António Lobo Antunes

 

Copyright: Jo Schwartz

 

 

Er ist in seiner Sprachgewalt, in der Charakterisierung urbaner Milieus und gesellschaftlicher Gruppen (ohne auktoriales Allwissen sowie moralische Wertung) und der Verdichtung scheinbar belangloser Befindlichkeiten, Sünden der Vergangenheit und Vorurteile zu ausweglosen Dramen einer der beeindruckendsten und beunruhigendsten Schriftsteller der Gegenwart. Die Romane des Portugiesen António Lobo Antunes zu lesen, ist nicht unbedingt leicht, keine bequeme Lektüre für die U-Bahn (auch wenn sie den Leser rasch in ihren Bann zieht und sensibilisiert), noch schwieriger aber ist es, das vielbändige Werk nach Inhalt, Stil oder Aussage einzuordnen, die Brisanz, Traurigkeit und Schönheit seiner Erzählkunst zu schildern. Man kann und muss sich Antunes auf verschiedenen Wegen nähern. Einige davon seien im Folgenden dargestellt, dennoch kann dieses Porträt aufgrund der Vielschichtigkeit des Autors nur Momente und Motive herausgreifen, nicht aber die ganze Wirkungsweise beschreiben.

 

Portugals kurzer Aufstieg und langer Niedergang:

 

Es ist ungewöhnlich, dass in einer rechten Diktatur die Armee, normalerweise das Hätschelkind der Macht, rebelliert und versucht, eine sozialistische Volksdemokratie zu etablieren. Die in den langen Kolonialkriegen von Angola, Mozambique und Guinea-Bissau erschöpften portugiesischen Truppen, angeführt von linken Offizieren, begannen 1974 die Nelkenrevolution, die Lissabon für eine kurze Zeit zum Weltzentrum gesellschaftlicher Utopien machen sollte. Die Großgrundbesitzer wurden enteignet, die Tagelöhner im bitterarmen Alentejo aus beinahe feudalistischen Abhängigkeitsverhältnissen befreit, die Pide-Agenten und Folterer der Diktatur festgenommen.

 

Wie so oft konnten sich die Akteure, unter ihnen Trotzkisten, Anarchisten und Volksfront-Anhänger, nicht auf ein perspektivisches Vorgehen einigen und mussten bald den Sozialdemokraten das Terrain überlassen, die wiederum den Boden für die Konservativen und die Wiederkehr der einstigen Herren des Landes ebneten. Portugals Aufbruch endete in der Restauration, die alten Besitzverhältnisse wurden weitgehend wiederhergestellt.

 

In dieser turbulenten Zeit spielen einige Romane von Lobo Antunes, der allerdings nie ein leuchtendes Panorama der kurzen Epoche malen wollte wie sein mit dem Nobelpreis ausgezeichneter Kollege José Saramago, sondern sich strikt an die individuellen Wahrnehmungen, Vorurteile und Phobien der Personen hält, die – meist sehr egoistisch – handeln, zu handeln versuchen oder denen mitgespielt wird, weil sie naiv oder zu lethargisch sind, um sich zu wehren.

 

Am Beispiel von Neureichen, die aus Kommunistenfurcht nach Spanien flüchten wollen („Reigen der Verdammten“), Nutznießern der alten Diktatur und ihren orientierungslosen Nachfahren („Das Handbuch der Inquisitoren“) oder Ordnungskräften, die bei ihrer Terroristenhatz dem überwunden geglaubten System wieder sehr nahe kommen („Die Leidenschaften der Seele“) charakterisiert Antunes die Zerrissenheit des Landes, wobei er in jähen Schnitten, unterbrochenen Sätzen und Assoziationen auch formal das einer gescheiterten Hoffnung folgende Chaos in aller Konsequenz darstellt.

 

Das Vermächtnis der Kolonialkriege:

 

Lobo Antunes entstammte einer jener großbürgerlichen Familiendynastien, die er später literarisch in ihrer ganzen Gier und Schäbigkeit bloßstellte. Er studierte Medizin, wurde Psychiater und saß als Mitglied der Kommunistischen Partei unter Salazar einige Zeit im Gefängnis. Zwischen 1971 und 1973 arbeitete er als Militärarzt in Angola, wo er Kontakte zu Vordenkern der späteren Nelkenrevolution unterhielt.

 

 Die Gräuel des Kolonialkriegs, die Verbrechen der Besatzungstruppen und der aus Lissabon entsandten Geheimagenten, aber auch die mörderischen (von Südafrikas Apartheid-Regime und den USA befeuerten) Machtkämpfe nach dem Abzug der Portugiesen und das elende Schicksal der an den Küsten des einstig mächtigen Mutterlandes angeschwemmten Siedler und Entwurzelten fließen in Romane wie „Der Judaskuss“, „Guten Abend ihr Dinge hier unten“ oder „Rückkehr der Karavellen“ ein. Portugal, einst als Imperium der Seefahrer und Entdecker zu Unterjochung fremder Völker aufgebrochen, ist auf sich selbst zurückgeworfen: ein armseliges kleines Land, dessen Perspektivlosigkeit und Unfähigkeit zu Empathie und Solidarität sich in den zerrissenen Familien und den Getriebenen der Großstadtslums widerspiegeln.

 

Hölle der Psychiatrie:

 

Als wären die Kriegserfahrungen in Angola nicht schon erschütternd genug gewesen, erlebte Lobo Antunes nach der Rückkehr und dem Arbeitsantritt in einem Krankenhaus eine nach eigenem Bekunden noch schlimmere Hölle, die der Psychiatrie. Schon in seinem ersten Roman „Elefantengedächtnis“ zeichnet er das düstere Bild einer Bewahranstalt für Menschen, denen jede Menschenwürde und Individualität von Therapeuten der verschiedensten Schulen genommen wird.

