Retro-Bursche Tilman


Der neue Chef der Jungen Union (JU), Tilman Kuban, hat sich in der Wortwahl vergriffen und Merkels sedative Gängelung der CDU mit einer Vokabel aus der Nazi-Terminologie belegt. Deutsche Publizisten und sogar Parteifreunde regen sich darüber auf, unterschlagen dabei aber, dass Kubans Entgleisung nur einen fragwürdigen Höhepunkt der Restaurationswelle im rechten Lager darstellt, in deren Verlauf Standpunkte und Personen von anno dazumal recycelt und neuer Geltung zugeführt werden sollen.


Die jungen Doofen


Es ist die Crux der einstigen „Volksparteien“, dass die Organisationen ihres Nachwuchses sich bei den Wahlen der Vorsitzenden offenbar von der Devise Es kommt nichts Besseres nach leiten lassen. Früher hoffte man auf das Rebellentum der jungen Jahre -  etwa als Klaus Uwe Benneter das wahre Wort vom „Staatsmonopolistischen Kapitalismus“ gelassen aussprach und dafür von den Genossen ausgeschlossen wurde. Inzwischen ist der einstige Aufmupf reumütig als Parteirechter zur alten Dame SPD zurückgekehrt, und so schliffen sich auch andere Widerhäkchen im politischen Alltagsgeschäft rasch ab. Bei Kevin Kühnert, dem jetzigen Juso-Chef, der mutig die Symptome angreift und gründlich an der Oberfläche kratzt, darf man die Beendigung seiner Sturm- und-Drang-Zeit per Postenzuweisung fast täglich erwarten.


Gut, Gerhard Schröder und Andrea Nahles haben es nach ihrer politischen Initiation als jugendliche Apparatschiks zu etwas gebracht, aber heute wäre es uns lieber, dies wäre nicht geschehen. Gleiches gilt für Markus Söder, den Hallodri Max Streibl und Otto Wiesheu, der als besoffener Todesfahrer immerhin zum Wirtschafts- und Verkehrsminister in München aufstieg, alle einstige Anführer der bayerischen JU.


Ziemlich unauffällig agierte zuletzt das Führungspersonal des CDU-Nachwuchses – bis der intellektuell stets etwas sparsam wirkende Paul Ziemiak vor der Wahl zum Parteivorsitz mit fliegenden Fahnen von Friedrich Merz zu Annegret Kramp-Karrenbauer überlief, um anschließend von ihr zum Generalsekretär geschlagen zu werden. Der neue JU-Chef Tilman Kuban hingegen erregte gleich von Anfang an Aufsehen und Zweifel, ob er nicht erst spreche, dann denke (wenn überhaupt) und ob ihm der während der zwölf Jahre vor 1945 gepflegte Jargon in seiner tödlichen Bedeutung geläufig sei. Zumindest hat er sich eines Nazi-Begriffs bedient, um die Parteifreundin Angela abzuwatschen.


Saufende und schlagende Eliten


Vermutlich wollte Kuban den Zauber brechen, mit dessen Hilfe Merkel ihre CDU und mit ihr die ganze Republik jahrelang in Tiefschlaf versetzen konnte. Als er ihr aber „die Gleichschaltung“ der Partei vorwarf, verglich er sie nolens volens mit den Nationalsozialisten, die unter diesem Motto die Kultur, den kritischen Intellekt, die Medien und alle Organisationen niederwalzten, bis nur noch brauner Odel übrig blieb. Tilman Kuban ist kein Historiker, sondern Jurist, insofern versteht er vielleicht vom geschichtlichen Hintergrund wenig, aber wenigstens der rechtliche Aspekt der damaligen Massennötigung sollte ihm doch nicht verborgen geblieben sein. Vielleicht weist jedoch ein bis heute offenes Kapitel seiner Vita auf einen gewissen Mangel an Sensibilität bezüglich humanistischer Werte hin.


Dass Kuban für die Unternehmerverbände Niedersachsen als Leiter Recht und Nachhaltigkeit tätig ist, gehört zu den gewöhnlichen Etappen im Leben eines JU-Vorsitzenden, endet die typische Biographie nach einem Intermezzo in der Politik doch meist in Aufsichtsräten oder Lobby-Agenturen. Interessant hingegen – gerade hinsichtlich der politischen Präferenzen – ist seine Aussage, stolz auf die Mitgliedschaft in einer schlagenden Verbindung zu sein.


