Sigmar G. reloaded

Cartoons: Rainer Hachfeld


„Was macht eigentlich…?“ So oder ähnlich werden Pressekolumnen oder Doku-Schmonzetten in Funk und Fernsehen betitelt, die sich mit Persönlichkeiten beschäftigten, welche aus dem Rampenlicht der Öffentlichkeit ins Halbdunkel des Vergessens gerutscht sind. Einer der Ehemaligen, der sich immer wieder zu Wort meldet und undurchsichtig wie eh und je im Polit-Business wuselt, benötigt solch nostalgische Auffrischung des kollektiven Gedächtnisses gar nicht: Sigmar Gabriel äußert sich weiterhin zu allem und jedem, und er ist das Wendehälschen geblieben, das er immer schon war.


Gegen oder für Uschi?


Wie beim Hütchenspiel täuscht Gabriel in der Politik bisweilen Positionen an, um schließlich ganz andere einzunehmen. Seine Meinungen gleichen impressionistischen Farbklecksen, die später von den trüben Schichten wohlfeiler „Realpolitik“ überdeckt werden. Ein prächtiges Exempel für seine atemberaubende Flexibilität lieferte der Sozialdemokrat erst vor kurzem ab.


Als die öffentliche Meinung sich noch über die Art und Weise, wie die vehement versagende Kriegsministerin Ursula von der Leyen an die Spitze der EU-Kommission weggelobt wurde, echauffierte, stimmte Gabriel mit schroffen Kommentaren ein: Anfang Juni sprach er im SPIEGEL-Interview von einem „beispiellosen Akt der politischen Trickserei“. Mit einer Konsequenz, die ihm als Parteichef stets abging, forderte er seine SPD dazu auf, von der Leyens Berufung zu verhindern. „Sie muss es aufhalten, sonst macht sie bei diesem Schmierentheater mit und die EU-Wahlen zur Farce.“


Knapp zwei Wochen, also eine Ewigkeit in seiner ganz eigenen  politischen Zeitrechnung, später flötete Gabriel in der Bild am Sonntag:  "Sie kann eine gute Kommissionspräsidentin werden, das steht völlig außer Frage." Als wandlungsfähiger Genosse gelangte er somit zu der Einsicht, dass man ein solches Talent ja wohl besser nicht abservieren sollte.


Hansdampf in allen Think Tanks


Er wolle jetzt erst einmal gutes Geld verdienen, ließ Gabriel die Headhunters der Wirtschaft nach dem vorläufigen Ende seiner politischen Karriere wissen. Doch scheinbar wurde der Umtriebige von Vorständen und Aufsichtsräten der Weltkonzerne gewogen und als zu leicht für einen wichtigen Posten befunden. Am Hungertuch muss der ewige Verlierer der bundesdeutschen Politik dennoch nicht nagen.


Seit Juni vorigen Jahres schreibt Gabriel, der zuvor nicht gerade durch journalistische Brillanz aufgefallen war, für das Handelsblatt, den Tagesspiegel und die Zeit, drei Publikationen der Holtzbrinck-Verlagsgruppe. Seine Beiträge sind sprachlich einfach gestrickt, beinhalten aber dreiste Verdrehungen und (bewusst?) falsche Tatsachenbehauptungen. So phantasiert Gabriel unter der Titelzeile Fünf-Punkte-Plan für einen sozialen Kapitalismus (im Klartext: Fünf Plattitüden für einen Widerspruch in sich) im Tagesspiegel freihändig vor sich hin: „Und auch auf der linken Seite des politischen Spektrums gibt es langlebige Mythen, die denen der Nationalisten auf paradoxe Weise ähneln: Die Produktionsmittel vergesellschaften zu wollen, ist ein nationalstaatlich gedachtes Instrument der sozialistischen Arbeiterbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts.“


Davon abgesehen, dass Gabriel die linke Seite des Spektrums allenfalls vom Hörensagen kennt, unterstellt er Marx und anderen sozialistischen Vordenkern, sie hätten die Kapitalisten in „patriotischer“ Absicht enteignen wollen, und unterschlägt dabei großzügig deren Absicht, mit der Herrschaft einer Klasse auch den Nationalstaat absterben zu lassen. (Übrigens sangen die linken Arbeiter, auch die in der SPD, damals nicht Die Nationale, auch nicht Deutschland, Deutschland, über alles, sondern Die Internationale.) Für solche Ausbünde an Schmonzes und Geschichtsklitterung kassiert das Mitglied des rechten Seeheimer Kreises zwischen 15.000 und 30.000 Euro im Monat – kein schlechtes Taschengeld für einen dilettierenden Gesellschaftskolumnisten.


