Mehret euch, Ungarn!

 

Viktor Orbán ist ein autoritärer Landesvater mit völkischem Sendungsbewusstsein. Als solcher kümmert sich das Idol der hiesigen AfD nicht nur um die Reinhaltung des ungarischen Blutes, indem er Migration ablehnt und Flüchtlingen den Zugang zum magyarischen Paradies verweigert, er sorgt sich, ähnlich dem Herrgott im ersten Buch Mose, auch um die Vermehrung seiner Untertanen. Mit einem raffinierten Plan, der u.a. die Automobilbauer freuen wird, düpiert er alle Skeptiker, denen ohnehin schon zu viele Artgenossen auf der Erde leben.

 

Viele Ungarn statt Großungarn

 

Es ist noch nicht lange her, da erregte Orbán einige Besorgnis in den Nachbarstaaten wie Rumänien oder der Slowakei, weil er laut über ein künftiges Großungarn nachdachte, zu dem zwangsläufig auch die magyarischen Minderheiten in den an sein Land anrainenden Regionen gehören müssten. Da sich aber in der EU Grenzen nicht so einfach verschieben lassen, entwickelte er einen neuen Maßstab für die nationale Größe der Puszta-Republik: Nicht um die Ausdehnung geht es ihm nun, sondern um die Menge waschechter Ungarn.

 

Schon während der Zwangsbrüderschaft im eher prüden Warschauer Pakt galt Budapest als eine Art frivole Oase im Osten, als Exklave des gelebten Lustprinzips inmitten des staatssozialistischen Biedersinns sozusagen. „Der Ungar an sich schnackselt halt gern“, würden prominente bayerische Originale solch promiske Zustände beschreiben. Allerdings planen sexuell Aktive nicht zwangsläufig die Gründung einer Großfamilie, zudem tun sie sich in der Regel mit Pille, Kondom und anderen Verhütungsmitteln leicht. Die traurige Folge dieses Fachwissens war und ist ein erheblicher Rückgang der Geburtenrate, und statt größer zu werden, schrumpft Ungarn bis heute bevölkerungstechnisch.

 

Dem will Viktor Orbán jetzt gegensteuern, natürlich nicht durch Zuwanderung und Einbürgerung, sondern mittels einer abgestuften Belohnungsstrategie für das alteingesessene Volk. Denn es geht ihm nicht um ethnisch unqualifizierten Zuwachs, sondern (vorwiegend) um hellhäutige Sprösslinge mit Wurzeln in der magyarischen Muttererde. „Wir wollen nicht nur Zahlen, wir wollen ungarische Babys",  sagte Orbán laut taz, denn: „Wer sich - aus welchen Gründen auch immer - für Migration und Migranten entscheidet, schafft ein Land mit gemischter Bevölkerung."  Und die will der Heimatvisionär auf keinen Fall. Also lockt er gebärfaule Ungarinnen mit lukrativen Anreizen, die zugleich die einst berüchtigte Mobilität des Steppenvolkes auf zeitgemäße Weise erhöhen sollen.

 

Magyarische Autohorden

 

Eine Frau, die zum ersten Mal heiratet, kann ab jetzt einen staatlichen Kredit in Höhe von umgerechnet 31.417 Euro zur freien Verfügung in Anspruch nehmen. Sie muss aber reinrassige Ungarin und unter 40 Jahren alt sein. Bei Geburt ihres ersten Kindes wird die Rückzahlung drei Jahre lang ausgesetzt. Nach dem zweiten Kind wird ein Drittel des Kredits erlassen. Setzt die Mutter einen dritten Sprössling in die Welt, muss sie nichts mehr zurückzahlen. Eine ordentliche Bürgerin kann sich künftig in Ungarn also schuldenfrei gebären.

 

Frauen, die mindestens vier Kinder zur Welt gebracht haben und selbst aufziehen, werden bis zu ihrem Ableben von der Einkommenssteuer befreit (vermutlich keine große Wohltat des Staates angesichts mangelnder Lebenszeit zu lukrativer Beschäftigung). Weitere Kreditprogramme und Teilbürgschaften des Staates stehen fruchtbaren Familien für den Wohnungserwerb zur Verfügung.

