Mutter der Beratung

Cartoon: Rainer Hachfeld


Was war das für ein Aufschrei, als die kontinentalen Schwergewichte Macron, Merkel und Tusk den Wählerwillen und das Europa-Parlament souverän übergingen und sich in einem sozusagen hierarchisch-demokratischen Entscheidungsprozess auf Ursula von der Leyen als künftige Präsidentin der EU-Kommission einigten! Nach reiflicher Überlegung aber könnte man zu dem Schluss kommen, dass die häufig als „Versagerin“ apostrophierte Kriegsministerin der BRD eine gute Wahl wäre, gilt sie doch als Mäzenin jener Beratungsfirmen, die in Deutschland ganze Bundesressorts und Institutionen schmeißen und möglicherweise bald auch Brüssel klarmachen, wo der Hammer des Wirtschaftsdiktats hängt.


Freunde im Kriegsministerium


Auf die Frage, wie es ihr gelungen sei, sieben Kinder großzuziehen und gleichzeitig ihre politische Karriere zu forcieren, antwortete Ursula von der Leyen einst, dies sei durch gute Organisation gelungen. Welch ein Trost für kinderreiche Familien: Sie müssen nur ein Rudel von Au-Pairs, Erzieherinnen und Hauswirtschafterinnen beschäftigen, und schon können sich beide Elternteile dem Aufstieg in Regierungsämter widmen. Als Verteidigungsministerin, sozusagen als Mutter der Truppe, verließ sich Frau von der Leyen allerdings nicht nur auf ihr Organisationstalent; vielmehr öffnete sie diversen Beraterfirmen Tür und Tor, die alsbald damit begannen, die Bundeswehr nach ihren Vorstellungen zu formen und auszustatten.


Es war der böse Bundesrechnungshof, der die emsige Idylle nachhaltig störte. Er monierte im Februar dieses Jahres, dass Hunderte von Millionen Euro an hochbezahlte Mitarbeiter von McKinsey, KPMG und Accenture für Tätigkeiten, die eigene Angestellte mindestens ebenso gut hätten erledigen können, ausgegeben worden seien, noch dazu ohne Kosten-Nutzen-Analyse und „freihändig“, also ohne Ausschreibung. Da die Unternehmensberater sich vor allem des Beschaffungswesens annehmen sollten, kann sich auch ein mit mäßiger Phantasie begabter Bürger leicht vorstellen, wie gründlich im Beziehungsdschungel von Consulting- und Rüstungsfirmen eine Hand die andere wusch.


„Im Fokus steht unter anderem die Frage, wie es zu den Regelverstößen kommen konnte“, sagte laut taz der Linken-Abgeordnete Matthias Höhn. Als harmloseste Antwort ließ er „Schludrigkeit“ gelten, als brisanteste argwöhnte er „Vorsatz“. Wie dem auch sei, Ursula von der Leyen selbst machte den Weg für solche Machenschaften frei: Vermutlich um den Beratungsfirmen langes Antichambrieren zu ersparen, hatte sie die Ex-McKinsey-Frau Katrin Suder zur Staatssekretärin berufen. Die Insiderin vergab bis April 2018 etliche Aufträge an Firmen ihrer ehemaligen Branche und scheint vor allem einem gewissen Timo Notzel von Accenture fachlich und persönlich besonders nahegestanden zu haben.

 

Rüstungsprojekte, an denen die externen Berater gewerkelt hatten, verteuerten sich teils um das Doppelte. So wird das TLVS-Raketenabwehrsystem statt vier mindestens acht Milliarden Euro kosten. Ein Untersuchungsausschuss des Bundestags wurde eingesetzt, während die Ministerin auch wegen des grandiosen Managements bei der Instandsetzung des Segelschulschiffs Gorch Fock in eine arg steife Brise geriet. Die Reparatur der archaischen Bark, die wohl entweder als maritimes Selbsterfahrungszentrum oder als Sturmbraut gegen die russische Flotte flottgemacht werden sollte, war zunächst auf zehn Millionen Euro veranschlagt, inzwischen kletterten die Kosten auf 135 Millionen, Tendenz weiter steigend. Dann ging auch noch die Werft pleite und wollte den hölzernen Kadaver nicht sofort herausrücken. Angesichts so vieler kostspieliger Pannen forderten die Grünen erst vor wenigen Tagen den Rücktritt von der Leyens. Und auch andere Politiker sowie viele Journalisten erwarteten quasi stündlich ihre „freiwillige“ Demission oder zwangsweise Entlassung.

 

Und nun tritt sie wirklich zurück, um Europas Geschicke zu lenken. Es freuen sich die Politiker im Osten Europas, die eine militärische Front gegen Russland schmieden wollen sowie deutsche und französische Strategen wie Macron und Merkel, die von einer EU-Streitmacht unter ihrem Oberkommando träumen. Vielleicht aber freuen sich auch bald die Beamten in Brüssel, weil das System von der Leyen ihnen Pflichten und Verantwortung von den Schultern nimmt und in die Hände externer Berater legt. 