Höchster Ehren aber wurde der flinke Sigmar in diesem Jahr teilhaftig, als ihn die Trilaterale Kommission, so etwas wie die Mutter aller internationalen Think Tanks, in denen die ökonomisch und militärisch Mächtigen gern mit servilen Journalisten zusammensitzen, aufnahm und ihn ein weiterer wichtiger Kungelclub, die Atlantik-Brücke, gar zum Vorsitzenden berief. In letzterer Funktion ist er der Erste unter einigen illustren Gleichen, also Vorstandsmitgliedern wie Friedrich Merz, dem Deutsche-Bank-Abwracker Jürgen Fitschen oder dem BILD-Blechtrommler Kai Dieckmann. Zu den Mitgliedern zählen auch Angela Merkel, der unter Betrugsverdacht stehende Ex-VW-Chef Martin Winterkorn oder der CEO des mächtigsten US-Industriekonzerns General Electric, Fernando Becalli-Falco.

 

  

Als Heiliger Christopherus des "Freihandels" propagiert Gabriel im Auftrag seiner Think-Tank-Freunde aus der Wirtschaft alle möglichen Knebel-Abkommen.


Ende der 1990er Jahre waren Mitglieder der Atlantik-Brücke wie Casimir Prinz zu Sayn-Wittgenstein, Karlheinz Schreiber und Dieter Holzer in die Schwarzgeldaffäre der hessischen CDU verwickelt. So viel kriminelle Energie in noblem Rahmen muss Gabriel imponiert haben, ebenso wie die einstige Disziplinierung seiner sozialdemokratischen Vorväter. Die Historikerin Anne Zetsche wirft der Atlantik-Brücke nämlich vor, sie habe durch „massive Beeinflussung“  dazu beigetragen, die SPD in den 1950er Jahren von ihrem antimilitärischen und neutralistischem Kurs abzubringen.


Und ein ständiger Gast der geheimbündlerischen Lobby-Organisation, der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger, dem in mehreren Staaten Verfahren wegen mutmaßlicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit drohen, dürfte in Sachen Raffinesse und Skrupellosigkeit dem manchmal noch etwas weichlich wirkenden Sigmar als Vorbild dienen.


Tricky Sigi forever


Der alte Strippenzieher Kissinger, der maßgeblich half, den Vietnamkrieg erst richtig auszuweiten und zu brutalisieren, verpflichtete die Europäer im vergangenen Jahr zu bedingungsloser US-Gefolgschaft: Spannungen in der NATO würden die EU „in ein Anhängsel Eurasiens“ verwandeln. Deutschland muss seiner Meinung nach Vasall Washingtons bleiben, denn es habe nur die Wahl, einen „rauflustigen, aber grundsätzlich liberalen und demokratischen Partner in den Vereinigten Staaten zu unterstützen“ oder einen „grundsätzlich illiberalen und autoritären Herausforderer in China“.

Der Mann, der einst vom zu gewinnenden strategischen Atomkrieg als Option träumte, verharmlost also einen potentiellen Warlord wie den cholerischen Präsidenten Donald Trump, in dem er ihn als demokratischen, irgendwie sympathischen Raufbold darstellt.


Der neue Vorsitzende der Atlantik-Brücke mochte nicht hinter seinem Mentor zurückstehen. Man habe zwar „Schwierigkeiten mit dem …, was der aktuelle Präsident der Vereinigten Staaten macht“, erklärte Sigmar Gabriel nach seiner Wahl, „aber eines stimmt auch: Ohne die Vereinigten Staaten … ist Europa schwächer“.


 

Brückenbauer Sigi und sein Mentor Henry



 


Damit interpretiert Gabriel seine Rolle als Frühstücksdirektor einer mächtigen Vordenkfabrik goldrichtig: Auch die deutschen Großkoalitionäre wie Maas, Merkel und AKK werden zunächst ein wenig wider den Stachel der Bevormundung löcken, dann aber in der Iran-, der China- und der Welthandelspolitik brav dem Großen Bruder Donald folgen. Die Atlantik-Brücke ist dazu da, den Europäern solchen Gehorsam schmackhaft zu machen; zu diesem Zweck entsendet sie bisweilen mehrere Mitglieder gleichzeitig in TV-Talkshows wie die von Anne Will, und dafür präsentiert sie möglichen Zweiflern den großen alten Mann des sozialdemokratischen Opportunismus als gereiften Zeitzeugen. Tricky Sigi is back.

 

08/2019

 

Dazu auch:

Die Rolle rückwärts im Archiv dieser Rubrik (2016)

Bad Man Gabriel im Archiv von Politik und Abgrund (2014)