Ambrose Bierce


Es mag seltsam anmuten, einen Mann, der in erster Linie der weird literature zugerechnet wird, sich also einen Ruf als Verfasser unheimlicher Geschichten erwarb, als Wegbereiter der angelsächsischen Prosa zu würdigen. Aber merkwürdig war so ziemlich alles an Ambrose Bierce, widersprüchlich seine Weltsicht und höchst mysteriös sein Ende. Auch sollte man nicht vergessen, dass Erzählungen des Grauens und der Phantastik schon immer Bestandteil der Weltliteratur waren, von der deutschen Schwarzen Romantik über die genialen Russen wie Puschkin und Turgenjew bis hin zu den wichtigsten Autoren der USA im 19. Jahrhundert.


Von E. A. Poe zur Moderne


Im östlichen Kernland der sich vor knapp 200 Jahren erst langsam in Richtung Westen vortastenden Vereinigten Staaten herrschten kaufmännisches Gewinnstreben und imperialer Pioniergeist vor, für Kunst und feingeistige Literatur blieb da wenig Raum. So verwundert es nicht, dass die Anregungen für die ersten Dichter und Schriftsteller der Neuen Welt aus Europa kamen, erstaunlich war indes der starke Einfluss der deutschen Romantik. Vor allem E.T.A. Hoffmann (zeitgenössischer Spott: „Gespenster-Hoffmann“) regte mit düsteren Werken wie „Die Elixiere des Teufels“ oder „Der Sandmann“, in denen Schauermotive mit tiefenpsychologischer Deutung und Gesellschaftskritik vermengt waren, den (hierzulande als Grusel-Autor unterschätzten) damals wichtigsten Dichter Nordamerikas, Edgar Allen Poe, oder den genialen Chronisten der religiösen Hysterie und des bigotten Puritanismus in der Frühzeit der einst englischen Kolonien, Nathaniel Hawthorne („Das scharlachrote Siegel“), an.


Wie aber konnte sich aus der nordamerikanischen Pionier-Romantik der Anfangszeit jene naturalistische und realistische Prosa entwickeln, die der US-Literatur seit Beginn des 20. Jahrhunderts einen der vorderen Ränge weltweit sicherte? Vielleicht kann man Ambrose Bierce, den die Zeitgenossen wegen seines Sarkasmus auch Bitter Bierce nannten, als missing link, quasi als vernachlässigten Verbindungsmann zwischen den hypersensibel fabulierenden Phantasten wie E. A. Poe und den lakonisch knapp formulierenden Schriftstellern der sich abzeichnenden Moderne, repräsentiert etwa durch Ernest Hemingway oder John Dos Passos, bezeichnen.


Ein Leben in Extremen


Der pessimistische Grundzug im Werk von Ambrose Bierce verdankt sich wohl einer wenig gradlinigen, aber sicherlich an ernüchternden Erlebnissen reichen Biographie, die von kontradiktorischen Umständen geprägt wurde: So wuchs er als Farmersohn auf dem flachen Land von Ohio auf, konnte aber auf eine umfangreiche häusliche Bibliothek zurückgreifen und sich als Autodidakt früh zum Spezialisten für englische Sprache, speziell in amerikanischer Ausprägung, entwickeln. Obwohl der Vater, ein entschiedener Gegner der Sklaverei, wohl kein ganz tumber Bauer gewesen sein kann, lief Ambrose mit 15 Jahren von daheim weg.


Im Bürgerkrieg diente er als Scout der Nordstaaten-Armee, wurde mehrfach verwundet, floh nach einer Gefangennahme und erhielt Auszeichnungen für besondere Tapferkeit. Als Landvermesser nahm er 1866 an einer Expedition durch das Indianer-Territorium teil. Damit endete (vorerst) die abenteuerliche Periode seines Lebens.


Bierce zog an die Westküste, wurde Journalist beim San Francisco Examiner und stieg zum Hauptstadt-Korrespondenten in London, dann in Washington D.C. auf. Im Alter – seine Ehe war gescheitert, er hatte zwei Söhne verloren und litt unter Asthma sowie Alkoholproblemen – setzte er ein letztes Mal sein Leben aufs Spiel: Als 71-jähriger überquerte er 1913 in vollem Bewusstsein der Gefahr (Ein Zitat von ihm bezieht sich auf die ursprüngliche Bedeutung guter Tod der altgriechischen Vokabel: "Ein Gringo in Mexiko sein - ah, das ist Euthanasie!") die Südgrenze der USA, begleitete als Reporter die Revolutionstruppen Pancho Villas – und verschwand spurlos. Carlos Fuentes hat in seinem großartigen Roman „Der alte Gringo“ über das gewaltsame Ende des Autors spekuliert, wobei er sich vermutlich auf eine Andeutung in dessen letzten Brief bezog, der zufolge Bierce mit der standrechtlichen Erschießung rechne.


Wenig kongruent oder sogar ähnlich zerrissen wie sein Lebensweg zeigen sich auch seine Haltungen den Mitmenschen und der Gesellschaft gegenüber. Viele Zeitgenossen hielten ihn für den „bösartigsten Menschen“ im ganzen Land, während Bekannte seine Liebenswürdigkeit und Hilfsbereitschaft hervorhoben. Die bürgerlichen Politiker, die er als Korrespondent zur Genüge kennengelernt hatte, hasste er inbrünstig, die Sozialisten mochte er aber auch nicht. Er galt als einer der hervorragendsten Kenner der angelsächsischen Literatur und war mit dem Kritiker-Papst Henry Mencken ziemlich eng befreundet.