Überhaupt scheint die ganze JU fest in der Hand studentischer Verbindungen, deren martialische Vorhut die schlagenden Burschenschaften bilden, zu sein. Kubans Vorgänger, der Merz-Judas Ziemak schaffte zwar sein Jurastudium nicht, wohl aber die Aufnahme in gleich zwei katholische Verbindungen. Was im frühen 19. Jahrhundert als akademische Bewegung mit dem Ziel der nationalen Einigung begann, entwickelte sich bald zu einem Hort reaktionärer Deutschtümelei, antisemitischer Hetze und militaristischer Saufkultur. Heinrich Heine war wegen der Propagierung einiger bürgerlicher Freiheiten zunächst Mitglied einer Göttinger Männerbundes geworden, notierte aber schon 1820 kurz vor seinem Austritt über das Wartburgfest der Burschenschaften:


 „Auf der Wartburg hingegen herrschte jener unbeschränkte Teutomanismus, der viel von Liebe und Glaube greinte, dessen Liebe aber nichts anderes war als Haß des Fremden und dessen Glaube nur in der Unvernunft bestand, und der in seiner Unwissenheit nichts Besseres zu erfinden wußte, als Bücher zu verbrennen!“


Nach der Hitler-Diktatur konnten sich die studierenden Sprösslinge der Oberschicht und des gehobenen Mittelstandes das angeknackste Nationalbewusstsein bei den archaischen Zeremonien, elitären Trinkgelagen und blutigen Mensuren in der typischen Maskerade der Verbindungen mit Kappe und Schärpe wieder aufpolieren. Doch die Mitgliedschaft in den Akademiker-Clans barg auch einen wichtigen ökonomischen und – wie das Beispiel JU belegt – politischen Vorteil in sich: Nirgendwo sonst wurden lukrative Positionen und angesehene Posten, vom Notar bis zum Chefarzt, so effizient unter der Hand verschachert wie in den Burschenschaften mit ihren mächtigen Alten Herren. Bei Bewerbungen aller Art wurde stets der Bundesbruder bevorzugt.


Die für Verbindungen so typische bierselige Ideologie zwischen Reaktion und Restauration, die Sehnsucht nach dem angeblich so hehren Mittelalter und dem reinrassigen Germanentum müssen auch Tilman Kuban umgetrieben haben, als er kurz nach seiner Wahl zum JU-Vorsitzenden den rhetorischen Rückwärtsgang einlegte und mit Vollgas in die Vergangenheit preschte.

 

Mumien und Schauergeschichten

 

Kuban warf nicht nur Merkel verbal in den Nazi-Topf, er zog auch über die Grenzöffnung für Flüchtlinge 2015 („gegen die schweigende Mehrheit der CDU“) her. Er hätte auch gern wieder die allgemeine Wehrpflicht, vermutlich um genügend Soldaten zum Marschieren durch die weite Welt vorzuhalten, und nennt den Ausstieg aus der Atomenergie (der nach Fukushima eigentlich Merkels Ausstieg aus ihrem eigenen Ausstieg aus dem Ausstieg von SPD und Grünen war) eine „zweifelhafte Entscheidung“. Scheinbar hält er eine Technologie, die der Mensch nie zur Gänze beherrschen wird und deren Hinterlassenschaften die Erde zu kontaminieren drohen, für eine praktikable Alternative.


Mit solchen Einlassungen befindet sich Tilman Kuban eigentlich voll im Trend einer Partei, die zunehmend rückwärtsgewandt alle Hemmschwellen der rechtsliberalen Merkel-Ära abbauen will. Da taucht wie eine abgehärmte Mumie der Bierdeckel-Magier Friedrich Merz wieder aus der politischen Versenkung auf. Da schlägt Annegret Kramp-Karrenbauer als neue Domina bezüglich der Flüchtlingspolitik Töne an, für die eigentlich die AfD Urheberrecht beanspruchen könnte. Da macht die christliche Partei mit ihrer Mission „Waffen für die Welt“ einem Hilfswerk der Evangelischen Kirche antagonistische Konkurrenz.


Tilman Kuban hat gesagt, er sehe sich selbst mit dem Vers „sturmfest und erdverwachsen“ aus dem Niedersachsenlied gut beschrieben. Klingt irgendwie nach Klabautermann oder nach Gnomen und Erdgeistern aus einem Schauermärchen von E.T.A. Hoffmann.

 

03/2019

 

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