 

Auch in „Einblick in die Hölle“ karikiert der Autor, der noch bis 1985 als Chefarzt in einer Lissaboner Nervenklinik arbeitete, die in sich geschlossenen Systeme wie Psychoanalyse und Verhaltenstherapie als nutzlose Dogmen-Labyrinthe, in denen der Patient ohne Hoffnung auf Heilung oder wenigstens Verständnis wie ein Versuchskaninchen umherirrt respektive herumgestoßen wird.

 

Es ist vielleicht die Beschäftigung des Psychiaters mit der seelischen Verfassung seiner Patienten und der Interaktion zwischen Affekt, kognitiver Erfassung und von Aversionen geprägtem Gedächtnis, die den Schriftsteller zu seinem einzigartig konzipierten inneren Monolog aus Gedankenfetzen, manisch wirkenden Wiederholungen peinlicher oder berührender Sequenzen und traurig-humoristischer Slapstick-Szenen, in den unvermittelt äußere Dinge eingreifen, animiert hat.

  

Das Elend der Familien:

 

Die Ehen, Liebesbeziehungen und Familien in Antunes` Romanen scheitern, weil das Verständnis zwischen den Menschen fehlt, die Zuneigung entweder zu intensiv für den Verstand („Elefantengedächtnis“) oder deprimierend einseitig ist („Die natürliche Ordnung der Dinge“), weil sich Kinder lebenslang zurückgesetzt fühlen und sich peinliche Erlebnisse in hysterischer Verbissenheit lebenslang ins Gedächtnis zurückholen („Geh nicht so schnell in diese dunkle Nacht“). Glück, Bestätigung oder zumindest Zufriedenheit auf niedrigem Niveau bleiben den Hauptpersonen fremd, so wie derartig positive Stimmungslagen in ihrer Umgebung nicht anzutreffen sind, nicht in ihrem Viertel und erst recht nicht im heruntergekommenen Portugal.

 

Zu den aufwühlendsten – und das heißt bei Antunes: bittersten – Werken zählt „Mein Name ist Legion“, die Geschichte einer in den Vorstädten marodierenden Bande von schwarzen und farbigen Kindern, die sich auf ihren Raubzügen brutal an der rassistischen, sie völlig ausgrenzenden Gesellschaft rächen. Auf der anderen Seite der sozialen Barriere steht ein resignierter Polizeiinspektor, der nicht über das Scheitern seiner Ehe und die Entfremdung von seiner Tochter hinwegkommt, und zwischen die Fronten gerät eine alternde Hure, die von einem der minderjährigen Gangster keusch als Idol und Mutterersatz verehrt wird. Als das System am Ende ohne Rücksicht auf Verluste zurückschlägt, richtet es kollaterale Personenschäden an, exekutiert Menschen mit perfider Konsequenz, kürzt die Suche nach einer humanen Perspektive auf seine Weise ab.

 

Lobo Antunes macht Lissabons Viertel wie Benfica oder Vorstädte wie Estoril  zu den Schauplätzen familiärer Tragödien, zur Bühne bürgerlicher Scheinexistenzen, emotionalen wie sozialen Scheiterns sich selbst belügender Individuen. Dass seine Stoffe den Leser nicht niederschmettern, nicht in völliger Hoffnungslosigkeit zurücklassen, sondern eher wie Appelle an das Bewusstsein von hohem ästhetischem Wert  empfunden werden, ist der Sprachgewalt und einem ausgefeilten, die Rezeptionsgewohnheiten sprengenden Stil, dessen Intensität derzeit wohl kaum ein Autor weltweit erreicht, geschuldet.

  

Der Hohn der Möbel:

 

Obwohl Antunes sich auf scheinbar übersichtliche Milieus und in ihren Absichten leicht durchschaubare Personen beschränkt, sprengt er die Erwartungshaltung des Lesers, indem er ihn in die Unendlichkeit des Mikrokosmus menschlichen Denkens und Wollens einführt. Der innere Monolog seiner Protagonisten ist kein wohlgeformtes, logisch abgeschlossenes Gedankengebilde, es ist eine Kette sich kreuzender und widersprechender Assoziationen, unvergessener Demütigungen und abgehakter Hoffnungen, die nie ein Ende findet.

 

Der Schriftsteller ist der Chronist der Einsamen, die ihre Biografien memorieren und sich dabei in Lappalien und absurde Assoziationen verstricken, bis sie ihr Leben, ihre Erfahrungen zu einer einzigartigen Kompilation unheilbarer Enttäuschung verfremdet haben: Ich-Erzähler im Gefängnis obsessiver Vorstellungen und kleinlicher Abrechnungen. Selbst das Verhalten von Tieren, vor allem von widerspenstigen Vögeln, oder das Knarren der Möbel gelten ihnen als höhnischer oder mahnender Kommentar unbelebter Gegenstände zu ihrem ausweglosen Zustand.

 

Die Beschäftigung mit dem verzweifelten und geschlagenen Ich korrespondiert ständig mit einer ähnlich trostlosen Umgebung in Haus und Familie, und auch das weitere Umfeld, die Gesellschaft, bietet keine Fluchtmöglichkeit. Der mittlerweile 73jährige Lobo Antunes, vielfach ausgezeichnet, allerdings bislang vom Nobelpreis-Komitee verschont, hätte seine an der Gegenwart und der Vergangenheit scheiternden Figuren auch an anderen Orten ansiedeln können, aber Portugal ist sicherlich eine adäquate Gegend für sie; und ihre Schicksale, wiewohl jeweils in eine klar umrissene geschichtliche Epoche gesetzt, bleiben aufgrund der Grenzenlosigkeit individueller Empfindungen zeitlos.

 

09/2015