Segler in Not


Wenigen hierzulande wird bisher der Name Abhilash Tomy geläufig gewesen sein. Dies dürfte sich nun für kurze Zeit ändern. Der Marineoffizier war 2013 der erste Inder gewesen, dem eine Solo-Weltumseglung gelang, jetzt wurde er aus akuter Seenot gerettet. Er hatte sich an einer Non-Stop-Regatta rund um den Globus beteiligt und war bei einem Mastbruch schwer am Rücken verletzt worden. Seine Bergung beweist: Die internationale Seenotrettung funktioniert doch.


Freiwillig in Lebensgefahr


Tomy war im Juni mit siebzehn anderen Skippern zur Wettfahrt über die Weltmeere gestartet. Um die Regatta nicht zu ungefährlich werden zu lassen, mussten die Boote mindestens 30 Jahre alt sein und durften nur mit antiken Navigationshilfen wie Seekarte und Sextant ausgestattet werden. Mitten auf dem Indischen Ozean geriet der Abenteurer in einen heftigen Sturm und wurde physisch weitgehend außer Gefecht gesetzt, als der Mast knickte.


Immerhin war die Mitnahme eines Funkgeräts gestattet worden, und so konnte Tomy Notsignale aussenden. Seine führungslose Nussschale wurde aus der Luft gesichtet, Rettungsschiffe liefen aus, und schließlich nahm das französische Patrouillenboot Osiris den Schiffbrüchigen an Bord. Artikel und Fotos informierten in vielen Ländern über die wundersame Erlösung aus höchster Seenot. Der Inder war mit einem Male weltberühmt.


Im riesigen Südmeer konnten nach intensiver Suche also ein winziges Segelschiff geortet und ein einziger Mensch in einer aufwändigen Aktion gerettet werden. Im vergleichsweise kleinen Mittelmeer wird nicht nach Ertrinkenden gesucht, zumindest nicht sehr intensiv, was staatliche Stellen betrifft. Dabei haben sich die Schiffbrüchigen dort nicht mutwillig, aus spleenigen Gründen etwa, enervierender Langeweile oder schierem Übermut, in Lebensgefahr begeben, sie sind vielmehr vor Unterdrückung, Krieg und/oder Not geflohen.

  

Offene Häfen für Hasardeure


Nun ist es immer eine erfreuliche Nachricht, wenn ein Mensch aus tödlicher Gefahr gerettet wird, unabhängig davon, auf welche Weise oder aus welchem Grund er in die prekäre Lage geraten ist; doch sei die Frage gestattet, wie selektiv der Wert des Lebens in unserer (europäischen) Öffentlichkeit taxiert wird. Hätte etwa die italienische Regierung verkündet, sie denke nicht daran, nach einem havarierten Sportsegler zu suchen, geschweige denn, ihn nach geglückter Bergung an Land zu lassen, wäre die Woge der Empörung auf dem ganzen Kontinent über die Alpen geschwappt. Das massenhafte Ertrinken im Mittelmeer zu ignorieren oder gerettete Flüchtlinge zurück in die Fänge ihrer libyschen Peiniger zu treiben, gehört hingegen längst zum business as usual der römischen Behörden, und in der EU regt sich keiner (zumindest niemand in offizieller Funktion) mehr auf, überlassen doch mittlerweile auch die anderen Staaten die Schiffbrüchigen ihrem Schicksal.


Abhilash Tomy scheint ein wohlhabender Mann zu sein, sonst hätte er sich den kostspieligen Extremsport, der in einer geplant dreivierteljährigen Regatta gipfelte, wohl kaum leisten können. Insofern ist es nicht weiter verwunderlich, dass ihn kein Land, das ihn aufnehmen und medizinisch versorgen kann, abweisen wird. Vermutlich benötigt er dazu weder Visum noch Pass, und auch einem längeren Aufenthalt oder gar einer Ansiedelung würde sich kaum jemand widersetzen. Von notwendiger Integration (in Deutschland ein gern gebrauchtes Synonym von Assimilierung) wäre wohl auch nicht die Rede, nur der seinen rassistischen Prinzipien treu gebliebene Afd-Gauland würde wahrscheinlich auch neben dem dunkelhäutigen Asiaten nicht gerne wohnen wollen. Was man dem indischen Nobel-Skipper nonchalant erließe, würde dem senegalesischen oder ghanaischen Kleinbauern, den die  EU-Handelspolitik in den Ruin getrieben hat, sehr wohl abverlangt werden – falls er denn das rettende europäische Ufer überhaupt erreichen sollte.

   

Ruhm und Vergessen


Für ein paar Tage steht Abhilash Tomy noch als Held unserer Zeit im Blickpunkt der lesenden und fernsehenden Weltöffentlichkeit, dann werden sein Bild und sein Name wieder vergessen sein. Von den Zehntausenden, die auf maroden Kähnen das Mittelmeer zu überqueren suchen, existieren höchstens vereinzelt Fotos, die mal verängstigte Gesichter, mal ein ertrunkenes Kleinkind zeigen. Diese Schiffbrüchigen bleiben anonym, sie liefern keine skurrile Story und haben keine Namen.


Zu Helden (und auch das nur in ihrer Heimat) würden sie nur, wenn es ihnen gelänge, in Europa Fuß zu fassen und Geld an ihre zurückgebliebenen Familien zu senden. Für uns im christlichen Abendland aber zählt individueller Mut bei Fremden nur, wenn durch ihn unsere in relativem Luxus schmorende und monokulturell reingehaltene Welt nicht bedrängt wird.


Vielleicht gehört es auch zu den symptomatischen Erscheinungen unserer auf Thrill und Sensation, nicht auf Reflexion und historisches Bewusstsein gerichteten Rezeption vermischter Meldungen, dass nur noch sinnfreie Unternehmungen allgemeines Interesse, Mitgefühl und Bewunderung erregen. Informationen über von Krieg und Elend gezeichnete Schicksale gelten hingegen als wenig attraktiv und werden in ihrer Häufung als penetrant empfunden.

 

09/2018

 

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Retten verboten! in der Rubrik Medien