 

Noch ein besonderes Zuckerl für umtriebige Großfamilien und (vor allem) die deutsche Automobilindustrie hält Orbáns Katalog der Mehrungsprämien bereit: Ehepaare mit drei Kindern plus X erhalten beim Kauf eines mindestens siebensitzigen Kraftfahrzeugs vom Staat einen Zuschuss von fast 8.000 Euro. Die Ungarn, einst als weitschweifendes Reitervolk gefürchtet, das erst 955 mittels der Schlacht auf dem Lechfeld in seiner Expansion gestoppt werden konnte, werden also demnächst in Kleinbussen und SUVs Europa unsicher machen, möglicherweise auf der Flucht vor dem Kindergewusel im Smog der eigenen Städte.

 

Die guten alten Zeiten

 

Unter Viktor Orbán zeigt sich der ungarische Staat sehr traditionsbewusst, vor allem wenn der Zaunpfahl in eine bestimmte Richtung der eigenen Vergangenheit winkt. So beschrieb Klaus Harpprecht bereits 2015 in der ZEIT, dass die Kleinen in den Kindergärten patriotische Lieder und Sprüche lernen, in denen die Ungarn als „auserwähltes Volk“ aufscheinen, und dass viele Eltern trotz einer halben Million auf Hitlers Geheiß in ihrem Land umgebrachter Juden noch heute eine alte Waffenbrüderschaft feiern: „Die Erwachsenen dürfen zu Heldengedenktagen (mit Fackeln) antreten, bei denen nicht nur den gefallenen ungarischen Soldaten, sondern mit gleicher Inbrunst den Toten der deutschen Wehrmacht und mit besonderem Pathos der Waffen-SS gehuldigt wird.“

 

Ins Bild passt, dass mittlerweile überall im Land wieder Statuen des „Reichsverwesers“ von Hitlers Gnaden, Admiral Horthy, aufgestellt werden. Und auch Orbáns Plan, eine migrantenfreie  Aufstockung der ungarischen Bevölkerung zu erreichen, erinnert vage an nationalsozialistische Programme. Auch im kurzlebigen Tausendjährigen Reich existierten finanzielle Anreize, um „rassisch wertvolle“ Frauen zur Reproduktion zu motivieren. Heiratswillige Paare, die nationalsozialistischen „Qualitätsanforderungen“ entsprachen, konnten ein Darlehen von tausend Reichsmark beanspruchen. Pro Baby verminderte sich die Darlehensschuld um ein Viertel und war so nach der vierten Geburt „abgekindert“.


Natürlich ist jeder Vergleich Viktor Orbáns mit einem faschistischen Machthaber absurd, ist seine Fidesz-Partei doch geachtetes und manchmal sogar umworbenes Mitglied der Fraktion der Europäischen Volkspartei  im EU-Parlament, sitzt also in Reih und Glied mit den beiden deutschen Christ-Unionen, anerkannten Sammelbewegungen lupenreiner Teilzeit-Demokraten. Die erwähnte Ähnlichkeit mit Nazi-Methoden zur Erhöhung der völkischen Kopfzahlen muss also ausschließlich zufälliger Natur sein…


Auf Letzteres weisen auch Äußerungen Orbáns hin, dass er im Kampf gegen den ungarischen Bevölkerungsschwund – ganz im Widerspruch zum Purismus der Nazi-Eugeniker - sogar auf die Roma baut. Bislang hatte der Ministerpräsident diese Minderheit von lokalen Behörden drangsalieren lassen und sie nach Herzenslust beschimpft – obwohl doch der Zigeunerprimas als Protagonist verlogener  Czardas-Folklore eine Hauptrolle in der internationalen Touristenwerbung spielt. Jetzt ernennt der wandelbare Geburtenplaner diese Minorität ausdrücklich zum kleineren Übel im Vergleich zu dahergelaufenen Migranten.


Ob sich an der fürchterlichen sozialen Situation und dem Mangel an Bildungsmöglichkeiten für die Roma-Minderheit – ein vom Europarat in Auftrag gegebener Expertenbericht spricht von „systemischer Diskriminierung“ – etwas ändern wird, darf bezweifelt werden. Zur Aufhübschung der Statistik aber kommen Orbán selbst Babys mit für ihn und seine Konsorten zweifelhafter Abstammung recht.


02/2019

 

Dazu auch:

Europa wird braun im Archiv von Politik und Abgrund (2016)