Die Fabel vom Wolf Markus*

Cartoon: Rainer Hachfeld


Im schönen Bayernland lebte einst ein Wolf, der wegen seiner Grobheit und Rücksichtslosigkeit gefürchtet war. Markus durchstreifte ruhelos die politische Wildnis, immer auf der Suche nach Macht und Posten. Den anderen Tieren galt er als brutaler und verschlagener Rambo (um einen Begriff aus dem Menschenreich zu bemühen). Von einem Tag auf den anderen aber wandelte sich Markus zum verständnisvollen Landesvater, der seinen Untertanen bis hinunter zu den Bienen zuhörte, seinen Ton mäßigte und sanft wie ein Lämmlein über Dinge sprach, die er insgeheim lieber mit dem Müll entsorgt hätte. Was war geschehen?

 


Leader of the Pack


Zu der Zeit, als die Metamorphose erfolgte, saß Markus bereits als Söder I. auf dem bayerischen Thron. Er hatte den alten Leitwolf Horst aus dem Rudel gebissen und ihn aus dem Revier nach Preußen verbannt. Markus aber mochte nicht nur König von Bayern sein, er wollte es auch bleiben. Also knurrte er Furcht einflößend, dass zugereiste Wölfe sich den bayerischen Sitten zu unterwerfen hätten. Da er es aber für noch besser hielt, flüchtige Artgenossen aus umkämpften Wäldern erst gar nicht Schutz und Bleibe zu gewähren, stellte er eine Rüdenpatrouille für die eigenen Grenzen auf.


Markus fletschte die Zähne der EU und Berlin gegenüber, betonte, dass sein Bayern das beste aller möglichen Bayern sei, und markierte seinen Forst an allen Ecken und Enden mit drohenden Kreuzen. Da er sich nicht wie die gewöhnlichen Wölfe damit begnügen wollte, den Mond nur anzuheulen, rief er das Raumfahrtprogramm Bavaria One ins Leben, wohl um fremden Lebewesen im All Kulturgüter wie das Fingerhakeln und den Leberkäse nahezubringen


Jetzt bin ich der größte Leitwolf aller Zeiten und unermesslich populär, dachte der Markus, doch darin irrte er gewaltig. Die Tiere sahen, dass er das Geld für Bavaria One glatt vergessen hatte und seine Rüden an der Grenze kaum Flüchtlinge fingen, aber ordentlich Steuermittel verschlangen. Vor allem aber trauten und glaubten sie Markus nicht, weil er immer noch so aggressiv um sich biss wie in jungen Jahren. Die Kunde von seiner Unbeliebtheit wurde ihm von Herolden hinterbracht, und sogleich sann er nach, wie er sein Ansehen ein wenig steigern könne, ohne von List, Macht und Pfründen lassen zu müssen.


Der Versuch mit der Kreide


Alte weise Wölfe rieten Markus dazu, es mit Kreide zu versuchen. Der schluckte weißes Kalkgestein in rauen Mengen, und tatsächlich veränderte sich seine Stimme. Sie verlor ihre rotzige Schärfe und wurde mild, ja beinahe lieblich, klang ganz wie die eines sich um die Seinen sorgenden Patriarchen. Und mit dem Timbre wandelte sich die Melodie.


Plötzlich säuselte Markus, man/wolf dürfe keine bösen Worte über Asylbewerber verlieren, das bislang von ihm verspottete christdemokratische Nachbarrudel sei eigentlich ganz in Ordnung, und auch die supranationale Wolfsgesellschaft in Brüssel tue ihre Pflicht, zumal sein Spezl, das Betatier Manni, dort in Kürze die Regie übernehmen werde.

 


Doch es half nichts, die Tiere vertrauten ihm nicht, weil sie überall auf Wahlplakaten sein leicht grimassierendes Antlitz mit der zu einem hinterlistigen Grinsen verzogenen Schnauze sahen. Nur noch 38 Prozent von ihnen mochten ihm ihre Stimme geben, und er musste sich mit den sektiererischen Freien Wölfen, die sich aus Gründen, an die sich niemand mehr erinnern konnte, vom Mutterrudel getrennt hatten, arrangieren, um überhaupt noch Leitrüde bleiben zu können.