 

Die Retterin der sinkenden EU?



McKinsey & Co als Oberaufseher


Zu den Heilmitteln, mit denen Consulting-Profis notleidende Firmen zu kurieren pflegen, gehören die „Verschlankung“ der Belegschaft und eine konsequentere Auspressung der Humanleistung. Als Ursula von der Leyen 2009 Arbeitsministerin wurde, war McKinsey schon da: In der Agentur für Arbeit (AA) implementierten die Unternehmensberater neue Hierarchie- und Controlling-Ebenen, entwickelten kryptische Konzepte, führten eine neue Sprache ein, schotteten die Sachbearbeiter so weit wie möglich von den arbeitsuchenden Klienten (jetzt „Kunden“) ab und veränderten das ehemalige Arbeitsamt bis zur Unkenntlichkeit.


Da man in einer Behörde nicht einfach Mitarbeiter entlassen kann, um Kosten einzusparen, warteten die so beratenen Vorstände auf das altersbedingte Ausscheiden erfahrener Berufsberater oder Arbeitsvermittler, um unbedarfte, in kurzen Crashkursen angelernte Callcenter-Kräfte einzustellen, natürlich befristet und mit weit geringerem Lohn. Dass die neuen Indianer an der Front über keine psychologischen Grundkenntnisse im Umgang mit den „Kunden“ verfügten, dass sie die Firmen „draußen“ nie von innen gesehen und von beruflicher Rehabilitation o. ä. keine Ahnung hatten, kümmerte die Häuptlinge nicht. Dank McKinsey schmorte die Bundesagentur selbstreferentiell im Saft einer sinnentleerten Systematik – um die Arbeitslosen ging es nur am Rande.


Das muss von der Leyen in ihren vier Jahren als oberste Arbeitsministerin imponiert haben. Kaum war sie ins Verteidigungsressort gewechselt, zog sie externe Berater in Scharen hinzu, um mit deren Hilfe das erstbeste Beschaffungsobjekt in den Sand zu setzen. Sie hätte besser eine in den AA-Dienststellen kursierende Definition beherzigt: Unternehmensberater kommen, ohne gebraucht zu werden, geben Antworten auf Fragen, die niemand gestellt hat, und entwerfent Strategien zu Sachen, von denen sie nichts verstehen.


Jetzt mal schnell die EU


Die neuen Kalten Krieger in Osteuropa und Deutschland würden von der Leyens Wahl schon deshalb begrüßen, weil die dem niedersächsischen Geldadel entstammende Ursula – ganz im Sinne des großen Militaristen Trump – ständig mehr Geld für neue Waffensysteme forderte, während ihr jüngst bestelltes teures Spielzeug im Arsenal vor sich hin korrodierte und nie oder nur kurzzeitig funktioniert hat. Aber auch stressgeplagten Spitzenbeamten in Brüssel könnte die Kommissionspräsidentin in spe bald Balsam auf die wunden Seelen träufeln. Mussten sie sich doch ständig mit den Tausenden von Lobbyisten einigen, ohne dass der Bürger etwas von der konzertierten Aktion mitbekam. Das könnten künftig die Berater von McKinsey & Co. übernehmen, die der Engel mit der Stahlhelmfrisur wohl schon bald in die EU-Administration holen wird.


Die Vorteile lägen auf der Hand: Da die großen Consulting-Agenturen ihre Mitarbeiter in dieselben Automobilkonzerne, Pharmafirmen oder Unternehmen der Agrarindustrie entsandten, von denen die Lobbyisten in die Brüsseler Behörden ausschwärmten, kennt man sich. Also könnte man unter Ausschaltung der EU-Bürokratie informelle Treffen bei Kaffee und Cognac vereinbaren,auf denen die Ausschaltung des Umweltschutzes, die Umgehung von Produktkontrollen oder die Lockerung des Steuerrechts perspektivisch angegangen werden. Schließlich wollen beide Parteien ihren Auftraggebern nutzen. Wenn dann mit dem symbiotisch geballten Know-how von Unternehmensberatern und Klinkenputzern deren gegenwärtige Beauftragung, europäische Gesetze gleich selbst zu schreiben und Studien mit den gewünschten Ergebnissen erstellen zu lassen, perfektioniert würde, könnten sich die Beamten der Kommission und die Universaldilettanten im EU-Parlament beruhigt zurücklehnen.


Dank Uschi von der Leyen und ihrer Freunde liefe alles wie geschmiert – so denn die widerspenstige Mehrheit im Europaparlament umfällt und die aufgepfropfte Kandidatin durchwinkt.

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07/2019

 

Dazu auch:

Die McKinsey-Republik im Archiv von Politik und Abgrund (2016)

Mutti quotiert im Archiv dieser Rubrik (2013)