsorgen geplagt, hatte in dieser Zeit seinen Alkoholkonsum einigermaßen unter Kontrolle, schwamm jeden Tag im Meer und entwickelte sich zum regelrechten Naturschützer, als die Stadtverwaltung im Namen des Fortschritts die squatters vertreiben und die umliegenden Wälder abholzen wollte.

 

Ab 1955 lebte das Paar in England. Lowry, der immer wieder Rückfälle erlitt und wegen des Zitterns seiner Hände oft nicht einmal mehr seinen Namen schreiben konnte, starb zwei Jahre später an einer Überdosis Schlaftabletten, nachdem er offensichtlich im Suff seine Frau aus dem Haus gejagt hatte. Der Autor eines der intensivsten und aufwühlendsten Romane der modernen Literatur wurde 47 Jahre alt. Nur! sagen die einen; ein Wunder, dass er so alt wurde, sagten andere, die ihn näher kannten.