 

 

Kreidestimme und Samthandschuhe: Der "neue" Markus


 

 

 

 

















Der Schafspelz-Trick 


Da entschloss sich Markus dazu, eine vollständige Kehrtwende einzuleiten, wenigstens äußerlich und nach Bedarf auch inhaltlich. Er versteckte sein gräulich-schwarzes Fell unter einem blühend weißen Schafspelz und verkündete des Öfteren das Gegenteil von dem, was er zuvor propagiert hatte.


Als Söder I. noch als marodierender Alpharüde nach oben drängte, hatte er das Riedberger Horn, im Alpenplan als Allgäuer Schutzzone C der striktesten Art ausgewiesen, durch eine Skischaukel zerstören und für den Trampeltourismus reif planieren lassen wollen. „Der Alpenraum ist kein Denkmal, ist keine Verbotszone für Bürger.“ So beschied er Naturschützer und anderes Öko-Gesindel kurz und bündig. Einen weiteren Nationalpark werde es in Bayern nicht geben, dekretierte er unter dem Beifall der privaten Forstwirtschaft. Die Natur war nach seiner Raffzahn-Devise in erster Linie dazu da, Holz und Kapital aus ihr zu schlagen.


Als erklärte Feinde der Makro-Landwirtschaft mit den für sie typischen sauberen Monokulturen und dem todsicheren Einsatz von Insektiziden die bayerische Fauna zu einem Tierbegehren gegen das Bienensterben aufriefen, bellte Markus noch verächtlich. Wenig später aber musste er registrieren, dass die Initiatoren damit den Geist der Zeit getroffen hatten. Und da begann seine endgültige Verwandlung vom rabiaten Wolf zum jovialen Leithammel.


Alles, was die grünen Schwätzer forderten, werde in ein möglichst unverbindliches Landesgesetz gegossen, blökte Markus, und das Riedberger Horn sei als Schutzgebiet für Birkhühner auf einmal wieder unantastbar. In seinem weißen Schafspelz setzte er sich an die Spitze der Bewegung, weil ihm seine feine Witterung signalisiert hatte, woher der Wind weht. Er beschloss bei sich, die Herde so lange zumindest vorgeblich in die nachhaltige Richtung zu führen, bis der Zeitgeist umspränge und rechter Populismus, Fremdenfeindlichkeit sowie Öko-Erschlaffung wieder erste Wahl seien und den ganzen Wolf in ihm erforderten.


Den Tieren aber erging es ähnlich wie dem Personal von Orwells Animal Farm: Sie blickten von den Wölfen zu den Schafen, und von den Schafen zurück zu den Wölfen, und sie konnten keinen Unterschied mehr erkennen. Also gingen sie zu den Urnen und gaben Markus und seinem Rudel mehr Stimmen für das Europaparlament als in den Zeiten des alten Isegrim Horst. Es ist das Schicksal der Schafe und Rindviecher, stets Ihresgleichen zu folgen, auch wenn es zum Schlachten geht.

      

*Wölfe sind Beutegreifer, deren Remigration nach Deutschland ich ausdrücklich begrüße. Ihnen Eigenschaften wie „gut“ oder „böse“ zuzuschreiben, sie also zu „vermenschlichen“, ist nur im Bereich der Fabel statthaft. Wenn ich den Politiker Söder also mit den Attributen des Meisters Isegrim  im Tiermärchen ausstatte, so nur deshalb, weil sein Verhalten an das der Fabelfigur erinnert. Ansonsten hätte ich auch andere Vertreter der Fauna, etwa eine Hyäne, einen Iltis oder einen Pfau, als Pendant auswählen können.

 

06/2019

 

Dazu auch:

Lumpaci & Vagabundus (2016) und Das Söder (2012) im Archiv dieser Rubrik