Verletzter Verletzer


Ein Mann trägt ein selbstverfasstes Schmähgedicht, dem man angesichts des brachialen Gossenvokabulars nur mit viel gutem Willen das Etikett Satire anheften mag, im Fernsehen vor. Die Kanzlerin lehnt sich aus dem Fenster und stuft das sich gegen den türkischen Präsidenten richtende Machwerk – unberufen, aber inhaltlich richtig – als „bewusst verletzend“ ein. Der lyrische Provokateur verklagt daraufhin die Bundesrepublik auf künftige Unterlassung dieser Formulierung, als wolle er austesten, wie unantastbar schlechter Geschmack mittlerweile geworden ist. Das Berliner Verwaltungsgericht schmettert die Klage ab, und Jan Böhmermann muss sich fragen, wie lächerlich sich ein Spötter selbst machen darf.


Die vorlaute Kanzlerin


Si tacuisses… Wenn du nur geschwiegen und in dem von dir gewohnten komatösen Tran verharrt hättest, Angela, man würde dich weiterhin als politisches Pendant der drei indischen Affen verehren. So aber hat dich bzw. den Staat, den du angeblich regierst, ein durchgeschossener Schmalspurzyniker vors Gericht gezerrt, weil du zur falschen Zeit und ohne Not das Richtige gesagt hast.


Böhmermanns 2016 im ZDF-Format  Neo Magazin Royale gesendete Machwerk enthält ordinäre Verbalinjurien gegen den türkischen Wahldiktator Erdoğan wie Sein Gelöt stinkt schlimm nach Döner./selbst ein Schweinefurz riecht schöner oder Am liebsten mag er Ziegen ficken... Inmitten dieser Sudeleien findet sich dann in dünnen Worten eine Art moralischer Rechtfertigung (…und Minderheiten unterdrücken).  Aha, um gegen Minoritätenverfolgung zu protestieren, hat sich Böhmermann also des „Kunstgriffs“ der Beleidigung und Ehrenverletzung bedient und dabei (Döner stinkt) ein ganzes Volk mit in satirische Geiselhaft genommen.


Dass Merkel dies als „bewusst verletzend“ bewertete, war sachlich korrekt, doch gibt es zu denken, dass die Kanzlerin, die bislang weder als Medienkritikerin noch als Verteidigerin der Menschenwürde groß in Erscheinung getreten war,  so zeitnah und ungefragt reagierte. Hing es vielleicht damit zusammen, dass Berlin die dumme Sau Erdoğan (O-Ton Böhmermann) noch brauchte, um Flüchtlinge von Europas und vor allem Deutschlands Grenzen fernzuhalten?


Jan Böhmermann indes beklagte sich weinerlich, Merkel habe ihn „filetiert, einem nervenkranken Despoten zum Tee serviert und einen deutschen Ai Weiwei aus mir gemacht“. Nun ist der chinesische Dissident Ai Weiwei ein weltweit anerkannter Künstler, hat folglich einen Status inne, den auch die mächtigste Opportunistin der Politik einem verpeilten Schmierenkomödianten nicht verschaffen kann. Zudem lebt Böhmermann ziemlich sicher in Merkels Republik, obwohl er nicht nur einen Despoten und seine Anhänger, sondern auch regimekritische Türken gegen sich aufgebracht hat. Dennoch verklagte er die BRD auf künftige Unterlassung der Formulierung „bewusst verletzend“, da diese einer Vorverurteilung gleichkomme (wieso vor?).


Was Satire darf


Die Richter des Berliner Verwaltungsgerichts lehnten die Klage ab, weil keine Wiederholungsgefahr bestehe, da sich die Kanzlerin inzwischen eindeutig von ihrer Äußerung distanziert habe. Von der Wahrheit, wenn sie nicht in der nützlichen Interpretation daherkam, haben sich bundesdeutsche Politiker immer schon gerne distanziert.