Der größere Horror


Abgesehen von „Der Mönch und die Henkerstochter“, eine in den Alpen spielende Novelle in der ansonsten für ihn untypischen Kulisse und Sentimentalität der deutschen Romantik, umfasst das relativ schmale, aber umso intensivere literarische Werk von Ambrose Bierce fünf Sammlungen: „Geschichten aus dem Bürgerkrieg“, „Horrorgeschichten“, „Lügengeschichten“, „Phantastische Fabeln“ und „Das Wörterbuch des Teufels“. Vor allem die ersten beiden Kompendien begründeten den Ruhm des Autors, wobei die Kriegsstorys, die weitgehend ohne metaphysische Phänomene auskommen, von den meisten Lesern als erschreckender empfunden werden als die Gruselgeschichten, in denen sich tatsächlich oft Übernatürliches abspielt.


Versuche, Bierce zum Kriegsgegner und pazifistischen Schriftsteller umzudeuten, treffen den Kern seiner beinahe surrealen Bloßstellung jeglichen Heldentums und aller vorgeblichen Rationalität beim Blutvergießen nicht. Der Autor formulierte zum Leidwesen friedensbewegter Interpreten in den 1980er Jahren nirgendwo eine prinzipielle Ablehnung des Krieges, beschreibt aber dessen Absurdität und die Verheerungen, die durch ihn in der Psyche von Soldaten und zivilen Opfern angerichtet werden, mit einer Schärfe und analytischen Beobachtungsgabe, die Ihresgleichen in der modernen Literatur suchen. Ob ein Mann den feindlichen General, seinen Vater, tötet, ob wie in der berühmten, in vielen Anthologien veröffentlichten Erzählung „Ein Vorfall an der Owl-Creek-Brücke“, ein Südstaaten-Spion scheinbar seiner Hinrichtung entgeht, aber in eine schattenhaft veränderte Hyperrealität gelangt, oder ein einsamer Wachposten in der Wildnis von der eigenen Phantasie und einer Spottdrossel genarrt wird – in lakonisch distanzierter Sprache steigert Bierce die unerträgliche Spannung bis zum tragischen Höhepunkt.


Aus dem Blickwinkel eines Kindes thematisiert die Geschichte „Chickamauga“ das morbide Geschehen nach einer der großen Schlachten des Bürgerkriegs und taucht sinnbildlich den Leser mit einer (sic!) bitteren, jedes Pathos verhöhnenden Verve in einen blutigen Wahnwitz, wie ich sie noch in keinem thematisch verwandten Werk gefunden habe. Mag der bekennende Zyniker Bierce auch kein erklärter Kriegsgegner gewesen sein, so hat er doch mit „Chicamauga“ eines der erschütterndsten Stücke der Antikriegsliteratur geschaffen.


Ein einsames Jenseits


Auch die unheimlichen Storys (O-Titel der Sammlung: „Can Such Things Be?“) gehen weit über konventionelle Bemühungen, dem Publikum wohlige Gruselmomente zu verschaffen, hinaus. Zwar gehören bei Bierce ein paar übersinnliche Phänomene und Figuren zum Repertoire, doch geprägt werden die überwiegend deprimierenden Erzählungen durch das Versagen, die Ängste und die Obsessionen der normalsterblichen Akteure. Diametral entgegengesetzt im Spektrum der Stimmungen sind der sarkastische Humor von „Der berühmte Gilson-Nachlass“, der den Henker eines Gold- und Pferderäubers dazu verpflichtet, die Unschuld seines Opfers zu beweisen, und die tieftraurige Erzählung „Die Straße im Mondlicht“, in der drei Menschen aufgrund einer unglücklichen Mixtur aus Schuld und Zufall ins Verhängnis stürzen und das Jenseits als ein Ort ohne Kommunikation, Verständnis und Hoffnung beschrieben wird.


Die „Fabeln“ vermitteln im Gegensatz zu altgriechischen oder französischen Vorgängern keinerlei Einsichten von erhebender Moral, sondern nur tiefe Einblicke in alle Spielarten der Gemeinheit, desgleichen die „Lügengeschichten“, etwa die durchaus realitätsnahe Farce „Die Presse bestechen“, die das intime Verhältnis zwischen Politik und wohlfeilem Journalismus karikiert, oder die brachial makabre Familienchronik „Mein Lieblingsmord“.


Von einmaliger satirischer Böswilligkeit aber zeigt sich Ambrose Bierce in seinem 1911 erstmals vollständig erschienenen „Des Teufels Wörterbuch“. Bevor ich mich in weitschweifigen Elogen ergehe, die dem Autor allenfalls ein geringschätziges Lächeln entlockt hätten, zitiere ich lieber den letzten Eintrag in diesem Kompendium angewandter Misanthropie:


Zyniker, der – Schuft, dessen mangelhafte Wahrnehmung Dinge sieht, wie sie sind, statt wie sie sein sollten. Hierher rührt die skythische Gepflogenheit, eines Zynikers Augen auszureißen, um seine Wahrnehmung zu verbessern.


04/2016


Dazu auch:

                    

Carlos Fuentes im Archiv dieser Rubrik