Bleibt die Frage: Was bewog Jan Böhmermann zur Anrufung eines Gerichts? Waren ihm nicht unerwartete Erfolge in den Schoß gefallen: Kritische Geister befanden zu Recht, dass Meinungsfreiheit in satirischer Form auch auf unterstem Niveau nicht den Rachegelüsten eines tobenden Autokraten geopfert werden dürfe. Der feudal-antiquierte Strafrechtsparagraph der Majestätsbeleidigung wurde wegen seines Falls gekippt, und er selbst erhielt den Grimme-Preis, eine TV-Auszeichnung, mit der vor ihm allerdings schon überwiegend peinliche Darstellerinnen wie die üppige Allzweckwaffe Veronica Ferres und Kunstwerke wie das Dschungelcamp geehrt wurden. Aber Böhmermann will sich damit nicht zufriedengeben, er möchte die Erhebung seines fäkal-schwangeren Pamphlets zum unangreifbaren Manifest per Jurisdiktion – ein Indiz für das gestörte Urteilsvermögen des Autors…


Auf die Frage, was Satire darf, antwortete Kurt Tucholsky kurz und bündig: „Alles“.  Im Umkehrschluss darf Satire aber auch schonungslos kritisiert werden. Und was Böhmermann als kabarettistischen Text präsentierte, war – mangels ironischer Distanzierung – eine primitive Suada, die nur bezüglich ihrer Daseinsberechtigung, nicht aber wegen ihrer Qualität Verteidigung verdiente. Dass der Verfasser zeitweise unter Polizeischutz gestellt werden musste und Drohbotschaften erhielt, ist traurig, dass er aber die Gerichtsbarkeit bemüht, um sich als Opfer einer von der Staatschefin befeuerten Hetze zu gerieren, wirkt eher absurd.


Kabarett und Satire können zuspitzen und übertreiben, Sachverhalte bewusst ins Gegenteil verkehren, doch geschieht dies mit dem Impetus, den ganz normalen Flachsinn der Politik zu entlarven, die Haltlosigkeit von Vorurteilen zu demonstrieren oder über Missstände aufzuklären. Zwar behauptete auch Böhmermann, er habe nur aufzeigen wollen, wann Spott die Grenzen der Satirefreiheit überschreite, doch fehlt im Text selbst jeder Hinweis auf dialektische Ironie. Das ist, als habe jemand eine MG-Salve auf einen Gegner abgefeuert, nur um die Sinnlosigkeit des Schusswaffengebrauchs zu dokumentieren.

      

Rechter Beifall für den Borderliner


Stil und Wortwahl im Schmähgedicht sind nicht auf Böhmermanns geistigem Mist gewachsen, man kann schon lange ähnliches zu vorgerückter Stunde in fröhlichen Bierrunden eloquenter AfD-Anhänger vernehmen. Gerade von ihnen wurde das Beleidigungsstakkato für bare Münze genommen, weil kein Hinweis auf die vermeintlich pädagogische Intention in den Versen wahrnehmbar ist. Die Rechtsaußen der Gesellschaft jauchzen auf – der Autor hat genau jene dumpfe Gesinnung bedient, deren Terminologie er angeblich bloßstellen wollte.


Man kann den Halb-Tyrannen Erdoğan angreifen, in seinem eigenen Stil beschimpfen oder sich über ihn lustig machen, man sollte ihn aber nicht vertiert darstellen und ihm die Beleidigungsfähigkeit absprechen. Man bekommt – egal, mit welcher Absicht dies geschieht – dann Beifall von der falschen Seite, und der üble Polemiker in Ankara darf sich mit Recht empört zeigen und die Solidarität seiner Landsleute einfordern.


Man sollte Jan Böhmermann kein rechtsextremes Weltbild unterstellen, was aber bedenklich stimmt, ist seine Reaktion auf die von ihm provozierten Reaktionen: Er pöbelt fahrlässig und zumindest missverständlich, relativiert ein wenig und gibt dann vor Gericht den von Kanzlerin und Republik Verfolgten. Wir lehnten alle rechtlichen Schritte gegen die im Gedicht geäußerten Beschimpfungen ab, weil wir stets der Meinung waren, dass auch misslungene Satire kein Fall für Gerichte sein darf. Nun geht der Autor aber selbst vor Gericht, weil er findet, dass ihn keiner missverstehen und seinen Text bewerten darf. Böhmermann wirkt wie ein ins Rampenlicht geratener Borderliner. Menschen mit dieser Persönlichkeitsstörung wird ein schwankendes Selbstbild wegen gestörter Selbstwahrnehmung attestiert.

 

04/2019

 

Dazu auch:

Comeback der Narren im Archiv der Rubrik Medien (2014)